Im Kino: Willkommen bei Habib

„Man könnte denken, dass sich das Öl im Wasser löst. Stimmt aber nicht. Die hydrophoben Öle bilden mit dem Wasser nur eine Emulsion. Die sogenannte Verschmelzung ist nichts als eine Illusion.“

Mit diesem kleinen Ausflug in die Gesetzmäßigkeit der Naturwissenschaft wollte Ingo (Klaus Manchen) eigentlich nur Bruno (Thorsten Merten) beeindrucken, sein zufälliger Tischnachbar in einer Dönerbude. Doch noch besser beschreibt es den familiären Zustand von Habib (Vedat Erincin), dem Besitzer des Ladens. Vor vielen Jahren ist der gebürtige Türke nach Deutschland gezogen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Vergangenheit? An die möchte er nicht denken, weswegen er auch wenig begeistert ist, als er bei einer Hochzeit seine Jugendliebe wiedersehen soll, die er damals bei seiner Emigration verlassen hatte.

Willkommen bei Habib Kino Rezension curt München

Sein Sohn Neco (Burak Yiğit) ist da das genaue Gegenteil. In Deutschland geboren, sieht er sich als reiner Türke und sehnt sich nach seiner Heimat – obwohl er nie dort war. Eine ganz andere Form von Vergangenheitsbewältigung hat Ingo im Kopf, als er aus einem Krankenhaus flieht, um sich mit seiner Tochter auszusprechen, die er vor 40 Jahren verlassen hat. Für Bruno wiederum sind das reine Luxusprobleme, denn er steht auf der Straße, wortwörtlich, seitdem der Unternehmenschef wegen angeblicher Veruntreuung fristlos gefeuert wurde.

Wer Vedat Erincin als Familienoberhaupt zwischen zwei Welten sieht, könnte ein Déjà-vu-Erlebnis haben. Schließlich durfte der gebürtige Deutsche im Überraschungshit „Almanya – Willkommen in Deutschland“ eine ganz ähnliche Rolle übernehmen. Im Gegensatz zu der Integrationskomödie werden hier jedoch stärker dramatische Töne eingeschlagen. Vor allem anfangs fliegen zwischen Habib und seinem Sohn die Fetzen. Wenn der Nachwuchs dem Familienvater vorwirft, seine eigene Identität verraten zu haben, der jedoch erwidert, Neco sei nie Türke gewesen, dann prallen hier zwei Welten und Anschauungen aufeinander, unversöhnlich, so wie Öl und Wasser eben.

Doch Regisseur und Ko-Autor Michael Baumann belässt es nicht bei diesem zentralen Konflikt. Habib darf sich mit vergangenen Gefühlen auseinandersetzen, der verheiratete Neco bandelt mit einer Studentin an. Hinzu kommen die beiden anderen Geschichten um Bruno und Ingo. Statt eines konzentrierten Generationen- und Identitätskonfliktes wird „Willkommen bei Habib“ so zu einem Episodenfilm, dessen einzelne Fäden nur lose miteinander verbunden sind. Immer mal wieder einen aufzugreifen und gleich wieder fallenzulassen bedeutet natürlich auch immer die Gefahr, sich zu verheddern, den Zuschauer zu verwirren oder – schlimmer noch – einfach zu langweilen. Baumann macht das jedoch ganz geschickt. Sicher braucht es eine Weile, bis man die Zusammenhänge verstanden hat, eine Reihe von starken Szenen sorgt aber in der Zwischenzeit dafür, dass man am Ball bleibt.

Nicht ganz so gelungen ist jedoch der Inhalt an sich. Während Ingos Handlungsstrang rührend ist und thematisch zumindest gut zu der Problematik von Habibs Familie passt, will sich Brunos absurder Kampf um seine Ehre einfach nicht einfügen. Lustig ist der, keine Frage. Wenn er als trotziger Berserker demonstrativ sein Nachtlager auf einer Verkehrsinsel errichtet, gehören ihm eindeutig die Lacher des Films. Nur sind diese Einlagen deutlich jenseits der Karikaturengrenze angesiedelt, was sich stark mit den leisen, einfühlsamen Momenten beißt. Und auch bei Neco wäre weniger mehr gewesen, seine Sehnsucht nach der eigenen Herkunft wird durch seine Affäre und seine Probleme mit gewaltbereiten, türkischen Kredithaien unnötig verwässert – vom Griff in die Klischeekiste mal ganz abgesehen.

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Komisch und traurig, leise, dann wieder grell überzeichnet: Das Bild der nicht-homogenen Öl-Wasser-Emulsion trifft nicht nur auf die türkische Einwandererfamilie zu, sondern auch auf den dazugehörigen Film. Doch auch wenn bei „Willkommen bei Habib“ insgesamt noch mehr drin gewesen wäre, ist der Episodenfilm doch über weite Strecken sympathisch, spricht einige interessante Themen an und sorgt bei aller Dramatik – auch dank der schwungvollen türkischen Musik – immer wieder für gute Laune.

Fazit: Ganz zusammenfügen wollen sich die vier mal ernsten, dann wieder überzeichnet-lustigen Episoden nicht. Und das eine oder andere Klischee hätte es auch nicht unbedingt gebraucht. Dafür bietet die sympathische Tragikomödie immer mal wieder schöne Momente und einige interessante Themen.

Wertung: 6 von 10

TEXT: Oliver Armknecht