Im Gespräch: Sarah Lesch

Ihre Texte handeln vom Leben, der Liebe, von Gerechtigkeit und Auflehnung gegen Konsum und Systemhörigkeit. Auf unverwechselbare Weise fasst die Liedermacherin Sarah Lesch all die Gefühls- und Seins-Zustände eines Menschenlebens in wunderbar poetische Worte, bastelt bildhafte Kleinode der deutschen Sprache, schreibt Lieder, die verspielt und eingängig sind und jedes Jahr mehr Menschen in Konzertsäle und auf Festivals locken.

Angesichts der Tiefe ihrer Texte fällt es schwer zu glauben, dass die bezaubernde Leipzigerin grad mal 32 Lenze zählt und zudem gar keine klassische Musikausbildung hat. Ihre frische, unbefangene Art tut wohl, sie schreibt aus dem Herzen für die Welt, ruft dazu auf, einfach mal zu machen, nichts aufzuschieben, mutig zu sein – morgen ist vielleicht schon alles anders, morgen sind wir vielleicht auch gar nicht mehr hier … Mit curt plauderte Sarah während einer Tourpause über Wurzeln und Werdegang und darüber, warum die Welt besser ist, als sie auf den ersten Blick oft scheint.

Du wirst als Songpoetin, als lang ersehnter Liedermacher-Nachwuchs und Rebellin gefeiert, mit Preisen überhäuft und scheinst kreativ förmlich zu explodieren. Erzähl uns ein bisschen von dir! War Musikmachen schon immer dein Traum?
Ich bin kurz nach der Wende mit meiner Familie aus der Gegend um Leipzig nach Baden-Württemberg gezogen und bei der Familie meiner Mutter aufgewachsen, die allesamt völlig unmusikalisch sind. Mein Vater war in der DDR recht bekannt als Musiker, ich kannte ihn aus dem Fernsehen und hab ihm sehr nachgeeifert. Man hat mir allerdings immer wieder gesagt: „Das kannst du nicht.“ Dann hab ich erst eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und bin schon recht früh – mit 18 – Mama geworden. Ich hab viele verschiedene Jobs gemacht, hab am Theater gearbeitet, geputzt etc. Meine Freundinnen sind alle ins Ausland, haben studiert und allerhand fancy Sachen gemacht, und ich saß mit meiner Sehnsucht am Küchentisch und hab irgendwann angefangen, zu schreiben und YouTube-Videos zu machen. Meine Lieder wurden gemocht und gerne gehört, ob am Küchentisch, am Lagerfeuer oder später dann auf Bühnen. Ich hab das eine ganze Weile nebenher weitergemacht. Irgendwann ist meine Großmutter gestorben, die mir sehr nah stand, und ich hab mir gesagt: „Kacke, das Leben ist so kurz! Du musst jetzt machen, was du willst! Wenn du da jetzt kein Album draus machst, dann verreckst du an diesem Schmerz.“ Ich hatte keine Worte für diesen Schmerz, darum fand ich dafür Lieder. Das erste Album hab ich mit großem finanziellen Risiko aufgenommen. Aber es hat sich super verkauft, es kamen immer mehr Anfragen und irgendwann hab ich meinen Erzieher-Job dann aufgegeben. Ich hab’s einfach gewagt!

Woher kommt dieser Tiefgang, die kritische Auseinandersetzung und dieser poetische Umgang mit Sprache?
Ich dachte lange, ich hätte erst spät angefangen zu schreiben, hab dann aber bei meinem Umzug von Tübingen nach Leipzig meine alten Tagebücher aus Teenagerzeiten gefunden. Ich hab schon immer ganz viel von dem, was mich beschäftigt hat, in Büchern notiert! Ich war sehr inspiriert von Erich Fried, der so einfach und naiv schreibt, aber ganz schöne Gedanken hat. Ich dachte aber immer, ich kann nicht schreiben, bin nicht gut genug und so was. Im Endeffekt bin ich ja auch kein Musiker. Ich hab die Musik nur gemacht, weil ich so viel erzählen wollte. Poetry Slam kam erst später auf, also musste ich die Gitarre in die Hand nehmen. Dann biste halt so was wie ein Liedermacher. Wenn ich heute mit meinen Musikerkollegen unterwegs bin, sehe ich mich selbst gar nicht als Musiker. Was ich da spiele oder mache, weiß ich oft gar nicht. Das kann allerdings auch ein Vorteil sein – manche meiner studierten Musikerkollegen beneiden mich oft um mein Unwissen. Man geht dann manchmal Umwege, weißte? Zu glauben zu wissen, wie’s geht, macht nur Schranken. Irgendwie weiß man’s ja nie! Es geht immer auch anders!

