Im Kino: Die Einzelteile der Liebe

Eigentlich brauchte die hochschwangere Sophie (Birte Schnöink) nur jemanden, der sie ins Krankenhaus fährt. Dass das am Ende Georg (Ole Lagerpusch) wird, ein Freund ihres unzuverlässigen Partners, das war reiner Zufall. Doch aus dem Zufall wird mehr. Während sich der biologische Vater bald aus dem Staub macht, werden die zwei ein Paar. Georg kümmert sich wie selbstverständlich um den kleinen Jakob (Justus Fischer). Jahre später sind die Gefühle zwischen beiden jedoch erloschen. Dafür beginnt nun der Streit ums Sorgerecht, denn wenn es nach Sophie ginge, hätte sie den Jungen in Zukunft für sich allein.

Menschen begegnen sich, entwickeln Gefühle füreinander, irgendwann ist alles vorbei. Das ist nichts Besonderes, zumindest von außen betrachtet. Es ist sogar mittlerweile der häufigere Fall, dass eine Beziehung nur eine begrenzte Laufzeit hat. Doch so verständlich das Ende einer Liebe aus der Außenperspektive ist, so wenig verständlich ist die zuweilen für die Betroffenen. Den Beweis liefert das Drama „Die Einzelteile der Liebe“, welches eine über sechs Jahre angelegte Liebesgeschichte erzählt, von den unbeholfenen Anfängen bis zur krachenden Trennung.

Wobei Regisseurin und Drehbuchautorin Miriam Biese bei der Struktur einen etwas eigenen Weg geht. Da wäre zunächst der Verzicht auf die übliche Chronologie. Der Film beginnt mit einer sehr dramatischen Szene, wenn die Beziehung längst vorbei ist, die schönen Gefühle sich in etwas sehr hässliches verwandelt haben. „Ich hasse dich“, ruft Sophie Georg hinterher. Dann der Schnitt, wir reisen sechs Jahre in die Vergangenheit, zu dem Zeitpunkt, als die Liebe zwischen beiden laufen lernte. Georg will eigentlich Sophie helfen, was aber nicht so klappt wie geplant. Geradezu komisch mutet die Situation an, ein Vorbote für eine turbulente Beziehung, in der nur wenig Gemeinsames zu sehen ist.

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Doch anstatt die Geschichte nun chronologisch zu erzählen, da bleibt „Die Einzelteile der Liebe“ unberechenbar. Immer wieder wechselt Biese auf dem Zeitstrahl munter hin und her, zeigt glückliche Momente, zeigt unglückliche Momente. Die meisten davon sind direkt dem Alltag entnommen und behandeln Themen, denen sich die meisten Paare stellen müssen. Wer verdient das Geld? Wer bleibt zu Hause und kümmert sich um das Kind? Eine eindeutige Antwort darauf finden die beiden nicht. Die Situationen sind fast immer schwierig, ambivalent, auch Jakob wegen, der gleichzeitig Georgs Sohn und nicht sein Sohn ist. Und Georg nur ein halber Vater, wie es an einer Stelle heißt.

Ungewöhnlich ist neben der Erzählweise zudem das Setting. Nahezu alle Szenen spielen vor einer Tür. Vor ihrer Wohnung, vor der gemeinsamen Wohnung, vor der getrennten Wohnung, mal von außen, mal von innen. Das ist als Symbol interessant, zumal fast nie jemand durch diese Tür geht. Was manchmal auch damit zusammenhängt, dass der Schlüssel fort ist: Immer wieder wird das Thema angesprochen, wer rein darf, wer rein kann. Das wirkt manchmal wie ein Bühnenstück. Doch auch wenn der Schauplatz in jeder Szene mehr oder weniger statisch ist, so gibt es doch immer wieder Perspektivenwechsel.

Denn das ist eines der Anliegen von „Die Einzelteile der Liebe“: Eine gemeinsame Geschichte von mehreren Sichtwinkeln aus zu zeigen.  Jeder hat hier an Anteil, auch wenn der nicht eingesehen wird. Dass sich diese Einzelteile nicht unbedingt zu einem schlüssigen Bild zusammensetzen, ist daher auch kein Nachteil. Die Beziehung der beiden ist voller Widersprüche, vereint Verletzungen und Zärtlichkeit, zeigt in gleichermaßen alltäglichen wie skurrilen Situationen, was es heißt, sich auf andere Menschen einzulassen. Das kann banal sein und doch auch sehr komplex, versucht sich an Schlagworten und erzählt doch mehr mit subtilen Mittel, Gesten und Halbsätzen.

Fazit: „Die Einzelteile der Liebe“ hört sich nicht romantisch an, ist es auch nur selten. Stattdessen beleuchtet das Drama seinen Themenkomplex aus verschiedenen Perspektiven, zeigt auf ebenso banale wie ungewöhnliche Weise, wie zwei Menschen zu einem Paar werden und sich mit der Zeit wieder entfremden – bis zum großen Knall.

Wertung: 7 von 10

Regie: Miriam Biese; Darsteller: Birte Schnöink, Ole Lagerpusch, Andreas Döhler, Justus Fischer; Kinostart: 22. August 2019