Im Kino: Zama

Schön ist der Ort schon, an dem Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) stationiert ist. Ein kleiner schöner idyllischer Ort an der Ostküste Südamerikas. Aber eben auch ziemlich langweilig. Viel lieber würde der Offizier der Spanischen Krone ja in die Großstadt, nach Buenos Aires. Das sollte ja eigentlich nicht so schwierig sein, der Brief vom König mit der ersehnten Versetzung ist bestimmt schon unterwegs. Es dauert ja auch, bis die Post aus Europa ankommt. Also zeigt sich de Zama geduldig, wartet, wartet Tage, wartet Monate, wartet Jahre. Doch von dem Brief fehlt jede Spur, während um ihn herum alle anderen ihre Versetzung bekommen.

„Zama“ handelt von einem Mann, der nicht handelt. Der viele Jahre lang darauf wartet, dass sich in seinem Leben etwas zum Besseren verändert. Während sich um ihn herum alles verändert, bleibt er gleich, stoisch folgt er seinem Traum, der sich irgendwie nie erfüllen mag. Das hört sich langweilig an, wird es für viele vermutlich auch sein. Knapp zwei Stunden dauert der Film, fühlt sich zuweilen aber noch nach mehr an – nicht zuletzt weil sich das Geschehen über viele Jahre hinwegzieht. Und doch, er ist weit davon entfernt, nichtssagend zu sein. Er ist auch durchaus spannend. Man muss nur ein bisschen genauer hinschauen, genauer hinhören, die Bilder aus der fremden Welt auf sich einwirken lassen. Die Argentinierin Lucrecia Martel hat jede Menge in ihr Werk gepackt, versteckt das jedoch in Details, in Nebensätzen und Nebenschauplätzen, die man leicht übersehen kann.

Zama selbst ist jemand, der leicht übersehen wird. Das gilt nicht nur für seine Versetzung, die irgendwie nie stattfindet. Sein ganzes Leben ist dadurch bestimmt, dass ihn irgendwie nie jemand beachtet. Eine der ersten Szenen zeigt den Offizier, wie er aufs Meer hinausschaut, sich in Pose wirft, besonders wichtig wirken will. Nur ist keiner da, der ihn sieht, wie er irgendwann feststellt. Und selbst wenn jemand anwesend ist, seine Präsenz scheint für niemanden wichtig zu sein. Er selbst ist es auch nicht. Da laufen Tiere durch das Bild, Menschen tauchen auf, ohne dass einer von ihm Notiz nehmen würde. Das Leben geht weiter. Nur Zama steht noch da.

Ein großer Reiz von „Zama“ besteht in der audiovisuellen Umsetzung. Betörend sind die Aufnahmen aus dem südamerikanischen Dschungelt. Aber auch unwirklich: Die verspielte Musik passt so gar nicht zu der Ernsthaftigkeit der Figuren, Geräusche sind seltsam losgelöst von dem, was wir sehen. Und je länger der Film andauert, je länger wir warten, umso surrealer wird er auch. Grenzen verschwimmen, zwischen Orten und Zeiten, es wird zunehmend schwieriger, die Realität und Zamas Wahrnehmung voneinander zu trennen. Die Geschichte um einen Mann im ewigen Wartezustand wird zu einem Fiebertraum. So lächerlich der Protagonist anfangs auch dargestellt wird, inklusive diverser Seitenhiebe auf den Kolonialismus in Südamerika: Er ist auch eine tragische Gestalt. Einer, für den es einfach keinen Platz gibt, nicht in dem kleinen Küstenort, nicht in der großen Welt da draußen.

Fazit: Und wenn er nicht gestorben ist, so wartet er noch heute: „Zama“ erzählt die Geschichte eines Offiziers im Dienst der spanischen Kröne, der jahrelang vergeblich auf eine Versetzung wartet. Das erfordert viel Geduld, passieren tut hier nicht viel. Wer die aufbringt und etwas genauer hinschaut und hinhört, wird aber mit betörenden Aufnahmen und vielen Details belohnt, die von komisch bis surreal reichen.

Wertung: 8 von 10

Regie: Lucrecia Martel; Darsteller: Daniel Giménez Cacho; Kinostart: 12. Juli 2018