Wer waren deine prägenden Vorbilder im musikalischen Bereich?
Ich bin mit vielen verschiedenen Musikrichtungen aufgewachsen, hab Punkmusik gemacht und gemocht, aber auch schon immer Gerhard Schöne. Das ist ein toller Liedermacher, der viele wahre Geschichten erzählt und eine ganz tolle Sprache gefunden hat. In der DDR durfte man ja nicht immer über alles so offen reden …. Später war Funny van Dannen sehr inspirierend für mich, und auch Dota Kehr. Dann waren da noch Bettina Wegner, Hildegard Knef … Ich könnte jetzt zehntausend tolle Frauen aufzählen! Wenn du als Mädchen Musikerin werden willst, ist es wichtig, weibliche Vorbilder zu haben!

Wie fühlt es sich denn an, als Autodidaktin mit Hans Söllner auf der Bühne zu stehen oder zu hören, wie Konstantin Wecker voll des Lobes von dir spricht? Wie bleibt man da am Boden?
Das ist total schräg! Man denkt von sich ja oft: „Wenn ich an dem und dem Punkt im Leben bin – ob das jetzt mit einer Zahl am Konto zu tun hat oder mit der auf der Waage –, dann bin ich bestimmt total euphorisiert und hab einen wochenlangen Dauerorgasmus.“ Dann sind diese Momente zwar total schön, aber die gehen genauso vorbei wie Frühstücksei und Mathearbeiten. Allerdings muss ich sagen, der Auftritt mit Hans Söllner auf dem Sommer-Tollwood 2017 war für mich schon was ganz Besonderes. Gerade Hans ist ja ein Riesen-Vorbild für mich gewesen. Und wenn du jemanden triffst, den du so feierst, und merkst, da ist auch was dahinter, das ist wirklich ein toller Mensch, der sich nicht entzaubert, und noch diese vielen Menschen und deren Stimmung auf diesem Festival … Das war einfach Hammer!


Sarah Lesch curt München

Ich hab deshalb immer einen kleinen Hans Söllner in der Jackentasche. Immer. So bleibt man am Boden: Man steckt sich den Hans Söllner in die Jackentasche. Und in Momenten, wo ich abhebe, pack ich den Taschen-Hans aus, der mich fragt: „Worum geht es hier eigentlich gerade?“ Ansonsten geh ich viel in die Natur, versuch ganz viel mit meinem Kind zusammen zu sein, weil mich das auf ganz schöne Weise an die Punkte bringt, die die wichtigen in meinem Leben sind, abseits vom Erfolg. Und natürlich freue ich mich über all die Unterstützung und Anerkennung für meine geistigen Ergüsse und all die Menschen, die zu meinen Konzerten kommen – das ist alles ein großer Segen und ich bin sehr dankbar dafür.

Wann küsst dich die Muse am ehesten?
Meine größte Inspirationsquelle ist wie schon bei Hesse, Kästner und Brecht: die Liebe. Die Muse küsst einen oft, wenn man sich frisch verliebt hat oder wenn man leidet. Es gibt Zeiten, in denen man sammelt, in denen die Amplitude nach oben und unten ausschlägt und man – ohne es zu merken – ganz viel Stoff sammelt. Wenn sich das dann beruhigt, dann kehrt so eine Friedlichkeit ein … Dann kommt die Muse und sagt: „Alles klar, jetzt können wir mal 12 Songs schreiben, jetzt ham wa genug gesammelt!“ Dann fließt es aus mir raus, weil ich Zeit hab. Damit es überhaupt blubbert, ist Langeweile sehr wichtig. Es muss einem ab und zu langweilig sein!

