Im Gespräch: Rejjie Snow

Rejjie Snow ist ein 24-jähriger Junge aus Dublin, der wahrscheinlich mehr in der Welt rumgekommen ist als manch anderer. 2011 wäre er in Florida fast Profi-Fußballer geworden, 2012 schmiss er sein Film-Stadium in Savannah, Georgia hin, um sich auf das Musikmachen zu konzentrieren, und jettete in den letzten Jahren zwischen Brooklyn, London und Paris. Davor brachte er 2013 seine erfolgreiche Rejovich EP raus, woraufhin sogar eine Mini-Tour mit Madonna folgte. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte er nach vielen Singles und einem Mixtape sein Debüt-Album Dear Annie.

Anlässlich des Albums geht Rejjie Snow nun auf Tour – ist aber gerade noch mitten in der Promo-Phase, in der er zwischen Photoshoots und Radioauftritten Zeit für ein Interview mit curt hatte.

Als ich mir dein Album mit seinen unterschiedlichen Richtungen – und vor allem nicht nur Rap – anhörte, habe ich mich gefragt, ob du einen bestimmten Sound kreieren wolltest?
Für mich sind meine Einflüsse wichtig, also alles, was ich beim Aufwachsen gehört habe. Ich wollte nie nur Hip-Hop machen, weil ich in meiner Kindheit viel House, Pop gehört habe – mein Onkel machte Pop-Musik. Hip-Hop war für mich immer ein Tor gewesen, ein Ausweg und eigentlich will ich musikalisch mehr singen und mein eigenes Ding durchziehen. Ich glaube, das Album ist sehr genre-umgreifend, vielleicht.

Du sagst, dein Onkel hat Pop-Musik gemacht? Willst du zukünftig mehr in diese Richtung gehen?
Nicht wirklich, ich lass mich nur vom Pop inspirieren und mixe es intuitiv mit meinem Hip-Hop. Ich wollte nie nur Hip-Hop machen, ich wollte schon immer herumexperimentieren. Es geht mir bei der Musik mehr um die geschaffene Atmosphäre. Ich habe das Gefühl, dass ich besser im Musikmachen geworden bin, deswegen will ich jetzt alles ausprobieren.

Ich habe gelesen, dass dich für das Album Filme aus den 70ern inspirierten? Also quasi Filme anschauen und dazu texten?
Ja, das ist einer meiner Lieblingsbeschäftigungen. Durch meine Musik möchte ich viele Sachen erzählen, aber auf eine bunte Art und Weise. Ich wollte immer nur … ich will eigentlich nur ich selbst sein und ich denke, auf dem Album habe ich meine Identität erforscht, habe meinen eigenen Weg gefunden und das dauert eben seine Zeit. So viele Leute machen Musik, so viele Leute rappen, da weiß man nicht, wo man da reinpasst. Vor allem wenn man aus Dublin kommt, sprechen viele Dinge gegen einen. Deswegen musste ich mich fokussieren, einen Tunnelblick aufsetzen und bestimmte Leute abweisen. Das wurde mir in den letzten sechs Monaten oder so klar.

Ziehst du aus deiner Zeit in Dublin Inspiration? Für mich beispielsweise gab’s in München keine große Musikszene, die mich inspirierte.
Ich war nie in der Szene, weil ich schon immer Musik von meinem Schlafzimmer aus gemacht und ins Internet gestellt habe. Ich habe das Gefühl, da ich aus Dublin komme, habe ich viel zu erzählen, weil Iren sind … wir sind ziemlich witzig und bodenständig und ich glaube, man hört subtile Nuancen davon in meiner Musik. Generell, glaube ich, hat man immer was zu erzählen, egal wo man herkommt. Jeder, der sich durch seinen Wohnort beim Musikmachen entmutigen lässt – lass es nicht zu. Das ist keine reale Einschränkung, jeder hat was zu erzählen, wirklich jeder.

Widmest du deine Musik bestimmten Leuten?
Nein, ich mach für mich selbst Musik, nur für mich selbst.

Ich habe gelesen, dass du nicht gerne mit Leuten, die du nicht kennst, spontan Musik machst?
Ja, das stimmt, weil ich glaube, gute Musik kommt aus sich selbst heraus. Man muss mit den Menschen leben, mit ihnen essen.

Hast du das schon mal gemacht?
Ja, beim Album. Jeder, der auf dem Album drauf ist – wir sind alle Freunde, deswegen ging es schnell und einfach. Und ich denke, dabei entsteht bessere Musik, da ich mich wohl fühle und besser aus mir rauskomme.

Du featurest oft Leute auf deinen Songs, wieso?
Ich denke, dass man durch Kollaborationen am besten Musik macht.

Wieso?
Weil die Sachen, die ich nicht machen kann, jemand anders übernehmen kann. Ich kann keine Instrumente spielen. Die Melodien, die ich singe, sind schwer in Musik zu verwandeln. Manchmal muss ich mit Leuten arbeiten, um’s zum Leben zu bringen. Das ist für mich sehr langweilig und ich traue vielen Leuten nicht, also wenn ich mit jemandem Musik mache, muss ich der Person vertrauen. Das ist mein Leben. Viele Leute machen Musik, um Geld zu verdienen oder um cool zu sein, und ich glaube, deswegen kommen viele Kollabos zustande, weil es gerade passt. Aber wenn ich in meiner Musik mein Privatleben teile, muss ich mit Leuten arbeiten, die das respektieren. Generell habe ich das Gefühl, dass es nicht viel Respekt für Kunst und Künstler gibt.

