Im Gespräch: Shame

The Year of Shame. Blutjung und stinksauer, dabei keine Konventionen scheuend und stets mit 110 Prozent auf der Bühne, das sind Shame. Doch was sich da am 12. Januar 2018 in Gang setzen sollte, konnten nicht mal die fünf Rotzlöffel aus dem Süden Londons auch nur ansatzweise erahnen. Und so dürften quer über den Globus die Türen der Musikredaktionen aufgesprungen sein und ein Kollege dem anderen mit fiebrigen Finger Songs of Praise als – schon jetzt – DIE Platte des Jahres auf den Schreibtisch geschleudert haben.

Zehn Tracks an der Zahl über das Älterwerden, Liebe, Drogen und die Lage der englischen Mittelschicht haben Charlie Steen und seine jungen Recken mehr als einmal um den Globus gejagt. Süßeste Lobeshymnen haben sie geerntet und sich, zwölf Monate später, bereits ganz oben an der Spitze sehen lassen. Innerhalb eines Jahres hat das Quintett mit Anfang 20 das erreicht, wovon viele Bands lange träumen. Raus aus dem stickigen Proberaum, raus aus dem Pub und hinein in die bittersüße Welt des Rock ‘n’ Roll. Ihr energetischer Post-Punk mit rotzigem Charme vorgesungen und mit unverschämt unbändiger Naivität auf die Bühne und mitten ins Publikum gefeuert, sucht dabei in der Tat seinesgleichen. Ganz gleich ob SXSW, Puls-Festival oder das Heimspiel in der Brixton Academy: Shame dürfen sich alles andere als vor Scham verstecken.

Mitte des Jahres noch im Orangehouse auf dem Abstellgleis des Feierwerks eine mehr als denkwürdige Show abgeliefert, sind Shame, mit den Koffern voller Erinnerungen an Höhenflug und gleichzeitigem Fall zum zweiten Mal in München zu Gast. Ein wenig verschnupft und etwas abgekatert vom Exzess Berlins sitzen uns kurz vorm Nachlag im STROM Charlie Steen und Sean Cole Smith mit reichlich Fluppen und einem ehrlichen Fläschchen Augustiner gegenüber. Ein Gespräch mit der – für viele – Band des Jahres über das Leben auf der Überholspur, ihre Lieblingsbücher und gute Vorsätze.

 

 

Jungs, danke für eure Zeit und was soll ich sagen? Das Jahr neigt sich dem Ende zu und es war „a Year of Shame“. Wie fühlt ihr euch?
Charlie: Oh Mann, es war ein wildes Jahr. Nach dieser Europa-Tour, während die Leute dies hier wahrscheinlich lesen werden, werden wir freinehmen und einfach nur schreiben. Wir haben so gut wie 150 Shows gespielt und freuen uns wirklich über eine kurze Pause, wollen die neue Platte aber auch schnell fertig bekommen.
Sean: Die letzte Zeit war wirklich intensiv. Wir müssen erstmal etwas Abstand gewinnen, um überhaupt zu realisieren, wie verrückt das alles war.

Euer Terminkalender war mehr als gut gefüllt und ihr klingt beide tatsächlich etwas erkältet.
Charlie: Wir müssen unbedingt etwas relaxen. Ich denke, das ist sehr wichtig für uns alle. Einfach mal wegfahren und mit einem klaren Kopf an das zweite Album herantreten. Wir wollen, dass es anders klingt. Wir wissen zwar noch nicht ganz genau, wohin, aber es soll definitiv anders werden.

