Im Gespräch: Erik Cohen
Live: 16. März im Backstage

Lieder von Blut, Rausch und Liebe. Der „Fährwolf“ ruft und mit ihm zur Seite hat Erik Cohen neun weitere hochgradig treibende Songs an Deck versammelt. Mit „III“ veröffentlicht der sympathische Kieler, den die meisten wohl als Jack Letten und Frontsau der legendären „Smoke Blow“ kennen, sein bis dato direktestes Album. Während der Fokus diesmal ganz klar auf der Gitarre liegt, feiert das Original aus dem Norden nicht nur ein Fest zu Ehren seiner musikalischen Helden, sondern präsentiert sich selbstbewusst wie nie.

Doch von Kiel bis München ist es ein weiter Weg und bevor der Dirigent höchstpersönlich am 16. März im Backstage zum Dreizack greift und den Takt angibt, haben wir ein wenig über den Norden, gute Popmusik und den wohl verdienten Dreck unter den Nägeln geplaudert.

Nun ist es endlich so weit und dein nunmehr drittes Album als Erik Cohen trifft auf unser Trommelfell. Wie schon seine beiden Vorgänge sprüht das Album vor hanseatischen Querverweisen. Schreibst du deine Alben vorrangig für Fans, die die Küstenluft schnuppern?

Puh … ich weiß gar nicht, für wen meine Alben sind. Ich denke für Leute, die Bock auf diesen Entwurf haben und die Sache verstehen. Für die, die die Sache genießen können. Für die, die mit der Musik die Möglichkeit haben, vom Alltag abschalten zu können. Das ist mein Ziel! Was ich sonst damit erreichen will, kann ich gar nicht sagen und auch nicht generalsstabsmäßig planen. Ich denke, dass es nicht nur Leuten aus dem Norden gefällt, sondern auch denen aus Süddeutschland. Oder aus dem Pott. Die auch Bock haben, sich mit reinzudrehen und reinzuspinnen. Aber es ist ja nicht nur die ganze nordische Geschichte. Es werden auch andere zeitgenössische Storys erzählt. Es gibt auch diese mexikanische Bandenabfahrt und immer wieder kleine Filme, die da ablaufen.

Deutschrock bzw. deutschsprachige Musik steht zum Teil sehr in der Kritik und die Medien zerreißen die Genres ganz gern, obwohl dem gute Verkaufszahlen entgegenstehen. Ich kann mir vorstellen, dass es am Ende eine ziemliche Gradwanderung ist, in den Augen des Feuilletons nicht zu patriotisch zu sein und andererseits nicht zu weich gespült wie unsere „Pop-Poeten“. Warum ist Erik Cohen nicht peinlich?

Da habe ich wohl einen guten Weg gefunden und  bin mittlerweile sehr glücklich, da es sehr ungezwungen ist und ich wie ein Maler arbeite. Ich fange einfach an, Zeilen zu entwickeln, die einen guten Flow und eine Bildsprache haben. Darauf baue ich meine Texte Stück für Stück auf. Du bist quasi in einem großen Raum und überall sind große Leinwände. Es sind zehn Songs auf dem Album und zehn Leinwände stehen an der Wand. Jeden Tag machst du ein bisschen was. Und wenn du mal an einem Bild hängst, fängst du mit dem nächsten an. So arbeite ich mich langsam vor und finde langsam einen Sinn oder eine Interpretation. Erstmal kommen die Lautsprache, der Klang und die Bildgewalt. Und dann kommt die persönliche Ebene, das Biografische. Das sind persönliche Geschichten, aber ich denke auch, dass viele Leute ähnliche Gefühle haben. Am Ende bin ich ein relativ durchschnittlicher Typ …

Genau diese Direktheit ist wohl der Kompass, der dazu führt, dass du etwaige Peinlichkeiten gut umschiffst.

Es muss ja auch erstmal gut klingen und das wird unterschätzt. Die Leute fangen an, der Sache von Anfang an eine Sinnhaftigkeit zu geben, doch das muss man nicht immer haben. Es kann auch mal ein bisschen um die Ecke gedacht oder kryptisch sein. Aber es kann in der nächsten Zeile auch wieder ganz direkt, ehrlich oder stinknormal sein. Ich bin jetzt auch nicht der abgedrehte, fertige Typ … Ich bin ein Typ, der neben dir im Fußballstadion stehen kann, nehme aktiv am Leben teil und bin nicht nur Musiker und Künstler, sondern auch fünffacher Familienvater. Der auch 40 Stunden die Woche arbeiten geht, um seine Miete zu bezahlen und seine Familie zu ernähren. Für mich ist das Freizeit und Vergnügen, aber auch ein großes Glück, das ausüben zu dürfen. Ein Privileg.

Wenn dann auch noch Leute zur Show kommen, ist man eigentlich am Ziel, oder?

Genau! Das ist auch alles ohne Hintergedanken oder eine Szene … Ich bin komplett unabhängig und auch keiner Schublade zugehörig. Du kannst mich nicht dem Punk oder Hardcore zuordnen und dem Metal auch nicht. Dem typischen Deutschrock eigentlich auch nicht. Was ist es denn? Ich denke, es ist eine ganz eigene Sprache und ein ganz eigener deutschsprachiger Entwurf. Dass es in diesen Zeiten, DIY und total eigenständig, möglich ist, Platten zu produzieren und Konzerte zu spielen, das ist doch großartig. Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, oder? (lacht)

 

 

Erik Cohen ist ein Alias, unter dem du nun das dritte Album veröffentlichst. Bist du auf dieses Projekt bezogen selbstbewusster geworden? Welche Lektionen hast du gelernt, die bei „III“ miteingeflossen sind?

