Im Gespräch: Tito & Tarantula

Tito & Tarantula – die Haus- und Hofband der Herren Robert Rodriguez und Quentin Tarantino haben Popkultur-Geschichte geschrieben. Den Ausnahme-Hit after dark, zu dem 1997 im Film From Dusk Till Dawn eine halbnackte Selma Hayek unter Vampiren und Feuertöpfen eine Schlange eindrucksvoll als Schal verwendet, kennt jeder. Tito Larriva, der wohl einzige Latin-Poprockstar, der es in Europa immer noch unter Applaus auf die Bühne schafft, feiert 25 Jahre Bühnenjubiläum.

Am 17. April machte er wie fast jedes Jahr auch wieder in München Halt. Diesmal nicht im Backstage, sondern im an diesem Abend aus allen Nähten platzenden STROM an der Lindwurmstraße. Trotz des ziemlich angetrunkenen Publikums lieferte die mexikanische Kombo eine Show, wie man sie sich von alten Titty-Twister-Zeiten her erwartet. Nach guten eineinhalb Stunden war es dann soweit, sich ein frisches Bier zu bestellen und die Tür zum Backstage-Raum zu öffnen, in dem mich nicht nur Tito, sondern seine alten Weggefährten Peter Atanasoff und Johnny Vatos willkommen hießen. Zeit also, um über ein wenig Nostalgie, Herzblut und den alten Winnetou zu reden. Tito and his blood sucking friends are back.

Danke euch, dass ihr euch die Zeit für mich genommen habt. Das dürfte meine fünfte Tito & Tarantula-Show sein und wieder einmal sehe ich neue und alte Gesichter. Heute ist aber auch gleich ein besonderer Tag und Grund, warum ihr diesmal wieder in alter Besetzung auf Tour seid: „lost tarantism“, das verschollene Album, steht seit heute in den Läden. Die Setlist war gespickt mit vielen Klassikern eures ersten Albums „tarantism“, das ebenfalls heute komplett remastered ins Regal gepackt wird. Dahinter steckt einiges an Nostalgie. Tito, wie bist du über diese alte Schatztruhe gestolpert und warum erst jetzt nach fast 20 Jahren?

Tito: Ja, es sind in der Tat sehr alte Songs. Als wir damals „tarantism“ aufgenommen haben, hatten wir 28 Tracks eingespielt. Als es an den Release ging, schob Sony dem Album jedoch einen Riegel vor. Drei ganze Jahre später rief mich jedoch einer der Techniker von damals an. Er würde sich gerade das Album anhören und ich solle Sony, denen die Rechte mittlerweile gehörten, bitten, mir das Material zurückzugeben. Ich dachte nicht, dass sie es tun würden, doch siehe da: Ich rief an und man sagte mir: „Klar, komm vorbei und hol es!“

Und dann gingt ihr sofort ans Werk?

Tito: Wir stellten das Album damals hastig fertig, packten einfach zehn Songs auf die Scheibe und hatten es nicht wirklich durchdacht. Songs, die wir für Robert Rodriguez und andere Filme geschrieben hatten, sowie unsere Favoriten schafften es auf die CD. Die restlichen Tapes gerieten in Vergessenheit, und das für 20 Jahre.

Peter Atanasoff: Ich denke Songs wie „jupiter“ und „killing just for fun“ oder auch „sweet cycle of life“ – das waren die letzten Songs, die wir damals geschrieben hatten. Deswegen wählten wir diese auch für das Album aus. Die waren am frischesten. Das Album umfasst schließlich fast zehn Jahre an Material.

Tito: Viele Songs hatten wir schon lange im Kasten. Wir haben das Album schnell zusammengestellt und ehe wir uns versahen, waren wir mit dem zweiten Album beschäftigt und vergaßen den Rest. Ganz einfach vergessen. Als wir uns also letztes Jahr an den Remaster machten, fand ich die alten Kassetten wieder und habe sie an die Plattenfirma in Deutschland geschickt, damit diese Bonus-Tracks auswählt. Die beschlossen aber einfach, alle Songs rauszubringen. Das wären genug für ein ganzes eigenes Album, hieß es. Und somit haben wir nun zwei Alben, die heute erscheinen.

Wie hast du dich beim Ausgraben dieser Schätze gefühlt? Und wie klang „tarantism“ während des Remasterings für dich?

Tito: Ich habe es gehasst. Das Zeug war 20 Jahre alt, ich konnte nicht einfach zurückkehren. Die Gedanken, die ich damals hatte und all das Drumherum. Die Texte hatte nicht mehr dieselbe Bedeutung wie damals. Je mehr ich mir die Texte angehört habe, desto weniger dumm klangen die Songs jedoch. Einige klangen lustig und anderen wiederum waren sogar ein wenig romantisch. Das war cool und es brauchte seine Zeit, ehe ich mich daran gewöhnte. Und dann sandte ich sie zu Johnny und Peter und die beiden mochten die Songs ebenso.

