Im Kino: Unter Menschen

Wer als Kind mit den Filmen von Heinz Sielmann aufgewachsen ist, kennt die Faszination: Exotische Tiere aus fernen Ländern in ihrer eigenen natürlichen Umgebung zu beobachten, war immer so, als würde man in eine fremdartige, unbekannte Welt reisen. Diese Zeit ist natürlich vorbei. Nicht nur weil es in der globalisierten Welt das Konzept eines fernen Landes kaum mehr gibt. Auch ehemals fremde Tiere sind längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Ein Objekt, das uns Menschen einfach gehört.

Dass diese Selbstverständlichkeit erschreckende Ausmaße annehmen kann, daran erinnert uns die Dokumentation „Unter Menschen“. Gleich die ersten Einstellungen wirken fast schon wie aus einem Horrorfilm. Ein Gebäude, mitten im Nirgendwo, kahle Vegetation, kein Mensch zu sehen. Eine leblose Szenerie, würde sie nicht gleichzeitig von markerschütternden Schreien zerrissen. Erst nach einigen Augenblicken erfahren wir, woher diese kommen: Schimpansen, eingesperrt in Käfigen. Beruhigt? Nicht wirklich. Noch immer wirkt der Eindruck eines Horrorfilms nach, etwa wenn die Menschenaffen durch enge Gänge zu ihrem Futter müssen.

Dass der wahre Horror zu dem Zeitpunkt in Wirklichkeit schon einige Jahre zurückliegt, erfährt der Zuschauer erst später durch eingeblendete alte Aufnahmen: Die Schimpansen sind ehemalige Versuchsobjekte aus einem Labor und mussten im Auftrag eines Pharmakonzerns beispielsweise für Aids-Experimente herhalten. Und die Frauen vor den Käfigen sind keine Wärterinnen, wie man im ersten Moment vielleicht denken könnte. Vielmehr versuchen sie alles, um den Horror wieder gut zu machen und die Affen auf ein „normales“ Leben in der Wildnis vorzubereiten.

Unter Menschen Doku Kino

Renate Foidl mit Johannes

Und das ist alles andere als einfach, nachdem die Tiere lange Zeit in engen Käfigen gehalten wurden, teils über zwanzig Jahre. Einige der Versuchsaffen haben während ihrer Gefangenschaft schlicht verlernt, was es heißt, in Gesellschaft zu leben, können nicht mehr damit umgehen, wenn ein anderes Lebewesen ihnen zu nahe kommt. Eines der bedrückendsten Bilder sind die zweier eingelegter Finger: Die mittlerweile sozial gestörten, völlig traumatisierten Affen hatten sie sich gegenseitig ausgerissen, als sie aufeinandertrafen.

Unter Menschen Doku Kino

„Unter Menschen“ handelt aber nicht nur von dem Versuch, das Geschehene ungeschehen zu machen, sondern erzählt in Rückblicken und mit Zeitzeugen, wie es zu diesen Experimenten kam und wer die Hauptverantwortlichen für die oftmals illegalen Aktivitäten waren. Unterhaltsam ist da natürlich wenig und kinderkompatibel wie eben ein Sielmann-Film ist das erst recht nicht. Vielmehr wollen uns die Regisseure Christian Rost und Claus Strigel mit der handwerklich geschickt gemachten Dokumentation aufrütteln und uns über die Themen Schuld und Verantwortung nachdenken lassen, was auch gut gelingt. Aufnahmen der konkreten damaligen Experimente sind natürlich keine zu sehen, aber die Beschreibungen der Gesprächspartner sorgen auch ohne explizite Bilder für genügend Kopfkino.

TEXT: Oliver Armknecht

 


About Mirjam Karasek

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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.