Im Gespräch: Jonathan Johnson

“Ich beschäftige mich als Mensch und Künstler schon seit Jahren intensiv mit dem Thema Scheiße, nur fehlte mir die zündende Idee, diesem faszinierenden Sujet einen wertigen und glamourösen Rahmen zu geben.”

Etwas mehr Scheiße braucht die Welt

Aus Scheiße Gold machen: Der Traum eines jeden Alchimisten ist dem gefeierten Ausnahmekünstler ohne jeden Zweifel gelungen. Rocko Schamoni, seines Zeichens Autor, Schauspieler, Musiker und festes Mitglied der Telefon-Anarchisten Studio Braun, ist nicht nur einer der schillerndsten Vertreter der deutschen Kul-turlandschaft, sondern auch bekennender Fan des Glam.

Seit 2013 gibt es sie – Scheiße by Schamoni. Die berühmt-berüchtigte Schmuckkollektion in adretter Wurstform reicht vom Manschettenknopf, zum Doppelring bis hin zur auf fünf Stück limitierten und 48.500 Euro wertigen Scheiße-Uhr. 18 Karat Gold – made in Hamburg, versteht sich.

Doch wer steckt hinter der Kollektion, die Deutschland in Atem hält?

Wer ist der Mann, von dem sich auch Bela B oder Bruce LaBruce fein funkelndes Edelmaterial auf die Haut legen lassen? Jonathan Johnson, die Lichtgestalt der deutschen Goldschmiedekunst, im Gespräch mit curt über Luxus, die hohe Kunst der Alchemie und … Scheiße.

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Fotos: Konstanze Habermann // Bildrechte: Jonathan Johnson

Scheiße by Schamoni. Von Rocko nicht gänzlich unerwartet, aber als Idee für ihn dann doch ferner als für einen Goldschmied mit Leidenschaft und Begeisterung. Wie kam es zu eurer Kooperation und wie findet ein Mann deines Fachs seine Testimonials?

Ich kenne Rocko schon länger und habe in meiner Zeit als Konzertveranstalter einiges mit ihm zusammen gemacht. Die Original Scheiße-Kette ist in Zusammenarbeit mit Rocko und der Hamburger Designerin Dorle Bahlburg entstanden. Es ist eine Kollektion für Leute, die eine gewisse Einstellung  zur Welt haben. Wir sagen ja nicht, dass alles scheiße ist, vielmehr sagen wir mit der Kollektion, dass Scheiße auch schön sein kann. Ich arbeite gerne mit anderen Menschen zusammen. Ergibt sich eine interessante Mischung, kann es zu einer Kollektion kommen.

Scheiße-Kette, Scheiße-Manschetten, Scheiße-Uhr: Wie plant man eine derartige Kollektion, welche Schritte gehen ihr voraus, welche Überlegungen stellt man an und nach welchen Kriterien wird schließlich ausgewählt, was in die Vitrine gelangt?
Das war und ist ein sehr langer und aufwendiger Prozess. Wir entwickeln die Kollektion ständig weiter. Die Einnahmen der verkauften Schmuckstücke fließen wieder in die neuen Entwicklungen. Es ist also ein geschlossener Kreislauf aus Ausdenken, Umsetzen, Herausbringen und Wiederverwerten. Eine Art Scheiße-„Perpetuum mobile“.

18 Karat Gelbgold, Sterlingsilber, blaue Diamanten … Allesamt Zutaten für unendlichen Glamour und Luxus. Wie passt die Welt des großen Gatsby mit Scheiße in Form und Schrift zusammen? Blutet da nicht das Juwelierherz?
Für mich ist es Luxus, Dinge zu entwickeln, die zuallererst keinem Effizienz-Gedanken folgen. Ich sitze hier nicht und plane lifestyle-ökonomisiert, was gerade funktionieren könnte. Ob Scheiße oder Diamanten: Es handelt sich dabei um Dinge, die es nun mal auf der Welt gibt. Der eine mag Diamanten,
der andere findet sie scheiße. Wichtig ist das Handwerk. Ich produziere alles selbst aus recyceltem Gold und Silber, verwende Ökostrom für meine Ma-schinen und beziehe meine Diamanten von der ältesten Diamantschleiferei Deutschlands. Über das Design lässt sich natürlich streiten.