Und das hat dir das nötige Selbstbewusstsein für die Songs zurückgegeben?

Tito: Absolut! Und natürlich meine Frau, die sagte: „Beweg besser deinen Hintern bloß wieder auf Tour und zahl die Rechnungen!“ Der Schlüsselmoment war aber auch meine Tochter. „my arms tonight“ wollte ich zuerst nicht mit aufs Album bringen. Ich fand den Song grausam. Und auf einmal fing meine Tochter an mitzugehen und ich dachte: „Wenn sie ihn mag, dann wird er wohl gut sein.“

Du warst also „betriebsblind“ und brauchtest die Bestätigung von außen, jemanden, der dir sagt, dass das gutes Zeug ist?

Tito: Das ist genau das, was passierte. Und jetzt, wo wir sie live spielen, erwachen die Songs zum Leben. Ich erinnerte mich an ein paar Shows von damals. „Gimme respect“ und andere Songs, die wir damals auch spielten. Die fühlen sich wieder großartig an. Die Songs haben ihre ganz eigene Wirkung.

Peter: Es ist so interessant, die Resonanz auf die alten Songs zu sehen. Als würden die Leute, wie heute Abend auch passiert, sie schon ewig kennen. Sie singen mit und es ist verrückt. Dabei haben sie die Teile nie zuvor gehört. Es sei denn, Tito verteilt vor den Shows fleißig CDs.

Du warst schon lange vor dieser Band im Musikgeschäft unterwegs, Tito. The Plugz, Cruzados und die Psychotic Aztecs zum Beispiel. Dieses ganze Film-Genre, wie es Robert Rodriguez bedient, aber auch ein Stück weiter gedacht, die Desert-Rock Szene rund um Queens of the Stone Age und andere Stoner-Bands aus der Wüste: Warum ist das in Europa und gerade in Deutschland so erfolgreich?

Peter: Ich denke, eines der Dinge, die auf die Leute so eine Anziehung auswirkt, ist die Tatsache, dass Tito Mexikaner ist. Punkt. Sie verstehen nichts von mexikanischer Kultur. Nichts. Ich wuchs mit Schwarzen auf. Ich wusste nichts von deren Kultur. Ich war so begeistert von ihnen und dennoch lebten wir sehr getrennt voneinander. Es war so mysteriös auf eine Art und Weise. Und so ist es hier. Wir kommen hierher und die Leute wissen nichts von Mexiko. Und das sieht man an den mexikanischen Restaurants in Europa …

(Alle lachen)

Tito: Es geht noch viel weiter zurück. Als Europa den Westen erkundete, waren Europäer fasziniert von dem, was sie dort sahen. Indianer und all das. Da wurden Bücher geschrieben. Da gab es Buffalo Bills, die Western-Shows nach Europa brachten, und da war irgendwann auch Winnetou. Ein ähnliches Gefühl löste bei mir das Dschungelbuch aus. Indien war so weit weg und so mysteriös. Oder auch die englische Kultur mit Sherlock Holmes. Das hat mich als Jungen enorm fasziniert. Und das auf dieselbe Art und Weise, wie Europa von Amerika fasziniert ist oder eben Mexiko. Ich denke dieses Desert-Ding ist immer noch den alten Bildern geschuldet: Pferde, Wüste, Klapperschlangen. Und ja, ich wuchs mit Pferden und Schlangen auf. In der Wüste. All das aber ist für mich bei Weitem nicht so interessant, wie es das für unsere Fans in Europa ist.

Weil die nur grüne Wiesen und Kühe kennen?

(Tito lacht) Ganz genau! Die Alpen mit ihren Kühen. Riesige Trompeten in den Bergen. Wunderschön! Das sind wieder Bilder, die ich nicht kenne und die mich grinsen lassen.

Johnny Vatos: Da kommen eben Roberts Filme wieder ins Spiel. Ich weiß noch, als wir zum ersten Mal hier tourten. Und Robert unterstützte uns an der Gitarre. Die Leute kamen aber, um Tito als Schauspieler zu sehen, und waren dann umso beeindruckter: „Was für gute Musiker!“

Tito: Ja, viele dachten, wir würden kostümiert wie in „From Dusk Till Dawn“ auftreten. Komplett mit Vampirzähnen. Aber wir kamen, um einfach nur unsere Musik zu spielen.

