Im Gespräch: Jaye Jayle

The Past, The Present, The Drifter & The Future: Sie alle sind rastlos, suchen und finden sich schließlich vorbeischreitend an maroden Hütten, schwarzen Katzen, Skorpionen, Phantomen, mitten durch die weite Wüste. Am Ende vereint durch eine Art Ritual, bilden sie angeleitet durch The Pathfinder eine Einheit und sind doch vier Aspekte einer Person – Jay Jayle. Erdacht als kreatives Alias ist Jaye Jayle jedoch mehr als nur die Kunstfigur des hünenhaften Teufels aus Kentucky mit Namen Evan Patterson.

No Trail And Other Unholy Paths lautet der Titel des Albums, dessen erster Track atmosphärisch gespenstisch in der Nähe von Kent in Szene gesetzt wurde. Neun dunkle Pfade beherbergt das Werk, neun Pfade auf denen uns Patterson durch dystopische Klanglandschaften, diverse Whiskey-Gläser in dunklen Kaschemmen bis hin zum lynchschen Mullholland Drive führt. Stilistisch nur schwer einzuordnen, orientiert sich der Sound der „Jayle-Birds“ an Größen wie Leonhard Cohen oder Mark Lanegan und fischt tief in alten Blues-Gewässern. Durch den Einsatz schleppender Bass-Lines und hypnotischem Schlagwerk breitet sich im Zusammenspiel mit außerweltlichen Synth-Sounds eine wohlige Dunkelheit aus, sobald die Band in die Saiten greift und uns auf die düstere Seite des Americana führt. Für den Frontmann von Bands wie Young Widows und Breather Resist stellt das Neo-Noir-Ambiente gepaart mit bluesiger Südstaaten Mystik und schwarzem Moll eine krasse, aber unheimlich authentische Kehrtwende voller Tradition und Persönlichkeit dar. Musik für eine spärlich beleuchtete Unterwelt voller Schweiß, Verzweiflung und sündiger Beschwörungen.

Zusammen mit Todd Cook (Bass), Neil Argabright (Drums) und Corey Smith (Synthesizer) bildet Evan Patterson seit mehreren Jahren auch die Touring-Band der ebenfalls in Louisville Kentucky ansässigen Künstlerin und Post-Rock-Königin Emma Ruth Rundle, der er seit letztem Mai nicht nur musikalisch den Rücken stärkt. Stets auf Tour bilden Rundle und Patterson nicht nur auf der Bühne ein Team, sondern halfen sich auch gegenseitig auf ihren jeweiligen Veröffentlichungen aus. Etwa dann, wenn wir Rundle sanft auf dem Jayle-Song Marry Us mithauchen hören und Patterson auf Rundles Light Song den Lee Hazlewood zu ihrer Sinatra mimt, wissen wir, dass Emma und Evan zusammengehören.

Waren beide erst vergangenen Sommer auf einer kurzen, aber sehr intimen Solo-Tour in Europa unterwegs, bei der sie minimalistische, aber gerade dadurch noch eindringlichere Versionen ihrer jeweiligen Elegien präsentierten, trafen wir Jaye Jayle bei deren Rückkehr nach Deutschland und vor ihrem Double-Set in voller Bandbesetzung auf ein Bier und eine Zigarette vor der an diesem Abend schon jetzt erfreulich gefüllten Milla.

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https://www.youtube.com/watch?v=CKB5Z0S4Yvs

 

Evan, vielen Dank für deine Zeit und willkommen zurück in München. Mittlerweile gibt es ein zweites Album unter dem Namen Jaye Jayle, doch Songs wie As Soon As Night oder Cemetary Rain spielt ihr schon eine ganze Weile live. Um es mit einer Zeile aus dem Song No Trail zu sagen: What took you so long?
Wie du schon richtig festgestellt hast, haben wir einige der Songs schon eine ganze Zeit in unseren Live-Sets. Der ein oder andere hat es auch schon in eins der Konzerte letztes Jahr geschafft und in der Tat spielen wir die Songs als Band gerne erst einmal live. Das hat den Grund, dass wir auf diese Weise merken, was uns an ihnen nicht ganz so gut gefällt und was besonders gut. So haben wir uns nach der Tour ein, zwei, drei Monate Zeit genommen, diese auch gebührend auf Platte zu bannen, aber auch, um darauf aufbauend neue Songs zu schreiben. Im Moment gibt es noch drei weitere Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben. Aber ja, es hat ein wenig gedauert.