Selbstbewusster auf jeden Fall, das hast du schon ganz gut festgestellt. Was die Sache angeht, bin ich schon sehr selbstbewusst und scheiße auf sämtliche Konvektionen und Meinungen. Dafür bin ich schon viel zu sehr durchs Feuer gegangen. Was haben mir die Leute alles an den Kopf geworfen … Die haben sich regelrecht von mir angegriffen gefühlt, weil sie es nicht einordnen konnten. Ich bin ein DIY-Typ und mache einen eigenen deutschsprachigen Entwurf. Aber die Leute versuchen, mir zu unterstellen, ich würde versuchen, auf irgendeinen Zug aufzuspringen. Den dicken Kommerzheini würde ich raushängen lassen, aber lächerlicher geht es doch gar nicht. Wenn man nur ansatzweise was checkt, muss einem doch auffallen, dass das Blödsinn ist. Aber das ist Angst und es verwirrt die Leute, wenn man den Mut hat, irgendwas anders zu machen und sich selbst auszuleben.


Du hast dich schließlich auch nicht selbst verraten oder um 180 Grad gedreht …

Genau, und das ist ja auch das Schöne. Wenn die Leute jetzt die „III“ hören, werden mit Sicherheit einige darauf kommen, dass die Anfeindungen Blödsinn waren. Das ist eine Platte, die 100 % das widerspiegelt, was ich bin und auch sein will. Das ist eine grundehrliche Rock ’n’ Roll-Platte mit Dreck unter den Fingernägeln, aber auch einer gewissen Pophaftigkeit. Ich bin absolut im Reinen mit mir.

Pop ist ja auch nicht gleich kommerziell, sondern beschreibt in erster Linie eine gewisse Eingängigkeit.

Es gibt ja auch kommerzielle Lieder, die total großartig sind. Denk doch mal an irgendeinen ABBA-Song. KISS dürfen das auch. Oder AC/DC … Kommerzieller geht es doch gar nicht! Aber trotzdem sind die Sachen total cool. Die meisten kommerziellen Songs sind beschissen, weil sie einfach schablonenartig sind und oftmals wenig mit Kreativität zu tun haben. Eben weil es oft nur Geschäft ist. Da wird reflektiert, was funktioniert und einfach verkauft. Das ist nicht cool, aber du kannst es trotzdem cool machen.

Ich finde es auf jeden Fall sehr schön, auch mal zu hören, dass jemand da ist, wo er sein will.

Mit den Platten davor habe ich schon eine ganze Menge dazugelernt. Was mich aber total positiv überrascht hat, war, dass wirklich alles funktioniert hat. (lacht) Wir haben elf Songs geschrieben und es sind jetzt zehn auf dem Album gelandet, weil wir das Letzte gar nicht weitergeführt haben. Weil wir dachten, die ersten zehn sind eh stark genug. Wir haben gar nicht mehr gemacht und es hat einfach funktioniert. Alles, was ich mir ausgedacht habe, hat funktioniert.

Schweinerei! So was gibt’s noch?!

Wenn ich an das erste Album denke, da hat fast gar nichts funktioniert. Das war ein richtiges Geacker, um auch nur mal einen Song fertig zu kriegen. (lacht)

Trotz des ewig nervigen Nord-Süd-Gefälles spielt ihr wirklich oft in München. Das Backstage scheint euer zweites Wohnzimmer zu sein und ihr kamt tatsächlich auch schon für ein einziges Konzert von Kiel runtergefahren. Was ist das mit Erik Cohen und München?

Ich hab wirklich keine Ahnung. Ich glaube, das ist eine gegenseitige Sympathie. Auch wenn ich mit Süddeutschland und München relativ wenig zu tun habe, war es auch schon zu „Smoke Blow“-Zeiten so, dass immer Leute da waren, zu denen man ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Total nette Fans und ein reger Austausch. Dann waren da immer diese bayerische, urige Mentalität, der Dialekt und das ganze Drumherum. Ich schlendere gerne durch München, ich fahre gerne durch Bayern und mag die Architektur, die Landschaft und die Menschen. Das ist einfach eine Sympathie und ich glaube, die Leute spüren das auch, dass ich mich wohlfühle. Obwohl das ein höllischer Ritt ist von Kiel nach München, aber ich bin immer wieder gerne da. Das ist beides einfach so weit voneinander entfernt, das Ostsee-Feeling und dann das bayerische Feeling … Das hat fast schon was Exotisches. (lacht)

Ganz und gar nicht exotisch, sondern unmissverständlich geht es auch auf Erik Cohens drittem Wurf zu. Die „III“ erscheint am 26. Januar und kann es kaum erwarten am 16. März schließlich mit allen Ehren im Backstage Club in den Ring geworfen zu werden. Gute Songs, keine Füller, ohne Schnickschnack. Und wir wissen: „Blauer Junge, alles wird gut!“


Live: Erik Cohen > Homepage // 16. März// Backstage Club // Beginn 21 Uhr // VVK 17 EUR zzgl. Gebühren

Auf Platte: Erik Cohen – III // Rough Trade Records // VÖ: 26.01.2018


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