Im Kino: Da geht noch was

Seien wir ehrlich: Wer hat nicht als Kind mal davon geträumt, eine andere Familie zu haben? Vorgestellt, man sei nur adoptiert oder bei der Geburt vertauscht worden? Sich vom Weihnachtsmann einen anderen Papa, eine andere Mama oder wenigstens andere Geschwister gewünscht?

Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreibt Conrad Schuster (Florian David Fitz) zwar schon lange nicht mehr, aber den Glauben an eine perfekte Familie, den hat sich der Enddreißiger bis heute bewahrt. Umso mehr, da es bei ihm zu Hause meistens alles andere als perfekt lief. Vor allem mit seinem Vater Carl (Henry Hübchen) lag Conrad im Dauerclinch. Carl war als Gewerkschaftsboss seit jeher ein Kämpfer für das große Ganze gewesen, ein Vorstreiter für die Rechte des kleinen Mannes. Die Rechte seines kleinen Sohnes hingegen hatten immer hinter dem Allgemeinwohl Platz zu nehmen. Selbst der familieneigene Swimming Pool war nicht zum Vergnügen dar, sondern zur körperlichen Ertüchtigung, zur Disziplin. Rumplanschen? Spaß haben? Nein, das gab es im Hause Schuster nicht.

Da geht noch was Kino

Entsprechend wenig herzlich ist daher auch das Verhältnis der beiden selbst Jahrzehnte danach, persönliche Kontakte werden auf das Minimum beschränkt. Und wenn es nach Conrad ginge, könnte das auch so bleiben. Bis dann seine Mutter Helene (Leslie Malton) an ihrem Geburtstag die Bombe platzen lässt: Sie und Carl haben sich getrennt, Conrad soll seinem Vater etwas vorbeibringen. Widerwillig stimmt der zu, ist ja bloß für einen Moment. Nur kurz rein, wieder raus, was soll da schiefgehen? So einiges, Carl verletzt sich bei einem Sturz unglücklich das Bein. Also bleibt Conrad nichts anderes übrig, als seinem Vater erst mal für eine Weile zur Hand zu gehen. Ein Arrangement, das nicht nur den beiden sauer aufstößt, sondern auch seinem eigenen Sohn Jonas (Marius Haas): mitgegangen, mitgefangen. Immerhin bietet diese unfreiwillige 3er-WG die Gelegenheit, einige alte Streitigkeiten aus dem Weg zu räumen. Und von denen gibt es im Haus Schuster mehr als genug.

Deutlich autobiografisch gefärbt soll es sein, das Kinodebüt von Regisseur Holger Haase. Und auch Florian David Fitz hat bei seiner Mitwirkung am Drehbuch persönliche Erfahrungen und Beobachtungen miteinfließen lassen. Dieses Verarbeiten des eigenen Lebens kann mitunter böse danebengehen, weil man so Gefahr läuft, sich zu viel Handlungsspielraum zu nehmen. Im Falle von „Da geht noch was“ sind die Befürchtungen jedoch unbegründet. Vielmehr führt das Autobiografische hier dazu, dass – bei aller komödiantischen Übertreibung – die Grundkonflikte authentisch und plausibel bleiben.

Da geht noch was Kino

Hauptgrund Nummer eins, sich den Film anzuschauen, ist aber der durchweg amüsante Schlagabtausch zwischen den beiden Streithähnen. Sowohl Florian David Fitz als oberflächlicher Werbe-Yuppie, der eigentlich ganz anders ist, und Henry Hübchen, wie üblich Grummel Griesgram in Menschengestalt, können zeigen, dass sie sich in ihren komischen Rollen wie zu Hause fühlen. Eine reinrassige Komödie ist „Da geht noch was“ hingegen nicht, immer wieder wird das lustige Treiben von leiseren und sehr schönen Momenten unterbrochen, zwischenzeitlich wird es sogar hochdramatisch. Ob es Letzteres gebraucht hätte, ist sicher Geschmackssache, zumal zum Schluss doch wieder alles zu einem Happy End zurechtgebogen wird, was aber niemanden wirklich überraschen sollte.

Großartig Neues sollte man allgemein bei der Nichtganzkomödie besser nicht erwarten, Haase und sein Team verlassen sich dafür zu sehr auf Bewährtes und damit auch Vorhersagbares. Dafür macht der Film Spaß und gefällt durch die sympathischen Hauptdarsteller. Und selbst wenn die zentrale Aussage des Film – „Man kann sich seine Familie nicht aussuchen“ – für niemanden eine neue Erkenntnis darstellt, der Weg dorthin ist auf jeden Fall unterhaltsam gestaltet. So unterhaltsam, dass man im Anschluss vielleicht sogar der eigenen Bagage wieder etwas milder gegenüber eingestellt ist.

Fazit: Die liebe Familie, man kann nicht mit, man kann nicht ohne sie. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber der Weg dorthin ist bei „Da geht noch was“ gut gespielt, unterhaltsam umgesetzt und hat auch einige schöne leise Momente zu bieten.

TEXT: Oliver Armknecht

 

 


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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.