Im Gespräch: Rainald Grebe

Das Interview mit Rainald Grebe stand unter keinem allzu guten Stern – Woche um Woche wurde es vertagt und wäre beinah gestorben. Irgendwie hat es dann doch geklappt und wir durften ihn kurz vor der München-Premiere seines neuen Bühnenprogramms „Das Elfenbeinkonzert“ in der Münchner LMU treffen. Trotz anfänglichem Fremdeln mit unserem Heftthema hat sich ein schönes und ehrliches Gespräch ergeben: über Musik, Afrika, Schüttelreime, das Leben – und den Tod.

Die Fragen zum Thema Tod wollten Sie nicht schriftlich beantworten. Warum?
Ich fand es schwierig, Grundsatzfragen auf die Schnelle zu beantworten. Was ist der Tod für mich? Drei Sätze bitte! Das ist für mich sehr schwierig. Es ist ein sehr tiefes Thema.

Fangen wir vielleicht mit Ihrem Programm an: „Das Elfenbeinkonzert“. Worum geht es da?
Ein Aufhänger ist ein Workshop zum Thema „Volksmusik”, den ich Anfang des Jahres fürs Goethe-Institut gemacht habe – an der Elfenbeinküste. Das Konzert, das ich dort gespielt habe, haben wir „Elfenbeinkonzert“ genannt. Auf der anderen Seite natürlich die Tasten des Klaviers etc. Im Grunde kann man es assoziieren, wie man möchte, aber das ist so das Konkrete.

Mit welcher Art von Volksmusik wurde da experimentiert?
Ich hatte ja auch schon mal ein Programm hierzu: „Was ist Volksmusik, wie kann man’s definieren?“ Diesmal sind wir für zwei Wochen da runtergefahren – das war eher ein Schnellschuss – und haben mit sehr vielen Leuten gearbeitet. Wir haben so Rubriken eingeteilt: Liebeslied, Arbeitslied, Trinkerlied, Fußballlied, Schlaflied … und das dann gegenübergestellt. Was haben wir in Deutschland, was haben die an der Elfenbeinküste und wie klingt das? Das war der Ansatz. Die haben ihre Sachen gesungen, wir unsere und das ging so hin und her.

Gab es da Gemeinsamkeiten – trotz der sehr unterschiedlichen Kulturen?
Es gibt da unten keine Lieder über Jahreszeiten. Das haben die halt nicht. Sie haben sich zwar auch an „Schneeflöckchen“ versucht, aber ansonsten haben sie eher unsere deutschen Fußballlieder gesungen – da geht’s halt mehr ab. Deren Rhythmen sind viel interessanter – teilweise versteh ich die auch gar nicht, aber man konnte das sofort in jedem Lied hören. Die haben eine tolle Singkultur! Im Nu werden Refrains gebildet, Chöre, die damit improvisieren: Einer singt z.B. vor, die anderen haben dann gleich irgendwie einen Groove und singen dann irgendein Wort immer mit. Das war eine sehr interessante Begegnung!

Was ist der Tod für Sie? Glauben Sie beispielsweise, dass die Angst vor dem Tod auch eine bestimmte Angst vor dem Leben bedeutet?
Das ist es für mich sicherlich nicht, weil wann der Tod kommt und in welcher Form, das können wir leider – oder Gott sei Dank – nicht entscheiden. Man kann Sachen sicherlich forcieren und es drauf anlegen (lacht), aber sich von was fernzuhalten aus Angst, Schaden zu nehmen, das entzieht sich meinem Verständnis. Ich würde jetzt nicht unbedingt ohne Sauerstoffgerät auf den Mount Everest steigen – das kann ich auch gar nicht. Sagen wir so: Ich würde jetzt nicht mutwillig in den Tod laufen.

Was finden Sie zum Todlachen? Was unterhält Sie persönlich?
Das geht mehr so in Richtung Funny Bones. Es ist was ganz Schlichtes, über das ich oft lachen muss. Situationskomik. Oft ganz blöd. Unfreiwillige Komik.

Was langweilt Sie zu Tode?
So Interviews und diese Art von Fragen … Oder auch zum Beispiel die Frage: Was kann der Zuschauer von Ihrem Programm ERWARTEN? Das klingt so nach Kunden, nach „Was kann der sich da abholen?“.

Irgendeinen Tod muss man ja sterben, sagt der Volksmund – welchen würden Sie wählen, wenn Sie könnten?
Ich glaube, so der Klassiker: mit 92 Jahren an einen Baum gelehnt, auf eine Wiese blickend, einfach einschlafen.

Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch eine Woche zu leben hätten?
Ich hab ein Lied geschrieben: „Der letzte Tag“. Da ist schon viel beantwortet. Eine Menge Tatendrang. Am Ende merkt man dann, man kann nicht alles machen. Weltreise, Welt retten, das große Versäumnis … Aber ich glaub, ich würd’s nicht machen. Ich würde mich tatsächlich entspannt mit meiner Freundin auf die Wiese setzen. Eher das Schlichte wahrscheinlich. Ich habe auch den Eindruck, dass ich eh schon so viel mache und nicht noch mehr machen muss. Vielleicht einmal zur Ruhe kommen und die Tournee absagen, zu Hause bleiben.