Zu welchem Lied oder Text hast du bisher das stärkste Feedback bekommen?
„Der Kapitän“ und „Testament“ sind auf jeden Fall Lieder, die krass eingeschlagen haben. „Der Kapitän“ war ja mein erstes Lied und das ist aus einer eher naiven Sicht geschrieben. (Das Lied handelt von Stefan Schmidt, bekannt durch die Rettung von 37 Personen aus Seenot im Jahr 2004, Anm. d. Red.). Mit der Kraft, die das entwickelt hat, hab ich nicht gerechnet. Auch „Testament“ ist wahnsinnig durch die Decke gegangen. Wir kriegen dafür bei den Live-Auftritten ellenlangen Applaus, die Leute kommen teilweise nur wegen diesem Lied auf meine Konzerte! Auf irgendeine Art wusste ich in meinem Herzen, dass das Leute berühren wird. Ich war ja selbst in diesem System gefangen: Ich war eine junge Mama mit wenig Kohle, hab mit Kindern, Jugendlichen, alten Menschen gearbeitet. Ich hab aus dieser Sicht ein Lied geschrieben, das natürlich Leute berührt, die auch so leben. Trotzdem bin ich überrascht davon, wie ernst dieses Lied genommen wurde und welche Wellen es geschlagen hat. Und ich freu mich über das alles. Das Einzige, was daran vielleicht ein wenig bitter ist: Viele Menschen idealisieren mich und wollen, dass ich genau das repräsentiere, was sie aufgrund dieses Textes von mir erwarten. Sich dabei zu behalten, zu denken: „Nee, ich bin immer noch Sarah und ich hab ein Lied vorgesungen. Das hat seine Wahrheit – natürlich auch für mich. Aber deshalb bin ich keine fehlerfreie Projektionsfläche!“ Ich bin immer noch ein menschliches Wesen, das atmet, Fehler macht und all das.

Aber du bist eben auch ein menschliches Wesen, das die Gabe hat, diese Art von Gefühlen in Worte zu fassen. Das verwechseln die Leute gern und wollen daraus vielleicht eine Art Ideologie machen, der sie nacheifern können.
Es ist nie mein Wille gewesen, jemanden zu erziehen. Ich war ja selber total hilflos! Ich war so wütend, als ich „Das Testament“ geschrieben hab, dass ich mein Kind in diese Scheiß-Schule stecken muss, obwohl ich weiß, das ist Blödsinn, was die da machen! Die erziehen Kinder dort kaputt, damit sie lernen, in diesem System zu funktionieren, diesem kapitalistischen Scheißdreck, in dem wir alle jeden Tag rumrennen. Was willste denn als Mutter machen? Es ist ja ein total krasser Weg, in Deutschland deine Kinder nicht zur Schule zu schicken! Oder sich selbst aus diesem Konsum-Wahn zu befreien! Man rennt der Kohle hinterher, es geht nur um Besitz – und am Ende macht mich das gar nicht glücklich! Ich war einfach SO wütend, weil ich nichts ändern konnte – und dann hab ich halt ein Lied geschrieben, das ist alles. Ich sage aber sicher nicht, dass ich besser weiß, wie was geht, als andere. Das weiß keiner von uns. Wir müssten gemeinsam überlegen, was wir wollen und gemeinsam Lösungen finden.

Wir leben in einer Zeit der gelebten Doppelmoral. Man hat das Gefühl, keinem Politiker mehr trauen zu können, fühlt sich hilflos Korruption und Ungerechtigkeit ausgesetzt, Ressourcen werden verschleudert, wir versinken im Konsum, die Menschen starren auf Bildschirme, viele scheinen stumpf und desinteressiert. Und jene, die was tun wollen, sind unsicher und denken, sie können nichts tun.
Man fühlt sich halt auch immer latent schlecht als Konsument! Man denkt, man bestimme den Markt, aber das ist ja gar nicht mehr so, glaub ich. Wir werden ständig beeinflusst! Allein schon, dass in viele Lebensmittel Zucker gemischt wird, beeinflusst unser Gehirn. Ich finde, dass auch mal von der Gesetzgebung her was passieren muss. Gewisse Menschen müssen Verantwortung übernehmen und sagen: „Es wird kein unfairer Handel mehr erlaubt. Punkt.“ Es ist dann eben nicht so, dass der Konsument selbst entscheidet und selbst schuld ist. Natürlich tragen wir alle Verantwortung, gar keine Frage. Aber manchmal hat man keine wirkliche Wahl. Es gibt viele, die es verzweifelt richtig machen wollen, sich bei Lidl die Bio-Eier kaufen und quasi vom Mund absparen, dann aber hören, dass das alles Verarsche ist – das ist irgendwann einfach nur noch enttäuschend …

