Im Kino: Bonjour Paris

Sie weiß nicht, wo sie hin soll, wohl aber, wo sie hin will. Paula (Laetitia Dosch) hämmert an die Tür ihres Exfreunds, erst mit den Fäusten, später mit der Stirn. Dass er ihr nicht öffnen will, hält sie nicht weiter ab, ebenso wenig, dass es mitten in der Nacht ist. Zu verlieren hat sie schließlich nichts, da ihr nichts geblieben ist. Zuletzt war sie in Mexiko, jetzt ist sie zurück in Paris, dieser von ihr so verhassten Stadt. Diese Stadt, die auch von ihr nichts wissen will. Aber sie macht weiter, kämpft um jeden Job, den sie bekommen kann. Und darum, endlich jemand sein zu dürfen.

Ja, man darf Paula anstrengend finden, wie sie anfangs und auch später immer wieder mit dem Kopf durch die Wand will. Sie ist laut, hat kein Gespür für Befindlichkeiten anderer Leute und auch keine großen Hemmungen. Regisseurin und Drehbuchautorin Léonor Serraille, die hier ihr Spielfilmdebüt abgibt, hat kein Interesse an Heldinnen. Ihr „Bonjour Paris“ ist einer Figur gewidmet, die sicher alles andere als ideal ist. Von der auch nur die wenigsten würden behaupten wollen, dass sie gewöhnlich ist. Und doch ist es eben ihre raue Art, die ungefilterten Sturzbäche an Emotionen, die aus ihr herausbrechen, welche sie so faszinierend macht. Sollen doch andere französische Komödien mit künstlichen Nettigkeiten um Zuschauer buhlen. Gerade weil das hier so losgelöst von sozialen Normen abläuft, wirkt der Streifzug einer gestrandeten Mittdreißigerin umso authentischer.

Was nicht heißen soll, dass Paula immer die Wahrheit sagt. Man könnte es sogar fast einen Running Gag nennen, wie sie regelmäßig ihre Geschichte, ihre Persönlichkeit, sogar ihren Namen ändert, je nachdem, was gerade gefordert ist. Wenn sie sich beispielsweise in einem Jobinterview als fast krankhaft pedantisch bezeichnet, dann ist das kaum mit den vorangegangenen Szenen in Einklang zu bringen – und eben darum umso lustiger. Hinzu kommen diverse Szenen, die von absurd bis grotesk reichen, denen man gar nicht anders begegnen kann als mit einem hilflosen Lachen.

Natürlich hat „Bonjour Paris“ aber auch eine ernste Seite. Die Lügen von Paula, sie dienen nicht in erster Linie der Bereicherung oder der Selbstdarstellung. Vom ersten Moment an, wo sie wütend an eine Tür hämmert, die so viele Türen sein könnte, wird klar: Hier sucht jemand einen Platz für sich. Im konkreten Sinne, Geld hat sie schließlich ebenso wenig wie ein Dach über dem Kopf. Vor allem aber braucht sie das Gefühl, irgendwohin zu gehören, Teil einer Welt zu sein, welche auch immer das sein mag. So bizarr ihre Versuche sein mögen, eben das zu schaffen, dahinter stecken doch eine Traurigkeit und Einsamkeit, die einen als Zuschauer kaum kalt lässt. „Bonjour Paris“ bedeutet eine emotionale Achterbahnfahrt, die einen schon aufgrund der ungebändigten Energie Laetitia Doschs in den Sitzen hält.

Fazit: Sie schimpft, sie lügt, sie bedrängt andere – die Protagonistin von „Bonjour Paris“ hat so gar nichts mit denen gemeinsam, die wir sonst in französischen Tragikomödien zu sehen bekommen. Aber das macht eben auch den Charme dieses Nachwuchsfilmes aus: Er ist zum Brüllen grotesk, dabei schmerzhaft traurig und trotz der vielen eigenartigen Momente sehr viel näher am Leben dran als so manch „normaler“ Film.

Wertung: 7 von 10

Regie: Léonor Serraille; Darsteller: Laetitia Dosch; Kinostart: 3. Mai 2018