„Songs of Praise“ steht nicht nur bei Rough Trade Records, aber auch bei vielen meiner Kollegen ganz weit oben und ihr kommt aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Was hat euch in diesem wilden Jahr dennoch Nerven gekostet? Was hat euch fertiggemacht?
Sean: Wenn du so viel tourst, kann es dir sehr schnell passieren, dass du nicht wirklich auf dich achtgibst. Aber mittlerweile haben wir den Dreh raus und unsere Grenzen weitestgehend ausgetestet. Da gab es definitiv einige Momente … (lacht)
Charlie: Die Festival-Saison ist wirklich brutal. Ich saß dieses Jahr in mehr als 60 Flügen und das kann dich wirklich fertigmachen. Im Bus kannst du wenigstens pennen oder es zumindest versuchen. Aber diese kurzen Flüge mit all der Security und den kurzen Aufenthalten lassen dich auf Dauer durchdrehen.
Sean: Hinzu kommt natürlich all das, was man eben mit 21-Jahren so durchmacht. Wenn jetzt auch noch diese surreale Alternative-Realität auf einen prallt, braucht man erstmal eine Weile, um alles zu verarbeiten.

Persönlich hasse ich das Gefühl, nicht wirklich anzukommen. Weniger als 24 Stunden in einer Stadt, wie neulich in London, zu verbringen, ist immer sehr strange für mich.
Sean: Oh ja, genau das! Im Bus verbringst du ja gerne mal ganze Nächte und sobald du aufwachst, bist du einfach da. Teilweise haben wir nichts von den Städten gesehen, aber mit der Zeit sind wir ganz gut darin geworden, das Wichtigste in der Kürze der Zeit zu packen. Funktioniert leider nicht immer. Sieben Stunden sind eben nur sieben Stunden.

Ihr seid zum zweiten Mal hier, soweit ich weiß …
Sean: Oh, wir sind gefühlt ständig in München, da unsere Anschlussflüge allem Anschein nach immer von hier starten. Verdammt, selbst nach Moskau … (lacht)

Wir kamen bereits drauf: Ihr seid allesamt blutjung und ich kann mir vorstellen, dass der ganze Rummel einen ziemlich überfordern kann. Wie habt ihr es hinbekommen, trotz allem so diszipliniert eure Shows zu spielen?
Charlie: Das geht hervorragend, wenn man das eigene leibliche Wohl im Auge behält. Ich flüchte einfach in Bücher und Filme. Alkohol ist natürlich sehr verlockend, aber wie gesagt, mittlerweile hat jeder seine Grenzen für sich selbst herausgefunden und es hat sich bisher gut eingespielt. Ich weiß, wann Schluss sein muss oder auch nicht …
Sean: Wie gestern in Berlin … (legt den Kopf in die Hände)
Charlie: Ha ha, klar kannst du trotzdem noch ausgehen und einen trinken. (lacht)
Sean: Man weiß einfach, wenn man sich auf etwas gefasst machen muss. Auf dieser Tour gab es bereits Amsterdam und Berlin. Da weißt du einfach, was dir nach der Show blüht. Diese Nächte werden immer sehr heiter. (lacht)

Hamburg und Berlin sind auch mein Kryptonit …
Charlie: Hamburg, alter Falter … da haben wir tatsächlich immer den meisten Spaß! Daheim sind es dann Städte wie Manchester, Newcastle oder Glasgow. Am besten in der Reihenfolge, da bleibt kein Auge trocken. München ist recht gesittet, das tut ganz gut heute.

Was hat es mit Post-Punk auf sich? Ihr werdet diesem Label gerne zugeordnet, aber woher kommt ihr musikalisch? Hört ihr die Art von Musik, die ihr macht, auch selbst?
Sean: Ich spreche da für mich, aber meine Eltern haben viel Beatles, Beck und Country gehört. Nein, ich glaube, niemand von uns hat wirklich Post-Punk gehört. Das haben wir uns gegenseitig beigebracht. Ich habe nie The Fall gehört oder Joy Division, bis wir als Band damit konfrontiert wurden. Aber auch Bands wie Protomartyr, die auch heute noch unterwegs sind.
Charlie: Mir geht es ähnlich. Ich bin viel mit Bob Dylan aufgewachsen. Aber wir haben auch viel Pop-Musik gehört, gerade im Alter von 17 bis 19, in dem das Album entstanden ist und wir viel im Pub saßen. Daher hoffe ich, dass das neue Album einen erwachseneren Eindruck machen wird. Ich schätze der Post-Punk-Aspekt ist durch die Live-Show bedingt. Vor allem, wenn ich mein Shirt ausziehe, das Crowdsurfing etc.

