Im Kino: Climax

Die Castings haben sie hinter sich, seit einigen Tagen proben sie sogar schon miteinander. Nun steht der nächste Schritt für die zwei Dutzend jungen Tänzer und Tänzerinnen an: die Tournee in den USA. Doch vorher wollen sie noch einmal zusammen Spaß haben. Eine kleine Abschiedsparty, bevor es ernst wird. Ernst wird es jedoch schon im Laufe des Abends. Während sie sich in einen Rausch tanzen, brechen zunehmend Konflikte hervor, unterdrückte Gefühle bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche. Bis sie merken, woran es liegt: Jemand hat ihnen Drogen in die Bowle gemischt. Doch zu dem Zeitpunkt ist bereits alles zu spät, das Unglück nimmt längst seinen Lauf.

Climax Kino curt München


Der Einstieg von „Climax“ ist eher verwirrend als begeisternd. Denn am Anfang steht das Ende, gewissermaßen, wenn wir mit Abschlusscredits beginnen, die zu dem besagten Vorsprechen übergehen, bei denen wir im Schnellverfahren die junge Tänzertruppe kennenlernen. Wobei das eigentliche Kennenlernen erst später stattfindet, sobald eben nicht mehr alles schön gesittet vonstattengeht.

Der erste Höhepunkt hat ohnehin nichts mit Sprache zu tun. Stattdessen tun die Darsteller das, was sie am besten können: tanzen. Für sich genommen ist jede einzelne Darbietung schon eine Augenweide, vereint Körperlichkeit mit Eleganz und Wildheit. Doch erst in Kombination wird aus den vielen Einzelbewegungen ein Kunstwerk, für das man gar nicht genug Augen hat, um alle Details einfangen zu können. Alleine für diesen musikalisch aufgepumpten, in einem Take gedrehten Wirbelwind würde sich „Climax“ lohnen. Und doch fängt der eigentliche Film erst danach an.

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https://www.youtube.com/watch?v=6XkpRZgcInE

Was folgt, hat natürlich viel mit Sex und Begierden zu tun. Und doch bezieht sich „Climax“ nicht zwangsweise auf den orgiastischen Höhepunkt. Denn mit fortlaufender Spielfilmlänge werden die Beziehungen direkter, ungehemmter, brutaler. Schon bevor wir erfahren, dass da etwas in die Getränke gemischt wurde, werden Abgründe in der von diffusem Licht beleuchteten Tanzfläche sichtbar. Danach gibt es ohnehin kein Halten mehr, kein inhaltliches Halten, kein visuelles Halten. Kameramann Benoît Debie hebt die Gesetze der Schwerkraft auf, verweigert uns Orientierungspunkte, während sich um uns herum alles immer schneller dreht.

Das ist nicht für jeden eine begrüßenswerte Erfahrung. Wer von einem Film beispielsweise eine Geschichte verlangt, der wird weniger glücklich – trotz der vielen Einzelgeschichten, die immer wieder ihren Weg in die Tänze finden. „Climax“ ist mehr eine Erfahrung als etwas, das sich in Handlung und Worten einfangen ließe. Zwischendurch lahmt der Film ein wenig, wenn sich Einstellungen und Konfrontationen zu oft wiederholen. Doch das furios-anarchische Finale entschädigt für alles, lässt einen erleichtert und erschöpft zurück, voller Fragen und Eindrücke, existenzieller Gedankenfetzen und schmerzhafter Sinnlichkeit.

Climax Kino curt München

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Fazit: Wenn in „Climax“ zwei Dutzend Tänzer und Tänzerinnen eine Höllennacht erleben, dann entzieht sich das den üblichen Kategorien eines Films. Es wird viel erzählt und nichts erzählt, künstlerische Rauschzustände wechseln sich mit individuellen Abgründen ab. Wer dafür empfänglich ist, sich öffnet für Filmerfahrungen, die über Geschichten hinausgehen, der vergisst diesen Ausflug auf die Tanzfläche so schnell nicht wieder.

Wertung: 8 von 10


Regie: Gaspar Noé; Darsteller: Sofia Boutella, Romain Guillermic, Souheila Yacoub, Kiddy Smile, Claude Gajan Maull, Giselle Palmer, Taylor Kastle, Thea Carla Schøtt, Sharleen Temple; Kinostart: 6. Dezember 2018