Mir kommt’s vor, dass dieser Ansatz schwieriger wird, je berühmter und größer man als Künstler wird. Als Star ist man oft nur ein Teil eines großen Labels, was deine musikalische Richtung mitbestimmen will. Passiert dir das auch gerade ein wenig?
Ja, ja, ich habe das schon öfters durchgemacht und ich glaube, man muss wirklich seinen Scheiß beschützen, lass niemals jemanden … Wenn man Musik macht, kann man nicht auf andere Leute hören, weil es deine Musik ist. Wenn man einen Vertrag bei einer Plattenfirma unterschreibt, kommt es natürlich zu Frustrationen, aber so ist das nun mal. Ich bin froh, unabhängig zu sein, alles, was ich brauche, sind Ideen. Leute geben Millionen für Ideen aus und wenn man Ideen hat, ergibt sich alles weitere.

Mit welchem Künstler würdest gerne zusammen einen Song machen?
Andre 3000! [Anm.: ein Rapper des Duos Outkast] Und vielleicht noch paar deutsche Rapper.

Deutsche Rapper? Wieso?
Ich habe gestern deutsche Hip-Hop-Videos angeschaut. Da war jemand dabei, ich weiß nicht mehr, wie er heißt …

Wie sah er aus?
Er sah aus wie … – man konnte kein Gesicht erkennen, und ich glaube, er war der Producer, aber es war krass. Ich mag es, neue Musik zu entdecken, weil ich selbst nicht oft dazu komme. Aber ich find’s cool, wenn mir Leute was zeigen.

Wie würdest du dein Album in drei Worten beschreiben?
Bunt, düster und romantisch.

Auf dem Album sind 20 Songs drauf, ist das für dich die ideale Länge?
Ich wollte eigentlich um die 26 Songs drauf haben, aber Leute meinen, das wäre zu lang. Aber wie kann das zu lang sein? Man schaut sich ja auch stundenlang Filme an, ich check’s nicht. Aber mein nächstes Album wird, glaube ich, mein bestes Projekt sein. Ich habe einfach ein gutes Gefühl, weil die Idee so anders ist und ich den Eindruck habe, dass ich immer besser im Musikmachen werde, einfach aufregend. Ich habe nie gedacht, dass man besser wird oder sich weiterentwickelt, sondern dass man entweder gut oder schlecht ist. Aber anscheinend kann man noch so viel lernen, all die Jahre sind vorbeigezogen und ich habe diese kleinen Tricks gelernt, das ist cool.

Magst du es zu touren?
Ne, ich mag keine Tours, eigentlich würd ich lieber zu Hause bleiben. [lacht] Aber ich bin gerne auf der Bühne, ist ein verrücktes Gefühl.

Hast du bereits viel getourt oder betrittst du da Neuland?
Ne, ne, ich habe schon die letzten vier, fünf Jahre Konzerte gegeben, hin und wieder mal.

Was kann man bei einer Show von dir erwarten?
Eigentlich sind nur mein DJ und ich auf der Bühne, super einfach. Ich denke, die Show ist ziemlich gut, zwar sehr simpel, aber ziemlich gut. Ich denke, Shows funktionieren am besten, wenn sie einfach gemacht werden.

Weißt du schon, welche Songs du spielst?
Ich will das ganze Album spielen, vielleicht ohne die Interludes. Ich habe das Album noch nicht live performt, das wird also für mich eine neue Erfahrung.

Wie sieht ein perfekter Tag für dich aus?
Ein perfekter Tag? Ich und meine Lady, zusammen kiffen, Musik hören. Einfache Dinge. Und vielleicht etwas malen.

Du malst?
Ja. Ist therapeutisch.

Als du in den USA warst, hast du Film studiert. Möchtest du zukünftig wieder mehr in die Richtung was machen?
Ja, vielleicht jetzt bald mal wieder, vielleicht nach dem Album, mal schauen. Aber ich möchte auf jeden Fall Filmemacher werden und Filme drehen, das ist einer meiner Leidenschaften.

Du hast ja bereits Musikvideos gedreht.
Ja, ich habe zwar Musikvideos gedreht, aber das ist für mich was anderes. Viel weniger Details. Ich mag zwar meine eigenen Musikvideos machen, aber ich würde gerne auch Filme drehen, vielleicht auch schauspielern.

Was sind deine Pläne nach der Tour?
Ähm, ich weiß nicht. [lacht] Ich weiß es wirklich nicht. Es ist gerade so viel los und das ist gut so, beschäftigt zu sein. Mein Album ist draußen, also an alle anderen: Fuck off! [lacht] Ich ziehe mein eigenes Ding durch. Ich hab’s geschafft, alles passt.

Okay, letzte Frage: Welches Treffen mit einer Person ist dir in den letzten Jahren im Kopf geblieben?
Ich habe Pharrell getroffen, als ich 12 war. Er hat zu mir gesagt, dass ich ich selbst bleiben soll. „Sei du selbst“, sagte er zu mir und gab mir ein T-Shirt. Das war der beste Ratschlag, den mir jemals jemand gegeben hat.

Wie kam es dazu, dass du Pharrell getroffen hast?
Ich bin auf sein Konzert gegangen und er hat mich auf die Bühne geholt, einfach nur verrückt. Und dann, auf der gleichen Bühne, auf die er mich hochgeholt hatte, habe ich ein Monat später selbst gespielt. So ist das Leben nun mal.


Rejjie Snow // 2. April // Einlass: 19 Uhr / Beginn: 20 Uhr // Ampere // VVK 19 Euro zzgl.Gebühren / AK 23 Euro // Tickets Homepage > Facebook-Event