Das Label wird im Moment sehr häufig verwendet und auch hier in Deutschland gibt es derzeit einige Bands, die in diese Kategorie fallen oder ihr zugeordnet werden. Daher die Frage, aus welchen Teilen sich das bei euch zusammensetzen könnte.
Charlie: Es ist wohl die Summe aller Teile. Die Platte hat definitiv einen großen Punk-Einschlag und wir mögen diese Ästhetik. Es ist kein falsches Label.
Sean: Mir gefällt das Label besser als Punk an sich. Die Leute behaupten, wir klingen wie die UK Subs, aber das verstehe ich nicht wirklich … (lacht) Ich selbst bin kein großer Fan vom 3-Akkorde-Punk. Jetzt gibt’s aufs Maul, oder? (lacht)
Charlie: In Amerika vergleichen sie uns gerne mit Fugazi. Die habe ich aber noch nie zuvor gehört. Shame on me.

Das Debüt ist ja immer die große Eruption von allem, was sich bisher musikalisch in euch gerührt hat. Warum wollt ihr mit eurem zweiten Album so viel anders machen?
Sean: Wir wollen sicher keine 180-Grad-Wende und wissen noch gar nicht so recht, wie es am Ende klingen soll. Bisher haben wir drei neue Songs im Set und die klingen gut, also spielen wir sie. Wir wollen uns keinem besonderen Genre verschreiben und in diesen vier Monaten alles ausprobieren, worauf wir Lust haben. Ich hoffe nur, es wird nicht scheiße. (grinst)

Charlie, wie schreibst du deine Texte. Sind sie ein Porträt des Zeitgeists im UK? Was treibt dich um?
Charlie: Die Songs von „Songs of Praise“ stammen aus dem letzten Jahr Schule, als wir alle unseren Abschluss gemacht haben. Es sind Beobachtungen. Einiges davon habe ich aus meinen Schulfächern wie Literatur und Geschichte mitgenommen, andere sind persönlich und manches ist ein sozialer Kommentar. Die neuen Texte werden definitiv persönlicher, aber ich versuche viel zu schreiben und zu lesen. Alles, was mich interessiert, fließt da mit rein, aber auch das, was ich im Moment höre.

Auf endlosen Busfahrten liest es sich natürlich hervorragend.
Charlie: Oh ja! Das versuche ich voll auszukosten.
Sean: Er liest nur intellektuelle Bücher, weißt du … (lacht)
Charlie: Selbstverständlich! Aber hey, neulich habe ich erst Herman Hesse und „Steppenwolf“ gelesen. Das kennst du sicher auch, oder? Ein tolles Buch! So etwas habe ich bisher noch nicht gelesen. Ist das ein Klassiker?

Er steht zumindest auf einigen Leselisten und in vielen deutschen Regalen.
Charlie: Oh ja? Sehr gut! Daheim gab es natürlich viel Virginia Woolf zu lesen. Als ich damals „Mrs. Dollaway“ gelesen habe, habe ich gleichzeitig von The Fall erfahren. Jedenfalls gefällt mir dieses Schreiben im Bewusstseinsstrom, wie auch bei James Joyce, sehr. Und Mark E. Smith tut das auf seine ganz einzigartige Weise auch. Die Verbindung fand ich interessant und so entstand auch der Song „The Lick“.
Sean: Seine Eltern sind ebenfalls Schriftsteller, also fällt der Apfel hier nicht weit vom Stamm.
Charlie: In der Tat. Da ich nicht beim Schreiben der Musik beteiligt bin, suche ich immer nach etwas, was passen könnte. Wenn der Song wirklich gut ist, kommt das alles sehr natürlich. Wenn ich mich schwerer tue, dann linse ich ab und zu in meine Notizen. Entweder habe ich die Texte oder schreibe sie, während die Jungs aufnehmen. Manchmal muss das alles aber auch etwas ruhen, ehe mir etwas einfällt.

