Im Kino:
No Place on Earth –
Kein Platz zum Leben

Wer das Glück hatte, als Kind neben Asphalt und Fußballplätzen noch richtige Natur erleben zu dürfen, kennt bestimmt die Faszination, die von Höhlen ausgeht: dunkel, verschlungen, irgendwie unheimlich aber eben auch ungemein spannend. Hier konnte man versteckt vor der Welt seiner Fantasie freien Lauf lassen, sich Geschichten ausdenken, vielleicht sogar eine eigene kleine Welt erschaffen. Aber auch für Erwachsene sind in tiefen Höhlen manchmal richtige Schätze zu finden – völlig unerwartete noch dazu.

Eigentlich war Höhlenforscher Chris Nicola in den 1990er Jahren in eigener Sache in der Ukraine unterwegs: Er wollte seiner persönlichen Familiengeschichte nachgehen. Als er jedoch einige interessante Höhlen erkundete, stieß er per Zufall auf die Geschichte mehrerer anderer Familien. Ein Frauenschuh, ein Kamm, auch ein alter Schlüssel – in den Höhlen befanden sich alte Alltagsgegenstände, die sich Nicola nicht so recht erklären konnte. Weitere Nachforschungen ergaben, dass diese vermutlich mehreren jüdischen Familien gehörten, die sich während der Nazibesetzung dort versteckten.

Sonst hätten die 38 Männer, Frauen und Kinder im Alter von 2 bis 76 Jahren diese Zeit wohl nicht überlebt, in kaum einem Land waren die Juden damals vergleichbar gründlich ausgerottet worden. Doch die Überlebenden mussten einen hohen Preis dafür zahlen: 511 Tage – also etwa anderthalb Jahre – verbrachte die Gemeinschaft unter der Erde. Nur nachts wagten sie sich nach draußen, um Essen zu suchen. Ansonsten hieß es warten. Warten und hoffen, dass irgendwann das Grauen da draußen ein Ende nahm.

No Place on Earth DVD

Seltsam eigentlich, dass Hollywood diese dramatische Geschichte noch nicht für sich entdeckt hat, dafür nahm sich Regisseurin Janet Tobias jetzt dieses Themas an und verarbeitete es zu einem Dokumentarfilm. Zusammen mit Nicola und Zeitzeugen erzählt sie in „No Place on Earth – Kein Platz zum Leben“, was sich von 1942 bis 1944 im Südwesten der Ukraine zugetragen hat. Dafür bedient sie sich der üblichen Gestaltungsmittel des Genres, kombiniert Interviews mit nachgestellten Szenen. Das ist zwar nur bedingt einfallsreich, aber effektiv. Vor allem die Aufnahmen in den Höhlen geben einen guten Einblick, was es heißt, eine so lange Zeit im Dunkeln und unter widrigsten Bedingungen verbringen zu müssen.

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Glücklicherweise erliegt Tobias nicht der Versuchung, zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken oder mehr als nötig zu dramatisieren. Vielmehr lässt sie die Geschichte für sich sprechen. Und die endet wie auch vor knapp 70 Jahren geradezu lebensbejahend. Der Ukraine haben die jüdischen Familien seit ihrer Befreiung längst den Rücken gekehrt, um in den USA ein zweites neues Leben aufzubauen, die Erfahrungen zu vergessen. Umso bewegender das Ende: In der sicherlich schönsten Szene des Dokumentarfilms kehren die Überlebenden, inzwischen im betagten Alter, in die frühere Heimat zurück. Und an den Ort, der ihnen einst das Leben rettete.

Fazit: „No Place on Earth – Kein Platz zum Leben“ erzählt die Geschichte von Juden in der Ukraine, die sich im Zweiten Weltkrieg 511 Tage in einer Höhle versteckten. Sensibel erzählt, wenn auch nur mäßig originell, gibt der Dokumentarfilm einen bewegenden Einblick in eine ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft.

TEXT: Oliver Armknecht