Im Kino: 303

Das hatte sich Jule (Mala Emde) alles etwas anders vorgestellt. Ihre mündliche Prüfung hat die 24-jährige Biologiestudentin zumindest so richtig verkackt. Und irgendwie ist sie sich ja auch gar nicht mehr sicher, ob das der richtige Weg ist und was sie mit ihrem Leben anfangen will. Also schnappt sie sich erst einmal das Wohnmobil mit dem Ziel, zu ihrem Freund nach Portugal zu fahren. Gesellschaft erhält sie dabei von dem gleichaltrigen Politikwissenschaftler Jan (Anton Spieker), der ebenfalls einmal alles überdenken will. Zukunft wie Vergangenheit zum Beispiel. Der teilweise deutlich andere Ansichten vertritt als sie, sich jedoch gleichermaßen an einer Weggabelung befindet.

Bei Roadmovies lautet das Motto ja meistens: Der Weg ist immer das Ziel. Der Ort, an den die Protagonisten wollen, ist da oft zweitrangig, dient lediglich als Aufhänger, damit die Reise überhaupt stattfindet. Das ist bei „303“ nicht anders. Selten ging dabei jedoch jemand so konsequent vor wie Hans Weingartner. Der Regisseur und Co-Autor gibt seinen beiden Protagonisten gewichtige Gründe mit auf den Weg, warum sie die lange Fahrt in den Süden Europas antreten sollen. Er interessiert sich aber gar nicht dafür, lässt die Themen irgendwie plötzlich fallen oder nutzt einen bequemen bis absurden Ausweg, um sich vor dem Konflikt zu drücken.

Kino 303 curt München

Auch sonst wirkt „303“ nicht unbedingt so, als wäre es aus dem Leben entnommen. Als wären hier wirklich zwei ganz normale Menschen auf den Straßen Europas unterwegs. Das fängt bei den zu sehr auf Zufällen aufbauenden Ereignissen an. Es setzt sich in der Sprache fort: Jule und Jan bauen in ihren Dialogen immer wieder obskure Statistiken oder Forschungsergebnisse ein, die sie für alles parat haben. Außerdem sind sie in der Lage, sich in jeder Sprache zu verständigen – Französisch, Spanisch, Portugiesisch –, ohne dass je ersichtlich ist, warum zwei Nicht-Sprachstudenten so viele Sprachen beherrschen sollten. Und es gibt die obligatorischen dramatischen Zuspitzungen, die dem Film noch das letzte Rest Glaubwürdigkeit nehmen.

Und doch: Was sich hier schlecht liest und in Drehbuchform größere Mängel hat, im Film selbst wird vieles davon sekundär. Aus einem Grund, genauer zweien: die beiden Hauptdarsteller. Mala Emde und Anton Spieker haben die Gabe, selbst die konstruiertesten Momente irgendwie wunderbar leicht aussehen zu lassen. Wenn sich die beiden begegnen, dann hat man als Zuschauer das Gefühl, dass das einfach richtig so ist, dass es so gehört. Dass es vielleicht auch nicht schlimm ist, wenn sie sich widersprüchlich verhalten oder Sachen sagen, die unpassend sind. Hier sind sich zwei begegnet, jeder auf seine Weise kaputt, und finden durch den anderen am Ende sich selbst.

Am schönsten ist „303“ dann auch, wenn Weingartner gar keine großen inhaltlichen Ambitionen verfolgt. Wenn er nicht philosophischen Überlegungen nachgeht oder existenzielle persönliche Probleme wälzt. Es sind die kleinen Momente, die den Film auszeichnen, ihn teilweise zu etwas Besonderem machen. Ein kleines süßes Präsent im richtigen Augenblick, ein verstohlener Blick, die Suche nach Worten, der verschämte Griff zu den Sachen des anderen. Das sind die Szenen, in denen man vergisst, dass das hier ein Film ist. Die schönen Aufnahmen, gepaart mit ruhigem Indiefolk der Chiemgauer Band Augustin (mehr dazu), die am 20. Juli ihr neues Album Colors veröffentlichen, machen diese Reise trotz aller Schlaglöcher und Stolpersteine zu einer recht angenehmen. Zu einer berührenden auch, die es fast unmöglich macht, den beiden nicht alles Gute für den weiteren Weg zu wünschen.

Fazit: Zwei junge Menschen, jeder von ihnen an einem Scheideweg, begegnen sich per Zufall und setzen ihre Reise gemeinsam fort: Die Suche nach Antworten und sich selbst ist an vielen Stellen hoffnungslos konstruiert, legt so gar keinen Wert auf Glaubwürdigkeit. Die beiden angeknacksten Hauptfiguren sind aber einzeln und auch in Kombination mit so viel Charisma unterwegs, dass „303“ am Ende doch irgendwie sehenswert ist. Bonuspunkte gibt es für die schönen Bilder und den ruhigen Indiefolk der Band Augustin, die am 20. September live in der Glockenbachwerkstatt zu hören sind.

Wertung: 7 von 10


Regie: Hans Weingartner; Darsteller: Anton Spieker, Mala Emde; Kinostart: 19. Juli 2018
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