Im Gespräch: Jonas Nay

Wer fleißig unsere „gehört“-Rubrik verfolgt, wird diese Woche schon über den Namen Northern Lights gestolpert sein. Heute gibt es Nachschlag, denn wir hatten vor einiger Zeit Gelegenheit, deren Sänger Jonas Nay auf einen gemütlichen Plausch zu treffen. Und die nutzten wir, um ihn ein bisschen über das Debütalbum der Band auszufragen, aber auch über seinen Film „Hirngespinster“, der nächste Woche anläuft und in dem Jonas Simon spielt, dessen Vater an Schizophrenie leidet.

Die Leute kennen dich bislang ja vor allem als Schauspieler. Wie bist du zu dem Beruf gekommen?
Reiner Zufall. Ich habe bei der Lübecker Knabenkantorei als Sopran gesungen und wollte eigentlich an die Oper. Das war damals so üblich, dass man an der Oper auch mal eine Gastrolle bekommt als kleiner Stöpsel. In unserer Lokalpresse war dann auch ein Aufruf „kleine Schauspieler gesucht“ und dafür hatte ich mich beworben. Das Casting war aber für eine Kinderserie und gar nicht fürs Theater. Ich habe dann zwei Jahre eine Hauptrolle in dieser Kinderserie gespielt, „4 gegen Z“ hieß die. Meine jetzige Agentin hat damals in dem Casting-Büro von Studio Hamburg gearbeitet und sich später selbständig gemacht. Durch sie bin ich dann später an meinen Film „Homevideo“ gekommen. Und damit ging es los.

Eine klassische Schauspielausbildung hast du also nicht gemacht?
Nee, meine Ausbildung besteht aus anderthalb Jahren Filmmusikkompositionsstudium. Und jetzt studier ich Jazz-Piano als Hauptfach in Lübeck an der Musikhochschule. Wenn ich also irgendwo ausgebildet bin, dann im musikalischen Bereich.

Hattest du keine Lust auf Schauspielunterricht?
Ich hab, ehrlich gesagt, die Option nie in Erwägung gezogen. Ich bin da so irgendwie reingestolpert und habe das neben der Schule gemacht. Es war schon schwer genug, überhaupt die Zeit für alles zu finden. „Homevideo“ habe ich ja direkt nach dem Zivildienst gedreht. Und danach kam wirklich ein Angebot nach dem anderen. Da habe ich gedacht: Besser lernen als direkt vor der Kamera kann ich jetzt gar nicht. Meine freie Zeit habe ich deshalb immer in meine Band und in mein Studium gesteckt.

Ist dir Musik dann wichtiger als Film?
Nee, für mich geht das total Hand in Hand. Ich mach das immer sehr leidenschaftlich und mit vollem Einsatz und bin am Ende einer Drehzeit immer echt fix und alle. Aber es ist für mich schön, dass ich danach nicht in dieses typische Loch falle. Weil für mich geht es dann einfach mit der Musik weiter. Egal, was ich beruflich auch machen würde, Musik wäre immer mein zweites Steckenpferd.

Vor Kurzem ist ja auch euer Debütalbum „Landed“ erschienen. Wie würdest du eure Musik beschreiben?
Das kann ich schwer einsortieren. Der Kern besteht aus vier Jungs, ich bin Sänger und Pianist. Dann haben wir einen Schlagzeuger, einen Gitarristen und einen Bassisten. Wir kommen alle aus dem Jazz, machen aber eher so was in die Indierock-Richtung, manchmal so ein bisschen mit Hip-Hop-Elementen. Und wir haben dann noch eine Bläsergruppe für die größeren Auftritte: Posaune, Saxophon und Trompete. Das ist dann schon immer eine ziemlich große Party, wenn wir ein Konzert geben. Die Platte, die jetzt rauskommt, da gleicht nicht ein Song dem anderen.

Kommen wir wieder zu den Filmen. Ich fand es auffällig, dass du nach „Homevideo“ jetzt mit „Hirngespinster“ wieder eher schwere Kost ablieferst. Suchst du dir bewusst solche Rollen aus?
Mich hat bei „Hirngespinster“ das Buch einfach gepackt, ich fand das so spannend. Da denke ich nicht drüber nach, ob das in meiner Vita wieder ein düsterer Film wird. Ich hab ja auch nicht nur so schwermütige Rollen gespielt. Die nächsten Filme, die von mir rauskommen, die werden nicht nur schwere Kost sein. Es ist in Deutschland nur so, dass gerade die dramatischen Stoffe sehr gut sind. Richtig gute leichte Kost findest du seltener. Ich mag es, wenn Figuren eine Entwicklung durchmachen, so wie Simon. Das ist mir viel wichtiger als die Frage, ob ein Stoff düster ist.