Seid ihr in den letzten zwölf Monaten erwachsener geworden?
Charlie: Selbstbewusster bestimmt. Daher will ich beim nächsten Album definitiv mehr persönliche Texte einfließen lassen.
Sean: Wir pushen uns alle gegenseitig. Uns gibt es ja schon vier Jahre und, Junge, das hättest du damals auf keinen Fall hören wollen. Das war wirklich Schrott. Insofern sind wir außerhalb unserer Komfortzone auch als Musiker extrem gewachsen.
Charlie: Dieses Jahr und die vielen Shows haben uns so viel gegeben. Das alles ist eine dermaßen große Belohnung für uns, das kannst du dir nicht ausmalen. Wir genießen es, sehen die Welt und wissen einfach nur, dass wir noch erwachsener werden wollen. „Songs of Praise“ ist sozusagen der Schwanensang auf unsere Teenager-Jahre.

Man will gar nicht glauben, dass dir als Frontmann irgendwas schwerfallen könnte.
Charlie: Egal mit wem ich darüber gesprochen habe, aber der Weg eines Frontmanns oder einer Frontsängerin scheint immer der gleiche zu sein. Du betrinkst dich scheußlich und gehst einfach da raus, nimmst einen Haufen Drogen und bist komplett am Arsch. Aber irgendwann macht es klick. (lacht) Keine Ahnung, aber wir spielen die Songs mittlerweile im Schlaf und trotzdem ist jede Show so einzigartig. Manchmal kann man etwas fauler sein und manchmal merkt man, dass man vielleicht etwas übertrieben hat. Eine Balance zu finden, ist schwer.

Jedenfalls habt ihr es geschafft, mit dem Orangehouse im Mai einen der etwas lahmeren Clubs in einen wahren Kessel zu verwandeln.
Sean: Oh, danke schön! Ja, es gibt Orte, da ist man einfach nervös. Städte, die dafür bekannt sind, eher reserviert zu sein und mal hörst du, dass nur wenige Karten verkauft wurden. Aber dann hast du diese Shows wie Reading oder Leeds und die sind am Ende gar nicht mal so geil. Und dann kommst du in irgendein Loch und bist selbst völlig überrascht. Eine gute Atmosphäre kann man schlecht erzwingen.
Charlie: Es tut auch gut, wieder hier zu sein. Die Leute hatten Zeit, sich das Album anzuhören, und jetzt auf diesem zweiten Run ist die Resonanz noch so viel besser.

Natürlich, die Lyrics sitzen und die Leute haben ihre Lieblingssongs gefunden.
Charlie: Es hat sich extrem viel geändert. Vor einem Jahr haben wir in London gespielt, die Show jetzt war auf einmal ausverkauft. Das ist krass! Die Shows machen immer mehr Spaß, je lauter die Leute singen und mitgehen. London war definitiv ein Highlight für uns!

Das Jahr geht zu Ende. Irgendwelche guten Vorsätze?
Charlie: Oh das ist eine gute Frage, die hatten wir noch nicht. Schneller schreiben?! (lacht)
Sean: Den After-Tour-Blues überwinden, schätze ich. Zu lernen, wieder stillzustehen. Das wird hart …
Charlie: Oh ja! Vor allem produktiv zu sein, auf eine ganz andere Art und Weise. Oder einfach zu Hause zu sitzen und in die Glotze zu schauen. Das klingt leichter. als es ist! (lacht)
Sean: Man gewöhnt sich so sehr an diesen Wahnsinn. Jeden Tag eine andere Stadt. Aber diesmal werden wir definitiv länger als 24 Stunden in London sein, versprochen! (lacht)


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Fotos: André Habermann > Homepage