Im Kino: Ein Leben

Das Leben kann so schön sein! Dieser Ansicht ist zumindest Jeanne (Judith Chemla). Sie kommt aus einem guten Haus, muss sich über Finanzen keine Sorgen machen. Sie kann sogar entscheiden, wen sie heiraten will – und das ist für eine junge Landadelige im Frankreich des 19. Jahrhunderts nicht selbstverständlich. Ihre Wahl fällt auf Vicomte Julien de Lamare (Swann Arlaud). Der entstammt zwar einer ärmeren Familie, sieht aber gut aus und scheint ehrlich in sie verliebt zu sein. Doch mit der Zeit muss Jeanne feststellen, dass sie alles andere als glücklich mit ihm ist. Der Alltag ist trübe und von Bevormundung geprägt. Und die wirklich traurigen Erfahrungen stehen ihr noch bevor …

Das 19. Jahrhundert brachte ja so einige Romane hervor, die von den Leiden besser gestellter junger Frauen handelte. Die bekanntesten sind sicher „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert und „Effi Briest“ von Theodor Fontane, in denen die Protagonistinnen an ihren Leidenschaften und den damaligen Moralvorstellungen zugrunde gehen. Auch „Ein Leben“ von Guy de Maupassant berichtet von dem Unglück einer solchen Frau. Anders als ihre literarischen Leidgenossinnen ist sie jedoch weitestgehend reines Opfer, wird erst von ihrem Mann, später auch ihrem Sohn hintergangen. Das hört sich erst einmal nicht so richtig spannend an. Ein herumgeschubstes Heimchen am Herd, das an der eigenen Passivität und Gutgläubigkeit zugrunde geht, das passt nicht so wirklich in die heutige Kinolandschaft. Umso mehr, da die übliche Zielgruppe für derlei Kostümfilme sich von dem obligatorischen Happy End verabschieden muss. Oder überhaupt von einer Form des Glücks.

Guy de Maupassant galt allgemein nicht unbedingt als ein Verfechter des Optimismus. Gerade seine Novellen sind beseelt von Gesellschaftskritik und einer allgemeinen Abrechnung mit der menschlichen Natur. Das ist bei„Ein Leben“ nicht anders. Je weiter der Film voranschreitet, umso deprimierender wird er. Jedes kurze Aufflackern von Hoffnung wird gleich zunichtegemacht, Jeanne wird im Laufe der Zeit alles verlieren, ohne zu verstehen, wie ihr geschieht. Die Adaption durch Regisseur Stéphane Brizé („Der Wert des Menschen“ > mehr dazu) ist dabei besonders perfide. Anders als der Roman verabschiedet sich der Filmemacher von der Chronologie der Vorlage. Genauer vermischt er den zunehmenden Zerfall von Jeannes Leben mit ihren Erinnerungen an früher. Dabei trennt er nicht scharf, Vergangenheit und Gegenwart gehen fließend ineinander über. Das ist zu Beginn etwas verwirrend, entfaltet aber eine ungeheure Wirkung, gerade auch durch den Kontrast. Momente der Romantik und lichtdurchfluteter Gärten verschwimmen mit Aufnahmen, wie Jeanne im Dunkeln sitzt, ratlos und verlassen.

Das Drama geht auch anderweitig optisch eigenwillige Wege. Die üblichen Breitwandaufnahmen wichen dem früheren 4:3 Format. Das wirkt gleichzeitig fremd und vertraut, eine Erinnerung an frühere Zeiten, als unsere Fernseher dieses noch verwendeten. Notwendig wäre das nicht gewesen. Aber es passt doch auch zu einem Film, der einen Einblick gibt in eine frühere Zeit. Ein sehr persönlicher Einblick zwischen Erzählung und reiner Assoziation. Ein sehr beengter Einblick aber auch, der uns keine Freiheit lässt, nur einen Teil von dem zeigt, das wir sonst sehen. So wie auch Jeanne in ihrer Geschichte immer nur einen Teil zu sehen bekommt, auf der Suche ist und dabei doch blind bleibt für das, was um sie herum geschieht.

Fazit: Die Adaption von Guy de Maupassants gleichnamigen Roman erzählt wie die Vorlage die Geschichte einer jungen Frau, die eine Enttäuschung nach der anderen erlebt und von ihr wichtigen Menschen hintergangen wird. Das Ergebnis ist ein selten deprimierendes Drama, auch durch die ungewöhnliche Umsetzung: Bilder der traurigen Gegenwart verschmelzen mit Erinnerungen aus glücklichen Tagen zu einem assoziativen Einblick in ein kaputtes Leben.

Wertung: 8 von 10

Regie: Stéphane Brizé; Darsteller: Judith Chemla, Swann Arlaud; Kinostart: 24. Mai 2018