Trotzdem sind Schizophrenie und seelische Erkrankungen nicht unbedingt Themen, die man häufig in Filmen findet. Hattest du damit vorher Berührungspunkte gehabt?
Nein, gar nicht. Ich hab mich tatsächlich erst damit beschäftigt, nachdem fest stand, dass ich diese Rolle spielen will. Das war für mich sehr, sehr spannend und es ist schön, wenn man sich nicht nur auf emotionaler Ebene mit seiner Rolle beschäftigt, sondern auch das Gefühl hat, man hat echt noch was gelernt. Und das war bei dem Film wirklich so. Es ist  krass, wie unglaublich viele Krankheitsbilder es da gibt. Deswegen kann ich auch nicht sagen, dass ich auch nur annähernd einen Plan habe von Schizophrenie. Aber dieses eine Krankheitsbild, das wir uns rausgesucht haben, mit dem hab ich mich intensiv befasst und mir danach den Weg gesucht, was Simon wohl für ein Leben geführt haben muss. Denn das muss ja ein total alltägliches Gefühl für ihn gewesen sein, dass der Vater in einer paranoiden Welt lebt.

Angst ist ja allgemein ein großes Thema im Film: Angst vor Verfolgung, aber auch die Angst, darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen. Und die Angst von Simon, diese Krankheit vielleicht auch geerbt zu haben. Was sind Sachen in deinem Leben, die dir Angst machen?
Das ist eine richtig gute Frage. Da muss ich nachdenken. Ich hab extrem Angst vor Alzheimer. Dadurch, dass ich so viel mache und auch beim Sport mal auf den Kopf gestürzt bin, hab ich ein relativ schlechtes Gedächtnis.

Für einen Schauspieler etwas unpraktisch …
Ach, im künstlerischen Bereich geht das sehr gut. Das sind eher Daten, die ich mir nicht so gut merken kann. Oder Namen. Bei mir fliegen die Zeiträume auch durcheinander. Aber das beeinträchtigt mich jetzt null beim Textlernen. Und auch bei der Musik nicht, ich kann mir Melodien total gut merken. Es sind also nur ein paar Bereiche. Aber das ist tatsächlich eine Angst, dass ich da irgendwann so ein Schusselkopf werde. Ich hab in meinem Zivildienst auch mit Alzheimerpatienten gearbeitet – das war in einem Behindertenheim – und da habe ich einiges mitbekommen. So wie Simon Angst hat, die Schizophrenie von seinem Vater geerbt zu haben, hab ich ein bisschen Angst vor Alzheimer.

Was wir von unseren Eltern mitnehmen, ist ja allgemein ein großes Thema in „Hinrgespinster“: Simons Neigung zur Architektur hat er vom Vater, die schlechte Angewohnheit des Rauchens auch. Wie sieht es bei dir aus? Wie haben dich deine Eltern beeinflusst?
Meine Eltern haben mir eine sehr schöne Kindheit geschenkt, eine behütete und kreative Kindheit. Ich wollte schon mit sieben Jahren Klavier spielen, und das haben sie mir ermöglicht. Ich konnte mich beim Sport austoben, habe Handball gespielt. Meine Eltern haben es  hingekriegt, uns allen – ich hab noch eine ältere Schwester und einen kleineren Bruder – unsere Felder zu ermöglichen, uns gleichzeitig aber auch moralisches Denken und Handeln zu vermitteln. Ich kann jetzt gar nicht so genau sagen: Das habe ich von meiner Mutter, das habe ich von meinem Vater. Aber das Gesamtpaket meines Charakters, wie er jetzt vor dir sitzt, da hatten meine Eltern einen ganz großen Teil dran. Und ich bin ihnen dafür auch sehr dankbar. Sie sind beide sehr geerdete Menschen. Meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater ist Bankkaufmann, also sehr bürgerliche Berufe. Und ich glaube, ein bisschen so die Erdung, die hab ich auch da her.

Die braucht man ja auch in deinem Beruf. Wirst du eigentlich mittlerweile auf der Straße erkannt von Leuten?
Jein. Eigentlich nicht, ich bin ja kein Mediengesicht. Aber Lübeck ist sehr klein. Lübeck hat 200.000 Einwohner. Ich war schon immer aktiv in der Stadt, erst mit dem Knabenchor, dann mit meiner Band, der Handballverein. Und irgendwann schließen sich Kreise dann sehr schnell. Wenn man ein paar Mal in der Lokalpresse war, dann ist es schon so, dass man manchmal einen zweiten Blick kriegt. Aber mit wenigen Ausnahmen waren das bislang immer sehr nette Begegnungen.

Also noch keine Schattenseiten des Schauspieldaseins?
Was mir auffällt, wenn ich neue Leute kennenlerne: Ich werde anders angeschaut. Ich werde genauer betrachtet. Es steht schon immer erst mal die Frage im Raum, ist er arrogant oder nicht. Ich hab manchmal das Gefühl, ich muss mich doppelt beweisen. Das ist vermutlich ganz natürlich und ich find das auch gar nicht schlimm. Wenn ich einen ganz berühmten Musiker vor mir hätte, dann würde ich mir den auch ganz genau angucken, weil es mich interessieren würde. Aber manchmal, wenn man fix und alle vom Drehen zurückkommt und auf eine Party geht, wo die Leute das mitbekommen, das ist dann schon ziemlich anstrengend.

Wir danken für das Gespräch!