In Ihren Programmen bringen Sie immer wieder Schüttelreime zu Gehör. Hätten Sie einen für uns – vielleicht sogar zum Thema Tod?
Die meisten Schüttelreime sind von einem Freund von mir, der ist Maurer von Beruf. Der hat schon an die 4.000 Schüttelreime und wir haben davon zwei Büchlein drucken lassen. Der ist da manisch und ich liebe Schüttelreime. (blättert) „Mandy hasst den Handymast“ oder auch „Malte macht am Morgen Sachen, die mir langsam Sorgen machen“.

Wenn der Sargdeckel sich dereinst schließt – was würden Sie gern gemacht oder bei Menschen bewirkt haben wollen?
Das ist wieder eine sehr umfassende Frage, aber spontan würde ich ganz allgemein sagen: dass man ein guter Mensch war. Dass man in der Kunst was losgemacht hat, von dem man in 50 Jahren noch sagt: Uh – das war aber gut! Etwas, das nicht gleich verfällt. Aber die Hoffnung habe ich eher nicht. Meine Sachen sind eher eine Zeiterscheinung, spontane Sachen, die rausmüssen. Ich zeichne eigentlich nicht viel auf. Es muss rausgehauen werden. Es ist der Moment und nicht für die Ewigkeit oder die Nachwelt. Aber die Hoffnung besteht, dass man nicht mit seinem Werk beerdigt wird. Dass es auch danach noch Leute gibt, die das noch hören oder weitergeben.

Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie in Ihrer Kunst eine eigene Erwartung übertroffen oder erreicht haben?
Tatsächlich lebe ich das, was ich mir mit 18 erträumt habe. Da habe ich so Leute im Fernsehen gesehen, die eine ganze Halle zum Lachen brachten, in den 80ern Herman van Veen, Reinhard Mey, Kabarett … Das hat mich sehr interessiert und ich wollte wissen, wie das geht! Und das habe ich ja jetzt. Insofern lebe ich meinen Traum. Aber was ist das dann? Such ich mir jetzt neue Ziele, weil das habe ich ja jetzt. Aber ich find’s erstmal schon geil, dass ich das noch für ’ne Weile machen kann, solange ich gesund bin und so. Ich habe es mir vor langer Zeit so vorgestellt und es klappt ganz gut.

Tatsächlich wird es auch immer mehr! Ich werde älter, die Kräfte schwinden, aber der Kopf wird immer voller. Das ergibt sich so. Der Franz (Franz Schumacher, Techniker und Nebendarsteller im Programm, Anm. d. Red.) hat immer mehr Themen, immer mehr Einspieler. Das kommt wohl aus der Zeit. So als würde weniger nicht mehr genügen.

Brauchen die Leute schneller mehr Lacher?
Nein, ich glaub, das ist meine eigene Überforderung. Das liegt aber vielleicht auch an unserem ständigen Tun. Wir befinden uns ständig in einem kreativen Prozess. Vielleicht ist es so, dass wir selbst mehr Kicks und Klicks brauchen.

Gab es mit 18 Jahren schon Tendenzen zur Bühne?
Ich wollte mit 18 auf keine Schule mehr gehen, ich habe damals schon meine erste Gruppe gehabt und dachte: „Was für ein schönes Leben!“ So rumfahren, mit seinen eigenen Sachen durch die Welt gondeln. Wir haben selbst Programme geschrieben, immer schon mit Musik. Wir waren zu viert und es ging gut los. Manche kacken dann mit 25 ab und haben keinen Bock mehr. Ich hatte mit 22 keinen Bock mehr. Das war der frühe Ruhm. Da ging dann Comedy los und mir ging das alles zu schnell. Ich war ein wenig misstrauisch, fand’s dann auch irgendwie blöd … Also hab ich mich da verabschiedet und Theater studiert. Während des Theaterstudiums habe ich kaum was gemacht. 10 Jahre lang. Und jetzt mache ich beides: Theater und Musiktheater.


Und dass er das gut macht, hat das anschließende Programm gezeigt: 2,5 Stunden lang gab Rainald Grebe alles auf der Bühne – trotz kurzer Nacht und Erkältung. Das Thema Tod kam darin auch vor: So bedauert er unter anderem das Sterben der Reimform in der deutschen Rap-Musik und vergleicht aktuelle Songs mit Wilhelm Busch oder Oldschool-HipHop aus der Bronx. Somit haben wir für das nächste Interview vielleicht schon einen Einstieg!

curt bedankt sich für das Gespräch und wünscht Rainald Grebe weiterhin viel Erfolg beim Leben seines Traums.


About Petra Kirzenberger

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Seit 2010 als Redakteurin und Lithografin bei curt. Schwerpunkte Kabarett und Theater, Fotokunst, Yoga, München – und alles was rot-weiß-rot ist.