Im Kino: Wara no tate – Die Gejagten

Mögen muss man Kiyomaru Kunihide (Tatsuya Fujiwara) sicher nicht. Man darf ihn sogar hassen, hat er doch mehrfach Mädchen missbraucht und getötet. Doch darf man ihn deshalb töten?

Für Ninagawa Takaoki (Tsutomu Yamazaki) stellt sich diese Frage nicht wirklich, schließlich war es seine Enkelin, die man ermordet aufgefunden hat. Für den mächtigen und schwerkranken Medienmogul gibt es daher nur eine gerechte Antwort: Auge um Auge, ein Tod für einen anderen. Da ihm die Justiz diesen Wunsch nicht erfüllen mag, muss es eben die Bevölkerung richten. Und so schaltet er in allen großen Zeitungen Anzeigen, die zur Ermordung des untergetauchten Kiyomaru auffordern. Wer das schafft, soll eine hohe Belohnung erhalten.

Wara no tate Kino Rezension curt München

Um diesem vorzeitigen Ende aus dem Weg zu gehen, ergibt sich der gesuchte Verbrecher und soll nun unter großem Polizeiaufgebot nach Tokio geschafft werden. Kazuki Mekari (Takao Osawa) und Atsuko Shiraiwa (Nanako Matsushima) aus der Hauptstadt, sowie Masaki Kamihashi (Kento Nagayama), Takeshi Okumura (Gorô Kishitani) und deren Boss Kenji Sekiya (Masato Ibu) von der lokalen Polizei haben die Aufgabe, für die Sicherheit des Mörders zu sorgen. Und die ist nicht nur undankbar – wer möchte schon einen Kinderschänder beschützen? – sondern auch schwierig. Denn der Aufruf zur entlohnten Selbstjustiz läuft unbeirrt weiter, immer wieder stellen sich einfache Leute, aber auch Kollegen der kleinen Gruppe in den Weg und würden für das Geld über Leichen gehen.

Ein Film von Takashi Miike auf der großen Leinwand? Darauf hat man hierzulande lange warten müssen. Das ist umso erstaunlicher, weil „Wara no tate – Die Gejagten“ auch noch bei Warner Bros entstand und entsprechend viel Geld dahinter steckt. Wer befürchtet, das japanische Enfant terrible hätte angesichts der hohen Erwartungen den sicheren Weg gewählt, wird hier zum Glück sehr schnell eines Besseren bewährt. Sicher, im Vergleich zu seinem letzten Thriller „Lesson of the Evil“ ist der neue vergleichsweise zahm, ähnliche Gewaltorgien fehlen hier völlig.

Doch dafür setzt Miike hier inhaltlich zum Tiefschlag an. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers und Mangazeichners Kazuhiro Kiuchi („Be-Bop-Highschool“), erzählt der Regisseur eine fordernde, oft sehr unbequeme Geschichte über die Natur von Gerechtigkeit und Recht im Allgemeinen. Das Grundgerüst erinnert dabei an den Theaterklassiker „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt, wo ebenfalls ein altes Unrecht durch einen hoch bezahlten Mordaufruf an die Bevölkerung gesühnt werden soll. Damit einher gehen dieselben grundsätzlichen Fragen: Wie viel ist ein Menschenleben wert? Rechtfertigt ein Mord den anderen? Aber auch: Was braucht es, bis ich die Hemmung verliere, einen anderen zu töten?

Und gerade bei letztem Punkt macht es einem der Film alles andere als leicht. Anfangs wähnt sich der Zuschauer noch in Sicherheit, klopft sich selbstzufrieden auf die Schulter in der festen Überzeugung, dass man nie für Geld seine Prinzipien und den Rechtsstaat verraten würde. Doch diese Gewissheit wird unentwegt torpediert, und das auch noch von der fraglichen Person selbst: Kiyomaru Kunihide genießt den Rummel um seine Person, die Gewissensbisse der anderen und seine Aufpasser gegeneinander auszuspielen. Und spätestens, als klar wird, dass er seine Verbrechen fortsetzen würde, wenn man ihn nur ließe, wird die Abscheu so groß, dass auch die eigene Überzeugung steigt, ein Mord an ihm wäre gerechtfertigt – sei es als Täter oder zumindest indirekt.

Wara no tate Kino Rezension curt München

Die große Stärke von „Wara no tate – Die Gejagten“ ist daher auch die Konfrontation mit den eigenen Überzeugungen und Moralvorstellungen. Dafür nimmt Miike auch in Kauf, später deutlich das Tempo herauszunehmen. Die ersten zwei Drittel schwingen die existenziellen Fragen eher beiläufig mit, denn über diesen Zeitraum ist der japanische Film ein richtig spannender Thriller. Wie der Titel schon andeutet – „ware no tate“ bedeutet „Schilder aus Stroh“ – muss die fünfköpfige Gruppe einen praktisch aussichtslosen Kampf gegen eine übermächtige Angreiferschar führen, und das ohne sie zu verletzten, schließlich handelt es sich dabei meist um bislang unbescholtene Zivilisten. Pikant wird es, als die Verfolger immer wissen, wohin die Eskorte gerade unterwegs ist und damit auf einmal der Verdacht im Raum steht, einer von ihnen könnte der Maulwurf sein. Zu der Ungewissheit und dem moralischen Dilemma gesellt sich ab dem Zeitpunkt eine gehörige Portion Paranoia.

Leider verpasst es Miike jedoch, rechtzeitig auf die Zielgerade einzubiegen. So spannend und interessant „Wara no tate – Die Gejagten“ auch ist, für zwei Stunden hat das Material dann doch nicht gereicht. Der Thrillerteil wird später deutlich zurückgeschraubt, neue inhaltliche Aspekte kommen auch nicht mehr dazu. Hier fängt der stark dialoglastige Film an, nur noch um sich selbst zu kreisen und Bekanntes zu wiederholen. Ebenfalls schade ist, dass Kiyomaru Kunihide nie wirklich zu einem Charakter ausgebaut wird. Während wir sehr viel über die Polizisten erfahren, ihre Vorgeschichten, Stärken und Schwächen, darf der Gefangene nie mehr sein als das sadistische Monster. Nun muss man nicht jeden Verbrecher unnötig psychologisieren und auf Teufel komm raus begreifbar machen. Ein bisschen mehr als hier darf aber schon geschehen, denn so hat der japanische Streifen immer etwas Unwirkliches an sich, ist mehr Experiment und philosophischer Diskurs denn glaubwürdiges Geschehen.

Fazit: Was ist die gerechte Strafe für einen Mörder? Wann bin ich bereit, selbst zum Täter zu werden? „Wara no tate – Die Gejagten“ nimmt diese äußerst bequemen Grundsatzfragen und hüllt sie in einen spannenden Thriller. Zum Ende geht dem Film jedoch etwas die Luft aus und richtig glaubwürdig ist das Geschehen auch nicht.

Wertung: 7 von 10

TEXT: Oliver Armknecht