14. November
Tocotronic

Die Hamburger Indie-Rock-Band Tocotronic gibt es jetzt seit 22 Jahren. Rick McPhail ist seit 2004 ihr Gitarrist und Keyboarder. Unsere Autorin Yvonne Franke sprach mit ihm über das neue Album, das im Mai dieses Jahres erschien, und ihre aktuelle Tour.

Euer neues Album, das eigentlich ohne Titel veröffentlicht wurde, wird inzwischen „Das rote Album“ genannt. Ist das so kurz nach der Veröffentlichung bereits der Volksmund?
Nein, ich glaube schon, dass da der Dirk ( Anm. d. R.: Dirk von Lowtzow, Sänger, Gitarrist und Texter der Band) dahintersteckt, der sich dachte: Es geht ja hauptsächlich um das Thema Liebe. Und die Liebe ist rot, dann ist das also das rote Album. Auch in Erinnerung an unser Album „Tocotronic“, das dann „Das weiße Album“ genannt wurde.

Habt ihr das Thema Liebe gewählt, weil die Liebe während der Zeit der Aufnahmen eine große Rolle für euch spielte?
Nachdem ein paar Songs entstanden waren, wurde einfach klar, dass es um das Thema gehen würde. Wir finden Konzeptplatten immer super. Im Indie-Bereich ist es eher etwas verpönt, über die Liebe zu schreiben. Den meisten ist das zu kitschig. Das hat es für uns eher noch interessanter gemacht, eine Platte zu machen, in der es genau darum geht. Das ist ein großes Thema und man muss ja nicht unbedingt nur Schalala-Ich-lieb-dich-Songs darüber schreiben. Liebe kann auch etwas sehr Schmerzhaftes sein.

Welche musikalischen Einflüsse gab es? Was habt ihr während der Aufnahmen selbst gehört?
Ich glaube, Dirk hat zu der Zeit ziemlich viel 80er-Jahre-Zeug gehört. Selbst in der linken Szene in Berlin wird gerade viel Musik aus der Zeit gehört. Früher war es eher so, dass dort Hardcore-Punk oder Progressive Rock gehört wurde. Das hat sich gewandelt. Ansonsten hören wir gern mal afrikanische Musik und auch viel Jazz.

Wie ist es mit der Erwartungshaltung eurer Fans der ersten Stunde? Machen die eure Entwicklung mit? Sind die noch da?
Die gibt es noch. Einige hatten eine Zeit lang keine Lust mehr auf Gitarren und haben nur noch elektronische Musik gehört. In den späten Neunzigern fand man das spannend. Das war eine Bewegung. Aber viele von denen sind wiedergekommen. Man hat behauptet, die Gitarre wäre tot, aber sie ist immer noch da. Und als Musiker macht man sowieso am besten immer das, was einem selbst gefällt.

Glaubst du, es ist sowieso eher eine Zeitgeistfrage, ob eine Platte funktioniert oder nicht?
Ja. Und manchmal ist man der Zeit vielleicht auch fünf Jahre voraus oder man ist fünf Jahre zu spät dran. Man kann aber auch Glück haben. Es gibt kein Erfolgsrezept für Popmusik. Immer wieder gibt es Erscheinungen wie die White Stripes zum Beispiel, die plötzlich wieder mit ganz einfacher Rock-Musik um die Ecke kommen und Erfolg damit haben. Niemand hat damit gerechnet. So war es damals auch bei Nirvana. Wenn man immer nur das tut, von dem man glaubt, dass die Leute es gut finden, wird es sie am Ende nur langweilen. Die wollen ab und zu auch mal überrascht werden. Es klingt vielleicht kitschig, aber die Musik ist immer noch am überzeugendsten, wenn sie von Herzen kommt. Wenn das so ist, kann man es hören.

Wenn es dann ein Erfolg wird, was du tust, spornt dich das eher an oder wirst du faul?
Wir versuchen das ein bisschen lässig zu sehen. Man muss auch damit rechnen, dass das Publikum irgendwann wegbleibt. Zu Zeiten von Spotify wird es immer schwieriger, mit Musik Geld zu verdienen, und wir sind echt glücklich, dass es bei uns funktioniert. Wir können alle ganz gut davon leben. Trotzdem wäre es klug, für den Notfall ein zweites Standbein zu haben. Viele Bands verdienen ihr Geld im Grunde nur noch damit, ständig auf Tour zu sein, und da gibt es dann auch wieder ein Überangebot. Die Leute können es sich nicht leisten, jeden Abend auf ein Konzert zu gehen.

Aber auf eure Konzerte sollten sie schon gehen. Warum?
Ich finde, wir machen das wirklich gut. Unsere Platten sind darauf ausgelegt, auch live spielbar zu sein. Viele Bands legen nicht mehr so viel Wert darauf und sagen: „Scheiß drauf. Dann lassen wir eben einen Laptop auf der Bühne mitlaufen.“ Das ist nichts für uns. Das hemmt total und lässt die Musik steif klingen. Dann spiele ich lieber Gitarre und gleichzeitig die Keyboards mit den Füßen. Das ist ein bisschen sportlich, aber die Sache wert. Bei großen Pop-Produktionen kann man es ja verstehen. Da geht es dann bei den Auftritten mehr um den Tanz und die Show als um die Musik.

Wenn ihr euer choreografisches Repertoire noch erweitert, müsst ihr vielleicht auch mal auf Playback zurückgreifen.
Dafür sind wir inzwischen zu alt. Das machen die Knie nicht mehr mit.

Tocotronic gibt es inzwischen ja schon seit über zwanzig Jahren. Im Aufbau Verlag ist jetzt sogar ein Buch über euch erschienen: „Die Tocotronic Chroniken“. Wie war die Zusammenarbeit zwischen euch und dem Herausgeber Jens Balzer?
Wir kannten uns schon lange vorher. Jens hat oft Interviews mit uns geführt und Pressetexte für uns verfasst. Inzwischen sind wir befreundet. Das war also ganz natürlich und hat Spaß gemacht.

Der Rolling Stone hat geschrieben: „Tocotronic zeigen, wie man zu Lebzeiten für Unsterblichkeit sorgt.“ Stimmt das? Baut ihr euch Denkmäler?
Anfragen für ein Buch zum Beispiel gab es schon vor vielen Jahren. Tocotronic hat das immer abgelehnt. Aber die Band ist jetzt 22 Jahre alt. Da kann man das ruhig machen. Das ist kein Denkmal, sondern eine Rückschau.

Lieben Dank, Rick, für das schöne Gespräch.

Foto: Michael Petersohn


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