Im Kino: Der Affront

Yasser (Kamel El Basha) wollte das illegale Abflussrohr richten, mehr nicht. Dafür wurden er und seine Männer ja angeheuert. Toni (Adel Karam), um dessen Wohnung es gerade geht, interessiert sich jedoch wenig dafür, zertrümmert das Rohr und bespritzt den Arbeiter so mit Dreckwasser. Als der daraufhin Toni beschimpft, eskaliert die Situation: Die beiden Männer landen vor Gericht, der Streit zwischen ihnen beschäftigt bald die ganze Nation, immer mehr Menschen mischen sich in die Geschichte ein. Denn längst geht es bei der Auseinandersetzung um etwas ganz anderes.

Die Art und Weise, wie aus dieser Kleinigkeit plötzlich eine Riesengeschichte wird, die würde sich eigentlich für eine Komödie anbieten. Absurd genug ist das Szenario von „Der Affront“ ja. Aber schon in dem Moment, in dem Toni die nächste Eskalationsstufe einleitet, wird klar: Hier geht es um deutlich mehr. Regisseur und Co-Autor Ziad Doueiri lässt sich aber lange Zeit, um genau zu sagen, was dieses „Mehr“ denn sein will. Kleinere Hinweise gibt es natürlich zwischendurch. Puzzleteilchen, die sich zu einem etwas anderen Bild zusammensetzen, als es zunächst den Anschein hat.

„Der Affront“ nimmt uns mit in das Pulverfass Naher Osten und zeigt uns Konflikte abseits der bekannten. Während die kriegerischen Auseinandersetzung der Israelis und Palästinenser immer mal wieder die Schlagzeilen in Beschuss nehmen, bleiben Nebenschauplätze unbeachtet. Der Film will genau dies ändern, unterschätzte Konfliktherde benennen, alte Wunden aufzeigen, die vergessen, aber nicht verheilt sind.

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Das macht er teilweise ein bisschen sehr direkt. Die Nachricht wird lieber noch einmal in Dialogen wiederholt, anstatt die Taten für sich sprechen zu lassen. Auch arbeitet Doueiri mit Zufälligkeiten und Wendungen, die es in der Form gar nicht unbedingt gebraucht hätte. Die Zerrissenheit des Libanons wäre auch so offensichtlich gewesen. „Der Affront“ zeigt uns, wie der Libanon noch immer an den Folgen eines Bürgerkrieges leidet, auch unter der Flüchtlingsflut, als 500.000 Palästinenser in das kleine Land strömten – und blieben.

Das macht „Der Affront“ natürlich auch weit über den regionalen Konflikt hinaus sehr relevant und aktuell. Doueiri zeigt glaubwürdig auf, wie schwierig und komplex eine Situation sein kann, wenn sehr unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenkommen. Zusammenkommen müssen. Dass die Einteilung in Täter und Opfer so nicht immer funktioniert. Das ist ein kraftvolles Plädoyer für Toleranz und Aussöhnung, ebenso dafür, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ohne sich in ihr festzubeißen. Das ist spannend, gerade auch in der zweiten Hälfte, wenn der Streit Gerichtsthriller-Qualitäten annimmt. Und es ist intensiv gespielt, wenn sich die beiden Hauptdarsteller als ungleiche Gegner gegenüberstehen, in einem Duell, das nur Verlierer kennt.

Fazit: Ein harmloser Streit eskaliert und beschäftigt bald eine ganze Nation: Das hört sich komisch an. „Der Affront“ macht aus dieser Absurdität das packende Porträt eines zerrissenen Landes sowie ein kraftvolles Plädoyer für Toleranz und Aussöhnung. Das ist stark gespielt und von hoher Relevanz, auch wenn das Drama manchmal dazu neigt, etwas unnötig plakativ seine Nachricht beim Namen zu nennen.

Wertung: 8 von 10


Regie: Ziad Doueiri; Darsteller: Adel Karam, Kamel El Basha, Camille Salamé, Diamand Bou Abboud; Kinostart: 25. Oktober 2018