Im Kino: Denk ich an Deutschland in der Nacht

Wenn von elektronischer Musik aus Deutschland die Rede ist, wird so mancher an die 90er denken, als Techno quasi über Nacht zu einem hitparadetauglichen Phänomen wurde. Andere werden vielleicht auch an Kraftwerk denken, die schon in den 70ern für Furore sorgten – etwa mit dem bahnbrechenden Album „Autobahn“. Aber schon vorher, lang bevor der Mainstream sich dafür erwärmen konnte, gab es in den 50ern und 60ern Versuche, der herkömmlichen Musik durch neue Technologien einen etwas anderen Dreh zu geben.

Auch daran erinnert „Denk ich an Deutschland in der Nacht“, der sich der hiesigen Elektroszene zuwendet und diese von vielen Blickwinkeln aus beleuchtet. Oder es auch nicht tut. Nein, wer von der Dokumentation eine fein säuberliche Aufarbeitung dieses Musikgenres erwartet, wird enttäuscht. Beispielsweise kommen keine Veteranen zu Wort, keine Historiker, die der Entwicklung einen Kontext geben.

denk ich an deutschland in der nacht

Von Kontexten hält Regisseur Romuald Karmakar aber offensichtlich allgemein nicht so viel. Nicht nur, dass allgemeine Informationen fehlen. Auch wenn es denn mal konkret wird, bleibt es nebulös. Fünf Künstler hat er hier befragt. Dass es sich dabei aber um Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Ata, Roman Flügel und David Moufang alias Move D handelt, das erfahren wir erst im Abspann. Der eine oder andere Fan wird sein Idol vielleicht vorher schon erkannt haben. Der Rest erschließt nur durch das Umfeld, dass es sich hierbei um Elektronikkünstler handelt.

Das soll nicht heißen, dass „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ nichts zu sagen hätte. Das hat der Film schon. Sogar sehr viel mehr, als man es von einer solchen Dokumentation erwarten könnte. Gleichzeitig hüllt er sich an vielen Stellen aber in Schweigen. Das kann manchmal auch wörtlich zu verstehen sein. Immer wieder zeigt er die DJs bei der Arbeit, beispielsweise bei Auftritten in Clubs. Wir sehen sie an Mischpulten, wir sehen die ekstatische Menge. Doch weshalb sie so ekstatisch sind, das bleibt außerhalb der Hörweite: Die Musik ist stumm, wir hören nur, was der Kopfhörer hergibt.

Es ist ein eigenartiger Effekt, wenn Bild und Ton derart voneinander getrennt werden. Umso mehr, wenn der Ton ja der eigentliche Inhalt ist. Aber es passt zu einem Film, der sich nicht um Konventionen und Verständlichkeit kümmert, sondern ganz eigene Ziele verfolgt. Sofern man von einem Ziel sprechen kann. Tatsächlich ist es das Unvorhersehbare, was „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ zu etwas Besonderem macht. Da sprechen die Protagonisten mal über Kindheitsträume und Inspirationen, nur um im nächsten Moment die Gedanken in völlig andere Richtungen schweifen zu lassen – etwa der Frage, ob man einen Tag nach den Anschlägen in Paris auftreten sollte.

Karmakar selbst hält sich bei den gedanklichen Rundflügen zurück. Hin und wieder stellt er seinen Interviewpartnern eine Frage. Ansonsten lässt er seinem Gegenüber aber viel Freiraum. Das Ergebnis ist sicher nicht so umfassend, wie es das Thema verdient hätte. Es ist auch trotz gelegentlicher Musikmomente nicht immer mitreißend. Manchmal würde man sich da doch ein bisschen mehr Konsequenz wünschen. Aber es ist eine interessante Mischung aus Persönlichem und Universellem, aus Rationalem und Irrationalem, die einen in die Nacht mitnimmt und dort allein lässt.

Fazit: Wer sich von „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ erhellende Einsichten in die deutsche Elektroszene erhofft, wird nur teilweise glücklich. Anstatt das Publikum umfassend zu informieren, wählt die Dokumentation einen sehr viel persönlicheren Ansatz mit unerwarteten und interessanten Ergebnissen.

Regie: Romuald Karmakar; Kinostart: 11. Mai 2017