Wer sitzt jetzt eigentlich vor mir? Wer ist Jaye Jayle? Eine Band, ein Kollektiv oder bist es einfach nur du selbst?
Als ich damit anfing, war das alles eine Art ungewolltes Projekt, ein Unfall fast. Ich war damals in Santa Fe in Mexiko und begann auf einer wirklich beschissenen Gitarre, einige Songs zu schreiben. Bis sie fast auseinanderfiel … Als ich wieder nach Hause kam, war ich ziemlich besessen von alten Vinyls, 45s, 7 Inch, du weißt Bescheid. Ziemlich obskure Country-Sachen waren da dabei und Künstler, von denen ich noch nie gehört hatte oder deren Namen ich einfach nur interessant fand. So machte ich mir auch darüber Gedanken, wie ich dieses Solo-Projekt nennen könnte. Und damals war es genau das: ein Solo-Projekt. So kam ich auf Jaye Jayle. Ein wenig Bluebird-mäßig, ein wenig Knast, aber gleichzeitig könnte es auch ein Name sein. Ich glaub, es ist ganz gut, dass es ein wenig verwirrend ist.

Weil dich in der Tat Leute als Jaye ansprechen?
Oh ja, das tun einige! Echt viele! Aber das schmeichelt mir irgendwie. Doch jetzt ist es wirklich mehr eine Band. Seit Corey, Neal und Todd dazukamen definitiv. Seitdem sie dabei sind, hat das ganze Form angenommen und fühlt sich wie eine echte Band an.

Alte Freunde oder hast du dir die Jungs bewusst ausgesucht?
Alte Freunde durch und durch. Todd, ein legendärer Bassist, spielte davor bei Shipping News und The For Carnation. Er, Neal und ich haben schon einige Jahre, bevor Jaye Jayle auf die Beine kam, Musik gemacht. Als unsere alte Band sich dann langsam auflöste, kam es zu diesem fließenden Übergang und schließlich auch Corey hinzu. Einer unserer engsten Freunde und unser Drinking Buddy. Er ist unsere Wildcard, könnte man sagen. Jedes Mal, wenn ich nach einer Tour wieder nach Hause komme, muss ich Corey sehen. Er muntert mich immer auf und wir wohnen am Ende auch alle in Louisville Kentucky.

Wer deinen musikalischen Werdegang zurückverfolgt, stößt auf Bands wie Young Widows, Black Cross und Breather Resist. Gerade bei Ersteren kann man eine gewisse DNA heraushören, die auch Jaye Jayle innewohnt. Trotzdem ist es ein ziemlicher Bruch. Wie hast du den Jayle-Sound gefunden?
Alle Mitglieder von Jaye Jayle hören so ziemlich die gleiche Art von Musik. Unsere Inspiration ist sehr ähnlich und Young Widows geriet tatsächlich allmählich in diese bestimmte Richtung. Nur dass die beiden anderen Jungs eher die aggressive Sparte bevorzugten. Was die Arbeit am Sound angeht … puh. Wir waren erst vor kurzem in Köln und wir lieben CAN und sehr viel aus dem Krautrock-Umfeld. Auf der anderen Seite stehe ich auf wirklich gut gemachte Folk- und Country-Musik. Irgendwo dazwischen wollte ich landen. Aber auch der ganze Stoff aus Mississippi hat mich beeinflusst. Der Punkt ist, dass ich gute Kunst machen will. Musik, die ich so noch nicht gehört habe. Das ist mein Ziel.

Deine Familie ist nicht gerade untätig und deinen älteren Bruder Ryan Patterson könnten einige noch als Frontmann der Band Coliseum in Erinnerung haben. Wie sah deine Plattenkiste als Kind bzw. Teenager aus?
Seit ich als Kind zum ersten Mal Leonhard Cohen gehört habe, bin ich Fan. Aber auch Nick Cave oder The Birthday Party. Lange vor den Bad Seeds. Vor allem Crime & The City Solution und ihre Platte Shine hat mir die Augen geöffnet. Das ist perfekte Musik! Ich finde, sie haben da etwas auf Platte gebannt, was ich mit unserer, zumindest vom Geist her, auch verbinde. Ansonsten bin ich auch großer Industrial-Fan. Throbbing Gristle, Killing Joke, aber auch die frühen analogen Industrial-Sachen. All das hatte immer einen großen Einfluss. Ich habe schon immer gerne Musik gehört, die nicht zwingend etwas mit dem zu tun hat, was ich mit Young Widows gemacht habe. Es ist schön, nun etwas zu performen, was ich selbst viel höre.