Gerade in Bezug auf die Szene um LA herum oder in San Antonio mit Bands wie Chingon oder Del Castillo, die sich mittlerweile leider aufgelöst haben: Da ist eine Art Sehnsucht und Herzblut in der Musik, die in Europa manchmal zu fehlen scheint. Vieles ist sehr melodramatisch und mexikanische Soap-Operas genießen Kultstatus. Ich denke gerade, dich auf der Bühne zu sehen, singen zu hören und nur von einer Gitarre begleitet – allein das versetzt die Leute gedanklich in eine ganz andere Kultur. Das ist authentisch.

Peter: Leute lieben das, was sie nicht haben. Sie fühlen sich hingezogen zu dem, was sie nicht haben. Das ist Teil der menschlichen Natur.

Lola: Ich hoffe, Leute fühlen sich zu ehrlicher, handfester Musik hingezogen. Es bedarf einer gewissen Authentizität und das merken Menschen. Und ich denke, das ist, was unsere Fans zu solchen Kult-Fans macht. Wenn es Leuten wirklich gefällt und die Energie da ist, zieht das einfach Menschen an.

Tito: Egal ob es Latino ist oder etwas anderes. Wir genießen natürlich einen gewissen popkulturellen Status durch die Filme. Aber am Ende ist diese Sehnsucht nach etwas Unbekannten genau das, was die Leute mitnimmt.

Peter: Es ist Wahrhaftigkeit. Wir spielen in Mexiko City und wenn auch nur einer einen Funken mangelnder Authentizität entdeckt. Dann sind wir geliefert. (lacht)

Johnny: Die Band, die vor uns spielte, kam blutig von der Bühne. Es wurde mit Steinen geschmissen und wir dachten uns nur: „Was zum Teufel!?“ Als wir dann an der Reihe waren, kam ein Kerl auf die Bühne und zog sich einfach aus. Dann ein Mädchen und auf einmal war die Bühne voller Menschen. Tito warf seine Gitarre in die Luft, sie schlug auf und es brach ungeheurer Lärm aus. Die Leute liebten es.

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Zum Schluss die Frage aller Fragen. „After dark“ – der Song, der dir alle Türen in Europa geöffnet hat. Es vergeht kein Konzert, ohne dass er gespielt wird, und gerade weil jede Show mit ihm endet und du Leute auf die Bühne holst, die tanzen oder sogar Gitarre spielen dürfen, ist er nicht wegzudenken. Ich hatte ihn selbst eine Zeit lang als Klingelton und besitze die Single. Ist der Song ein Fluch oder ein Segen?

Tito: Wäre ich 21 Jahre alt und wäre ich gerade auf Tour und spielte den Song schon fünf Jahre, ja, dann würde ich sagen: „Er ist ein Fluch!“ Aber das bin ich nicht. Ich bin 60 und sehr dankbar um jeden Fan, der zu unseren Shows kommt. Deine Perspektive ändert sich. Auch das Bild, das du von dir hast, ändert sich. Und man realisiert, dass das, was man tut, etwas für die Gemeinde ist. Jedes einzelne Mal. Wenn du an einen Ort kommst, sorgst du dafür, dass die Leute für einen Moment ihre Probleme vergessen.

Und mit 21 ist das noch was ganz anderes?

Tito: Wenn du 21 bist, denkst du nicht an sowas. Du denkst, du bist ein Rockstar. Du willst Drogen, Sex und Rock’n’Roll. Und das ist eine ganz andere Einstellung. Vielleicht eine gute damals. Ich bereue gar nichts, denn das war großartig. Ich schrieb den Song 1981, er ist also noch viel älter, als manche denken. Ich spiele diesen Song also schon sehr, sehr lange. Aber er wird nie langweilig.

Lola: Wir verspielen uns sogar manchmal.

Tito: Und ich vergesse sogar manchmal die Worte. Und das macht die Show lebendig. Es ist, wie du sagst, unser liebster Song. Wir holen die Leute auf die Bühne und beenden die Show mit einer großen Party. Wir fühlen das Publikum und das Publikum uns. Jedes einzelne Mal aufs Neue.

Alles für das Publikum also. Bei diesen Worten klopft es schon an die Tür des aufgeheizten Backstage-Raumes. Nach einer beherzten Umarmung und dem Versprechen, Herrn Rodriguez zu grüßen, macht sich Tito verschwitzt und heiser an das gerade gelieferte mexikanische Essen. Authentisch eben.

Das neue alte Studioalbum von Tito & Tarantula mit dem Titel „lost tarantism“ und das neu abgemischte Debüt „trantism“ mit zwei Bonus-Tracks stehen seit dem 17. April in den Plattenläden – erstmals auch als Vinyl. Tito und seine Taranteln sind indes noch bis zum 9. Mai in Deutschland live zu erleben. Wer es verpasst, hat sicher bald wieder die Chance, ihn auf der Bühne zu sehen. Larriva ist noch lange nicht müde und verspricht für nächstes Jahr bereits ein neues Album. Diesmal sogar ein wirklich neues.