Es gibt viel, das uns Angst und Sorgen macht oder machen sollte dieser Tage. Aber was gibt dir denn Hoffnung? Was lässt dich weitermachen?
Ich spüre große Sinnhaftigkeit in meinem ganz nahen Umfeld. Ich habe ein wirklich großartiges Team, einige bekommen bald Babys! Das gibt mir ein gutes Gefühl! Und es ist wunderbar, wie viel Liebe von den Menschen kommt, die auf meine Konzerte kommen und meine Lieder singen! Es ist natürlich ein anstrengender Job, ich bin auch oft eine Projektionsfläche für allerhand und krieg fiese Dinge entgegengeschleudert. Nach dem Motto: „Was laberst du so groß, hast ja auch keine Lösung!“ Da muss man echt stark sein, aber es gibt mir halt auch Kraft. Und wenn ich nur eine Frau bin, die andere Frauen inspiriert, starke Sachen zu machen, dann reicht das schon! Ich hatte tolle Vorbilder und vielleicht bin ich das ja auch für jemanden.

Sarah Lesch live

Du schreibst in „Letzte Runde“, dass du nicht daran glaubst, dass jemand etwas nicht kann, sondern nur daran, dass er es nicht tut. Was können deiner Meinung nach Otto und Anna Normalo tun, von dem sie vielleicht denken, dass sie es nicht können?
In „Letzte Runde“ bezieht sich das ja vor allem auf die Liebe. Beispiel: Verheirateter Mensch hat sich verliebt und sagt, er kann nicht weg, weil er ja schon verheiratet ist. Ich glaube, dass wir alle uns total unterschätzen. Wir haben so viel Kraft! Aber wir können so viel noch nicht, wissen nur einen Bruchteil davon, was beispielsweise Hormone in unserem Kopf auslösen oder was Essen in unseren Körpern macht. Das ist wie mit dem Ozean oder dem Universum: Wir kennen nur einen geringen Prozentsatz, haben nur die Oberfläche erforscht. Ich glaube, dass es viele Möglichkeiten gibt, die wir nicht sehen können, weil wir uns durch unsere Art zu leben behindern. Wir ordnen vieles zu schnell ein und haben dadurch vielleicht verlernt, die Dinge einfach mal sein lassen und nicht zu bewerten. Wenn wir uns trauen, das Staunen wieder zuzulassen, können wir einiges lernen und neue Wege ergründen. Wir können viel nützlicher sein! Wir müssen nicht die Zerstörer der Welt sein. Es gibt so viel, was wir noch nicht entdeckt haben!

Erst die Zeit des Sammelns und Lernens, dann die Zeit des Tuns also.
Da passiert auch grad echt viel! Ich krieg seit „Testament“ viele Zuschriften von Menschen, die sagen: „Jetzt haben wir endlich diese Schule gegründet“, oder sie berichten über andere Dinge, die sie endlich in Gang gebracht haben. Wir werden nie etwas komplett richtigmachen, wir werden immer Scheiße bauen. Aber wir sollten einfach den Fokus auf das Gute legen. Inspirieren und vormachen. Andere zu belehren, lässt nur Trotz entstehen. Ich leb doch nicht vegan, weil jemand mir das sagt! Das nützt nix.

Stichwort: Frühling. Worauf freust Du dich als Nächstes, was steht an bei Sarah Lesch?
Erstmal sind viele Konzerte geplant, mein Sohn kommt mal wieder mit auf Tour und ich find es immer toll, wenn die Familie mit auf Tour kommt! Meine Musiker bekommen Babys, was mich wahnsinnig freut, weil ich ja so was wie Tante werde! Mein Team wächst, es kommen neue Musiker dazu, unter anderem „Karl, die Große“ aus Leipzig. Es passieren grad tolle Dinge, das Team lernt dazu, unsere Show wird immer schöner! Alles wächst und gedeiht und wir arbeiten uns immer besser ein in dieses System des Musikerseins und Unterwegsseins. Und dann freu ich mich natürlich, wenn nun auch wieder öfter die Sonne rauskommt und ich in Leipzig zum See fahren kann. Leipzig ist eine ganz tolle Stadt und ich freu mich drauf, sie in diesem Jahr auch im Sommer zu entdecken!

Das klingt doch alles ganz fantastisch! Ich bedanke mich vielmals für das schöne Gespräch und freu mich darauf, dich am 7. April im Strom live zu sehen! Alles Liebe und viel Erfolg!


About Petra Kirzenberger

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Seit 2010 als Redakteurin und Lithografin bei curt. Schwerpunkte Kabarett und Theater, Fotokunst, Yoga, München – und alles was rot-weiß-rot ist.

1 Kommentare

  1. […] Das ausführliche Interview mit der Künstlerin gibt’s > hier […]

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