Im Gespräch: Ziad Doueiri

“Der Affront” (>> Filmkritik) erzählt die Geschichte des palästinensischen Arbeiters Yasser (Kamel El Basha) und des libanesischen Christen Toni (Adel Karam), die sich wegen einer Kleinigkeit in die Haare bekommen und deren Streit immer größere Wellen schlägt – bis ganz Libanon den beiden folgt. Denn hinter dem Streit steckt sehr viel mehr, als das Publikum ahnt. Seit dem 25. Oktober 2018 läuft das für einen Oscar nominierte Drama in unseren Kinos. Nachdem wir euch schon den Film vorgestellt haben, wollen wir nun auch Regisseur und Drehbuchautor Ziad Doueiri zu Wort kommen lassen. Denn wir hatten die Gelegenheit, den Filmemacher persönlich zu treffen und ihm einige Fragen zu stellen.

Wie bist du auf die Idee für den Film gekommen?
Inspiriert wurde ich durch einen ganz einfachen Vorfall, ähnlich wie der im Film. Ich war gerade dabei, meine Blumen am Balkon zu gießen, als ein Mann mich von unten anschrie, der vom Wasser getroffen wurde. Also habe ich ihm entgegnet, er soll doch auf der anderen Straßenseite laufen. Ein ziemlich alberner Vorfall eigentlich. Einige Tage später überlegte ich: Warum nicht mit einem solchen Vorfall meine Geschichte beginnen, die wie ein Schneeball immer größer wird und am Ende sogar zu einem Staatsthema wird.

Du kannst dich also mit deinen Protagonisten identifizieren?
Du musst dich mit deinen Protagonisten identifizieren können. Sonst kannst du nicht ihre Geschichte erzählen. Wobei ich mich Toni näher fühle, dem Christen. Er ist mir ähnlicher. Er ist unverschämt, grob, ein bisschen rassistisch, rechtsgerichtet.

So würdest du dich selbst beschreiben?
Ich würde mich nicht als rassistisch und rechtsgerichtet beschreiben. Aber ich versuche immer, mich in jemanden hineinzuversetzen und zu verstehen, warum er so tickt. Toni ist ein Charakter mit Mängeln. So wie Trump ein Charakter mit Mängeln ist, was ihn aber zu einem spannenderen Charakter macht als Obama. Obama ist langweilig, seine Zeit als Präsident war die langweiligste von allen. Er war zu elitär, zu intellektuell. Zu schlau. Als Filmemacher interessiert mich so jemand nicht. Aber ich bin auch nicht politisch korrekt. Je mehr Mängel jemand hat, je mehr Schwächen, umso interessanter wird er. Momentan verfolge ich auch sehr, was Trump so tut, weil mein nächster Film von Nationalismus in Amerika handeln wird, wo ich eine ganze Zeit lang gelebt habe.

Für Künstler ist Trump sicher ein Geschenk, da er ein sehr ergiebiges Thema ist. Für die Menschen, die dort leben müssen, sieht das aber sicher etwas anders aus.
Um ehrlich zu sein: Ich denke, dass Trump die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Er bringt jede Menge Bewegung in die Politik. Die Linke war zuletzt zu elitär geworden. Clinton zum Beispiel hat viel zu sehr auf die Leute herabgeschaut. Sie ist das geworden, was die Rechten früher waren: arrogant, bürgerlich, intellektuell. Trump reißt alle Grenzen ein und kümmert sich nicht darum, was man sagen darf und was nicht.