Also ist Jaye Jayle so etwas wie der Spiegel deiner Plattensammlung und ein Ventil, um all deine Einflüsse zu bündeln?
Definitiv! Jaye Jayle, das bin ich! Früher habe ich immer versucht, einen gewissen Sound zu rekonstruieren. Aber das hier entspricht meiner Natur sehr viel mehr. Das ist mein Spirit.

Den meisten sind Jaye Jayle natürlich dank Emma Ruth Rundle bekannt. Wie kam es zu der intensiven Zusammenarbeit? Schließlich teilt ihr euch nun schon seit fast drei Jahren Bus und Bühne.
Wir lernten uns kennen, als Young Widows zusammen mit ihrer damaligen Band Red Sparowes im Vorprogramm von Russian Circles unterwegs waren. Wir blieben damals gar nicht mal so sehr in Kontakt, aber wir haben uns wirklich gut verstanden. Das ist zehn Jahre her. Eigentlich war es auch ich, der sie kontaktierte. Denn damals waren wir nur zu dritt und ich fragte bei vielen Freunden an, ob sie nicht Lust hätten, uns an der Gitarre zu unterstützen. So habe ich auch sie gefragt, aber sie war zu dem Zeitpunkt leider nicht verfügbar. Doch so kam der Stein wieder ins Rollen und wir haben uns schlicht und ergreifend durch unsere gemeinsame Tour-Geschichte angefreundet. Und als schließlich sie eine Backing-Band gesucht hatte, kam das eine zum anderen. Auch die Liebe. Ziemlich magisch sogar. (lacht)

Ich wollte es gerade sagen. In der bestmöglichen Art und Weise …
Absolut!

Es soll auch nicht cheesy klingen, doch wer euch vor einer ganzen Weile schon zusammen auf der Bühne erlebt hat, sieht heute zwei Menschen, die tatsächlich sehr zusammengewachsen zu sein scheinen. Wie hat sich das Touren mit Jaye Jayle und auch als Emmas Band über die Jahre verändert?
Wir haben damals das Album aufgenommen, an einem wirklich einsamen Ort und uns mit Pilzen vollgehauen. Es gab dort nichts außer einer kleinen Bar und Trailer über Trailer. Die Straße hieß „Great Western Street“ und alles machte kurioserweise irgendwie Sinn. Die Jahre zuvor auf Tour haben mich schon erahnen lassen, dass wir eine gute Connection haben, die sich an diesem Ort noch mal um einiges gefestigt hat. So etwas hatte ich noch nie erlebt und es fühlt sich großartig an, die neuen Songs zu performen. Wir spielen auf dieser Tour Emmas gesamtes Album und es fühlt sich wohler an denn je, richtiger und fokussierter. Ich genieße es sehr!

Wie fühlt es sich an, erst die eigenen Songs zu performen und dann diesen Schritt zurück zu gehen, um Emma die Bühne zu überlassen? Ist das etwas Erfrischendes? Entdeckst du dadurch neue musikalische Facetten?
Oh, da gibt es tatsächlich eine Art erlösendes Element, wenn ich meine Frau unterstützen kann. Aber auch der Fakt, dass sie noch nie jemanden Gitarren-Parts überlassen hat, geschweige denn das Schreiben von Parts. Natürlich ist es viel Arbeit und ich würde nicht behaupten wollen, dass das ideal ist. Mein Tag besteht aus fünf, sechs Stunden im Bus und dem Soundcheck von zwei Shows. Dann noch das Ein- und Ausladen, nur um am nächsten Tag alles noch mal zu machen. Es wirkt intensiver und neuer, als es ist. Für uns ist es aber bereits Routine geworden. Es ist unser Ding und das schon seit einiger Zeit. Aber es fühlt sich schön an, diese Erfahrungen mit ihr zu teilen, aber auch mit den Jungs. Es ist ziemlich einzigartig, dass zwei Bands auf diesem Level koexistieren und funktionieren können.

