Im Kino: Die Erbinnen

Bislang haben Chela (Ana Brun) und Chiquita (Margarita Irún) eigentlich ganz gut gelebt. Zu gut sogar. Seit vielen Jahren lebt das Paar schon über seine Verhältnisse und ist mittlerweile gezwungen, sich von alten Erbstücken zu trennen, um den eigenen Lebensstil finanzieren zu können. Die eigentliche Herausforderung kommt aber, als Chiquita wegen der Schulden für einen Monat ins Gefängnis muss. Nun muss Chela allein ihr Leben meistern, was der introvertierten älteren Dame ein wenig schwer fällt. Doch nach und nach findet sie sich in ihrer Rolle zurecht und verdient, mehr aus Zufall heraus, sogar ein wenig Geld als Taxifahrerin. Bis sie Angy (Ana Ivanova) kennenlernt und langsam für sie Gefühle entwickelt.

Regisseur und Drehbuchautor Marcelo Martinessi findet in seinem Spielfilmdebüt gleich zwei Themen, die er behandelt. Zum einen schildert der paraguayische Filmemacher den langsamen Niedergang der Oberschicht seines Heimatlandes. Die prunkvollen Möbel einer anderen Zeit, die verscherbelt werden müssen. Die schwindenden Statussymbole, an die sich die beiden klammern. Überreste einer vergangenen Zeit, einer alten Erinnerung. Damit verknüpft ist das Schicksal des Paares, das ebenfalls erste Risse bekommt. Das diese Risse vielleicht schon sehr lange hat, ohne dass eine der beiden dies bemerkt hätte.

Ältere Protagonisten, die noch einmal das Leben entdecken, die gab es in Filmen zuletzt jede Menge. Auch „Die Erbinnen“ ermuntert dazu, alles zu hinterfragen und einmal in sich hineinzuhorchen. Und bleibt doch auf eine spannende Weise ambivalent: Martinessi stellt Fragen, gibt aber keine Antworten, ist mit seiner Nachricht sehr viel zurückhaltender als die Kollegen. Ohnehin ist das Drama eines der leisen Zwischentöne und Andeutungen. Vieles wird nicht offen angesprochen oder auch gezeigt. Es liegt an den Zuschauern und Zuschauerinnen, die Szenen einzuordnen, sich Kontexte zu erschließen oder auch die Figuren. Das dies so gut funktioniert, ist zum einen der schönen Inszenierung und Kameraarbeit zu verdanken, die vieles von dem, was wortlos bleibt, in Bilder packt. Die Unsicherheit von Chela, die auf eigenen Beinen stehen muss und langsam die Welt da draußen mit kleinen Trippelschritten erkundet, mit verstohlenen Blicken aus den Schatten heraus.

Ein großes Kompliment gebührt aber auch Ana Brun, die hier sehr schön die Balance aus Zeigen und Nichtzeigen meistert. Ausgerechnet die Frau, die sich bislang hinter ihrer Partnerin, wahlweise auch einer Staffelei versteckt hat, wird zum Mittelpunkt, findet Beachtung, darf jemand sein. Das ist rührend und mit viel Wärme erzählt, ohne dabei in Kitsch oder Grußkartenfloskeln zu verfallen. Denn selbst wenn das Leben im Anschluss deutlich mehr Möglichkeiten für Chela bereithält, einfach ist es nicht. Dafür ist es dann doch zu komplex. In dem Drama haben alle auf ihre Weise geerbt, von der Gesellschaft, der Familie. Und nun liegt es an ihnen, was sie mit diesem Erbe anfangen.

Fazit: Wenn ein älteres Paar in „Die Erbinnen“ in Geldnot gerät, dann ist das der Anlass für eine gleichermaßen persönliche wie gesellschaftliche Geschichte über den Niedergang der Oberschicht von Paraguay. Das Drama hält sich dabei schön zurück, überlässt es der Hauptdarstellerin und der feinen Bildarbeit, um das zu vermitteln, was niemand sagen mag.

Wertung: 8 von 10


Regie: Marcelo Martinessi; Darsteller: Ana Brun, Margarita Irun, Ana Ivanova, María Martins; Kinostart: 29. November 2018