Im Kino: Finsterworld

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal … Ein deutsches Wort im Titel, gekoppelt an ein englisches, Schnipsel von vier verschiedenen Personen, die in grotesker Weise zu einer einzigen zusammenmontiert wurden – das Plakat von „Finsterworld“ versteht es auf jeden Fall, auf sich aufmerksam zu machen. Reiner Selbstzweck ist diese ungewöhnliche Komposition aber nicht, vielmehr ein brillantes weil überaus passendes grafisches Pendant zu einem nicht minder ungewöhnlichen Film.

Doch davon ahnt man zu Beginn wenig. Fußpfleger Claude Petersdorf (Michael Maertens) ist gerade auf dem Weg zu einer Kundin im Altersheim. Der Himmel ist blau, die Sommerlandschaft erstrahlt durch das Sonnenlicht in warmen Farben. Was könnte diese Idylle noch trüben? Antwort: ein Polizist. Ein Polizist namens Tom (Ronald Zehrfeld). Der erwischt Claude nämlich, wie er mit dem Handy telefoniert, während der die Straße lang fährt. Das dafür fällige Bußgeld hat er natürlich nicht, doch zum Glück gibt sich Tom mit Claudes Produkten zufrieden und drückt so ein Auge zu.

Finsterworld Kino

Moment, ein Polizist, der sich bestechen lässt? Mit Fußpflegeprodukten? Ähnlich wie hier fangen sämtliche Geschichten des Episodenfilms vertraut und normal an, geben dann nach und nach ihre bizarren und eben auch finsteren Seiten preis. Die Schüler eines Eliteinternats sind beispielsweise auf einem großen Ausflug, der sie ausgerechnet in ein KZ führt. Ein friedlicher Einsiedler hat nicht ganz so friedliche Absichten. Und auch Tom und Claude haben weitere Geheimnisse parat, die witzig, grotesk und verstörend zugleich sind.

Fünf Handlungsstränge spinnen sich so durch den Film, kreuzen sich mal, oft auch nicht. Auch wie die einzelnen Figuren zusammenhängen, verrät Frauke Finsterwalder erst mit der Zeit. Nun sind Episodenfilme immer eine trickreiche Angelegenheit. Auf der einen Seite bieten sie Anlass, interessante Geschichten zu erzählen und wunderliche Charaktere zu zeigen, die für einen ganzen Film einfach nicht genug hergeben oder auf Dauer vielleicht sogar nerven würden. Gleichzeitig läuft man ohne roten Faden aber auch immer Gefahr, seine Zuschauer unterwegs zu verlieren oder schlicht zu langweilen.

Langeweile kommt hier jedoch an keiner Stelle auf. Dafür ist der bekannte Schriftsteller Christian Kracht („Faserland“), Ehemann von Frauke Finsterwalder und Co-Autor des Drehbuchs, vermutlich auch einfach schon zu versiert beim Entwerfen von tragikomischen, gesellschaftskritischen Geschichten. Und so weiß man dann auch hier oft nicht, ob man vergnügt kichern oder entsetzt aus dem Kinosaal flüchten will, ob „Finsterworld“ ein trauriges Drama oder beißende Satire ist. Gescheitert sind in dem Film schließlich fast alle Figuren und ein Happy End ist auch nur wenigen vergönnt.

Finsterworld Kino

Und nicht nur was die Genrefrage angeht, sind die Grenzen fließend, auch bei der Entscheidung: Ja, sind wir denn noch in Deutschland? Zusammen mit einem wunderbaren Ensemble schafft es die frühere Dokumentarfilmerin Finsterwalder eine Welt zu zeigen, die gleichzeitig schrecklich und schrecklich real ist. Wie ein Kaleidoskop der Gesellschaft oder eben die Figur aus dem Plakat setzt sich hier alles aus Elementen zusammen, die einem bekannt vorkommen, in ihrer Zusammensetzung dann aber deutlich verzerrt wirken. Vielleicht ist das sogar die größte Leistung von „Finsterwelt“, dieses ungute Gefühl, beim Betrachten der Einzelepisoden nie wirklich zu wissen, auf welcher Seite des Spiegels man gerade gelandet ist.

Fazit: Regisseurin Frauke Finsterwalder liefert zusammen mit ihrem Mann Christian Kracht einen der ungewöhnlichsten Filme der letzten Zeit ab. Gleichzeitig vertraut und doch wieder grotesk setzen sich die einzelnen Episoden zu einem mal traurigen, dann wieder bitterbösen Zerrbild unserer Gesellschaft zusammen.

Freunde von Gesellschaftssatiren sollten also unbedingt einmal in die „Finsterworld“ eintauchen. Wir zeigen euch sogar den Weg dorthin: Schreibt uns eine E-Mail und ihr könnt eines von zwei Paketen gewinnen. In jedem warten zwei Freikarten und das Buch zum Film auf euch.

Die Verlosung ist beendet, die Pakete wurden verschickt!

TEXT: Oliver Armknecht


About Mirjam Karasek

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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.

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