Gehört: JJ – V

Falsch abgebogen? Nicht weiter schlimm. Bei JJ lernt man, dass es ganz schön sein kann, irgendwo verloren zu gehen. Manchmal zumindest.

Schon der Titel führt hier in die Irre. „V“ – da liegt der Schluss nahe, dass bereits das fünfte Album von JJ auf dem Schreibtisch liegt. Es ist jedoch erst das dritte des schwedischen Duos, nach „jj n° 2“ und „jj n° 3“. Die beiden fehlenden Zahlen – also 1 und 4 – das waren bloße Singles. Für die Musik hat das natürlich nur wenig Relevanz, bezeichnend ist der fließende Übergang zwischen Lied und Album aber schon, denn Grenzen sind hier grundsätzlich dafür da, verwischt zu werden.

JJ

„V“ beispielsweise, Titeltrack und Opener zugleich, ist gut 50 Sekunden lang nicht mehr als ein rauschendes Hintergrundgeräusch, ein Nebel, durch den man watet, der einzige Orientierungspunkt ein Schiffshorn in der Ferne. Dann eine kurze Tonfolge, die ebenso plötzlich abbricht, wie sie begonnen hat. Ein Gong, der zweite Gong. Und längst hat das neue Lied angefangen, ohne dass man es gemerkt hat. „Dynasti“ ist dann auch schon deutlich weniger minimalistisch, wenn fette Streicher, Elektromärsche und der verschleppte Gesang zu einer fast schon bombastischen und zugleich melancholischen Symphonie verwoben werden.

Trotz der luftig-leichten, sphärischen Klänge irgendwo oberhalb von Wolke 27, eine gewisse Grundtraurigkeit ist bei den zwölf Tracks immer verankert, gerade auch durch die meist langsamen, schwermütigen Gesänge. Wirklich emotional werden JJ aber nie. „Something inside me tells me we’ll never be together“ singt Elin Kastlander hier zwar, so richtig mitfühlen mag man jedoch nicht, dafür ist die Musik von ihr und Joakim Benon dann doch zu unterkühlt und zu clean. Während andere verträumte Elektropopper wie Dido oder Hundreds bei allem Gefiepe und Gepiepe doch auch Persönliches vermitteln und zu einem durchdringen, hat man hier nie das Gefühl, wirklich dabei zu sein. Anschauen, nicht anfassen.

Auch das kann schön sein, im getragenen „Hold Me“ zum Beispiel, wo wir voller Wehmut langsam mit dem Nichts verschmelzen. Und auch die erste Singleauskopplung, das launige „All White Everything“, gefällt mit seinen Tempowechseln und Stimmungsschwankungen.

Doch irgendwann ist es dann auch gut: Das esoterisch angehauchte „Inner Light“ mit seinen Techno-Pieps-Stimmen, das sakrale „Be Here Right Now“ – hier werden die Nerven eher strapaziert als umschmeichelt, andere Lieder bleiben aufgrund der tendenziell sehr ähnlichen Machart sowieso ohne bleibenden Eindruck.

Und wenn dann doch einmal eine völlig andere Richtung eingeschlagen wird – der gitarrenlastige Abschlusssong „All Ways, Always“ weckt die erste Hälfte selige Erinnerungen an K’s Choice – dann führt der irgendwann wieder zu den anderen Liedern zurück. Punktuell geht dieses Konzept auf, über die Distanz eines kompletten Albums stellen sich dann aber doch Ermüdungserscheinungen ein. Durch die Verweigerung konkreter Formen wird hier vieles austauschbar. Und das ist eine Konfusion, auf die man dann doch verzichten kann.

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TEXT: OLIVER ARMKNECHT