Ich liebe es Geschichten über Sargent House, euer Label, zu hören und auch Emma hat mir schon einiges erzählt. Mich würde deine Sicht auf dieses Label interessieren. Vor allem weil ich gerade im Hinblick auf eine gewisse dunkle, aber auch sehr ästhetische Qualität von Bands wie Deafheaven, Chelsea Wolf oder Russian Circles einen Narren daran gefressen habe. Es scheint da diese Verbindung zu geben.
Cathy und das Label kenne ich schon ewig, fast seit den Anfängen, da Young Widows wirklich viel mit Russian Circles unterwegs waren. Sargent House scheint sich sehr dieser dunklen und intensiven Musik verschrieben zu haben. Früher war es etwas diverser, aber, ich glaube, es liegt in der Tat an Cathy, die das Label fantastisch betreut und führt. Sie liebt diese Art von Musik und sie erzählte mir, und ich glaube ihr, dass sie die Musik, die wir machen, sehr mag. Sie wünscht uns Erfolg und sie hat gerade für die Künstler nur die besten Absichten. Diese gemeinsame DNA ist definitiv da. Es sind alles Äste eines großen Baums und ich fühle mich sehr wohl, nun auch mit Jaye Jayle Teil dieser riesigen Diskografie und Familie zu sein.

Was begeistert dich derzeit am meisten?
Puh, was für eine Frage! Ähm, ich liebe es in fremden Städten zu spielen. Erst vor kurzem hatten wir einen völlig Fremden am Saxophon. Er hing vor der Show in einer Bar ab und ich sprach ihn einfach an, ob er uns nicht bei einem Song helfen will. Er kam einfach mit und hat Low Again Street mit uns gespielt, und genau das ist das, was ich meine. Genau so etwas liebe ich! Das Improvisieren, auch wenn wir nun mit der Platte im Gepäck sehr viel mehr an die Komposition gebunden sind. Das improvisierende Moment in der Musik ist vermutlich das wirklich Aufregendste für mich. Kontrolliert und ruhig zu sein, aber trotzdem eine gewisse Härte zu besitzen, ist auch etwas, was ich gerne perfektionieren würde. Du kannst dir die lauteste Band ansehen, die Regler richtig aufdrehen, aber eine Band, die in Kontrolle ist und eine Dynamik besitzt – das ist für mich „heavy“.

Das ist auch genau das, was ich sowohl bei dir als auch bei Emma erleben durfte, als ihr diesen Sommer bereits solo auf Tour ward. Ihr habt uns einen sehr intimen, aber nicht minder kraftvollen Blick hinter die Kulissen der Songs gewährt, die ihr sonst mit Band spielt. Gerade deswegen fand ich den Kommentar eines Fans nach Emmas letztem Song so passend: „This woman knows how to quiet a room.“ Heavy indeed!
Sie ist extrem kraftvoll solo. Das ist auch nicht immer einfach für mich, zumindest manchmal. Wenn ich mit ihr auf der Bühne stehe, vermisse ich es durchaus, sie zu „sehen“.  Ich will jetzt kein Creep sein, der sie im Schutze seiner Gitarre anstarrt, nein, nein, ich will der Creep im Publikum sein, der das tut. Mal sehen, wie’s heute läuft! (lacht)

„We outshine the sun, we outrise the moon“ ist eine der ganz wenige Zeilen, die ihr zusammen singt und ich muss gestehen, dass mir Emmas Album am Tage besser gefällt, Jaye Jayle aber unfassbar gut zur nächtlichen Stimmung passt. Was denkst du?
Das ist großartig und das nehme ich glatt als Kompliment an. Nachts ist die Zeit, zu der ich am liebsten Musik höre, definitiv! Wenn der Tag vorbei ist, einfach eine Weile relaxen und über eine wirklich gute Anlage gute Musik hören. Das ist Luxus! Heute Nacht selbst zu spielen, ist aber auch nicht übel.


Jaye Jayle > Homepage // No Trail And Other Unholy Paths // Sargent House // VÖ: 29. Juni 2018

Foto: A.F. CORTÉS > Homepage

Interview: Tim Brügmann > Homepage