Für viele ist das, was du machst, ein Anschlag auf den guten Geschmack. Von welchen Seiten hagelt es Kritik, von welchen überströmt dich Lob?

Mit dem Mut, diese Kollektion herauszubringen, geht man natürlich auch das Risiko ein, Leute vor den Kopf zu stoßen. Es geht uns darum, wieder genauer hinzusehen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Schmuck ist ein sehr altes Handwerk und ich bin ein großer Bewunderer der alten Schule wie Lalique oder der Wiener Werkstätte. Diese Schmuckkünstler waren in ihrer Zeit revolutionär. Vielleicht bedarf es in unserer Zeit konkreterer Mittel, um auf Defizite hinzuweisen. Zwischen ein paar Mausklicks bleibt kaum noch Zeit für den Inhalt. Da muss man lauter werden.

Der Zusammenarbeit mit Rocko Schamoni ist nicht nur eine aberwitzige und dennoch hoch qualitative Kollektion entsprungen. Ihr habt zusammen auch ein Werbevideo im QVC-Stil gedreht. Komplett mit attraktivem Model und allen Klischees, die man von schmierigen Dauerwerbesendungs-Vertretern kennt. Was hält dich davon ab, nicht doch den klassischen Weg zu gehen?

Ich habe keine Vorstellung von einem geplanten Weg, ob klassisch oder nicht. Ich habe Spaß daran, Dinge zu beobachten, zu lernen, zu interpretieren und zu improvisieren. Das kann Schmuck sein, das kann aber auch etwas anderes sein. Ich mache viele Dinge. Der Schmuck ist oftmals eine Art Verbindung zwischen vielen Bereichen. Gerade habe ich für Bobby Conn ein Musikvideo produziert, das Ende Mai herauskommen wird.

Es dreht sich bei dir nicht alles nur um Scheiße. Für den Künstler Bruce LaBruce bist du in eine ganz andere Richtung gegangen. Wie hat sich die Zusammenarbeit hier im Vergleich zu Scheiße by Schamoni unterschieden?

Die Scheiße-Kollektion ist ja nur ein kleiner Teil meines umtriebigen Schaffens. In Deutschland ist sie natürlich sehr bekannt. Mit Bruce arbeite ich gerade an einem Parfüm: Obscenity. Er hat auch Regie geführt bei dem Musikvideo für Bobby Conn. Es freut mich sehr, dass er dieses Jahr die Leitung der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes im Bereich „Queer“ bekommen hat.

„If you want Blood“-Collier aus recyceltem 18 kt Gelb- und Weißgold sowie roter Feueremaille

„If you want Blood“-Collier aus recyceltem 18 kt Gelb- und Weißgold sowie roter Feueremaille

Pünktlich zum Valentinstag hast du das „Heart of Shit“ herausgebracht. Was birgt das neue Jahr für Jonathan Johnson, was ist geplant und worin besteht die größte Herausforderung 2014?

Wir arbeiten seit nunmehr zwei Jahren an einem Bildband. Zusammen mit der Modedesignerin Katja-Inga Baldowski und der Fotografin Konstanze Habermann sind 15 Bilder entstanden. Verschiedene Frauenrollen, die in Zusammenhang mit Schmuck stehen. Das Projekt heißt „Life after Death“ und wir haben dabei 15-mal die gleiche Person fotografiert, immer in einer anderen Rolle. Da gibt es z. B. eine Eiskunstläuferin, eine Schönheitskönigin, ein Cowgirl und auch eine Frau im Dirndl. Das wird dieses Jahr erscheinen. Und unsere erste Pralinen-Kollektion in Zusammenarbeit mit der Confiserie Paulsen zur Premiere des neuen Fraktus-Stücks am Thalia Theater.

Schmuck von Jonathan Johnson in München. Utopie und nur als Made in Hamburg denkbar?

Was viele nicht wissen, mein Vater ist Münchner. Ich war als Heranwachsender sehr oft in München und mag die Stadt sehr. Ich habe ein großes Vorbild, Gerhard Polt, und Fassbinder. Ich werde dieses Jahr eine Oktoberfest-Kollektion in den Onlineshop bringen: Brathendl und Penisse aus Platin. Ich packe mal mein Bündel und schaue mich in München um. Vielleicht hat ja jemand Lust auf Gefahrengebiete.

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Interview: Tim Brügmann > Homepage