Kommen wir zu deinem Film zurück. „Der Affront“ nutzt diesen simplen Vorfall, um alte Wunden aufzuzeigen und den Hass zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Libanons, obwohl der Krieg schon so lange zurückliegt. Wieso gibt es diese Ressentiments noch immer?
Genauso könntest du fragen, warum es in den USA den Hass zwischen Weißen und Schwarzen gibt, warum Serben und Kroaten verfeindet sind, Indien und Pakistan. Eine wirkliche Antwort darauf kann ich dir nicht geben, dafür ist das Thema zu komplex und umfasst zu viele Bereiche. Ich bin nicht intellektuell genug, um das zu beantworten. Ich kann nur Fragen beantworten, die wirklich mich selbst betreffen. Wenn du mich persönlich fragst, woher meine Ressentiments kommen, dann hat das oft mit dem Gefühl zu tun, dass mir Rechte genommen werden. Wenn du mich auf eine ungerechte Weise angreifst, dann mach ich dich fertig und reiß dir den Kopf ab. Meine ganze Familie ist so, meine Mutter, meine Brüder. Wir sind sehr faire Menschen. Aber wenn sich einer mit uns anlegt, schlagen wir zurück.

„Der Affront“ handelt auch von den schmerzhaften Langzeitfolgen, die durch die Aufnahme der palästinensischen Flüchtlinge entstanden. War es trotz der vielen Probleme richtig, all diese Flüchtlinge aufzunehmen? Was hätte anders gemacht werden müssen?
Das ist wieder so eine komplexe Frage. Richtig war es natürlich, sie aufzunehmen. Was sollst du sonst tun, wenn auf einmal Hunderttausende vor deiner Grenze stehen und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können? Gleichzeitig musst du natürlich aufpassen, weil du damit die Demografie änderst, du auch die ganze Gesellschaft änderst. Wie sich die Million Flüchtlinge in Deutschland in zehn Jahren auswirken werden, das kann momentan niemand sagen. In 20 Jahren. Was passiert mit den ganzen Menschen, die sich nicht anpassen können oder wollen?

Wie waren deine eigenen Erfahrungen, als du dein Heimatland hinter dir gelassen und ein neues Leben in den USA und später Frankreich begonnen hast?
Ich war unglaublich glücklich. Ich konnte endlich tun, was ich tun wollte, habe das Handwerk des Filmemachens gelernt. Die Menschen nahmen mich auch mit offenen Armen auf und haben mich gar nicht als Flüchtling angesehen. Sie ließen mich einfach arbeiten. Es war großartig für mich in Amerika und ich hatte nie etwas, das man als Identitätskrise bezeichnen könnte. Ich mochte immer den Westen und seine Werte. Ich würde beispielsweise nie nach Russland auswandern, das ist einfach nicht mein Ding. Der Westen ist viel offener und toleranter, auch weil er viel stabiler ist. Ich habe mich dort immer mehr zu Hause gefühlt als in meinem Heimatland.

Aber warum bist du dann zurückgekehrt und hast einen Film über den Libanon gedreht?
Je mehr Schwierigkeiten es gibt, umso mehr Geschichten gibt es auch, die erzählt werden können. Ich habe sechs Jahre in Frankreich gelebt und nie darüber nachgedacht, eine französische Geschichte zu erzählen. Dafür ist Frankreich zu stabil, zu gemütlich. Da inspirieren mich der Osten und auch Amerika mehr, weil es dort so viele Probleme gibt. Wo auch immer Probleme sind, dahin gehe ich. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass ich einen Film über Schweden drehen könnte. Ich brauche einfach Probleme. Geschichten zu erzählen hat auch immer mit Konflikten zu tun.

Und wie war das für dich, im Libanon zu drehen?
Eine einzige Freude. Ich war sehr glücklich, dort zu sein. Filmemachen ist ein großartiger Job. Ich wüsste auch gar nicht, was ich sonst tun sollte. Wenn ich am Set bin, bin ich in meinem Element. Die Probleme kamen erst, nachdem der Film schon gedreht war, und ich musste sehr dafür kämpfen, dass der Film in Beirut gezeigt werden darf. Aber der Kampf war es wert. Es ist immer wert, für etwas zu kämpfen, an das du glaubst.

Der Affront > Filmkritik

Foto: DOUEIRI Ziad photo copyright DR