Im Gespräch: Tito & Tarantula
Live: 22. Oktober @ Backstage

Meet him After Dark

Ganze 23 Jahre ist es her, dass sich Tito Larriva ins Gedächtnis der Popkultur eingebrannt hat. Mit seinem sleazy Chicano-Twang klampfte sich der Schauspieler und Musiker in Robert Rodriguez‘ „From Dusk Till Dawn“ und dem Song „After Dark“ zu Weltruhm. Drei Jahrzehnte später ist es um den Mann aus Juárez nicht still geworden. Endlose Tourneen führten ihn wieder zurück nach El Paso, wo schließlich das langersehnte neue Album „8 Arms to Hold You“ entstand. Bevor Tito & Tarantula am 22. Oktober das Backstage beehren, trafen wir den Ex-Vampir und seine Tochter Lola zum Interview.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=GaSsloU97I8

 

„8 Arms to Hold You” heißt euer neues Album. Könnt ihr uns ein bisschen was zur Entstehung erzählen? Diesmal warst auch du Lolita am Songwriting involviert?
Lola: Oh, ich schreibe tatsächlich schon, seit ich 14 bin, aber ja. Auf „Back Into the Darkness“ habe ich bereits ein paar Songs geschrieben. Das war zwölf Jahre her? Oh je … (lacht) Ja, wir haben vor zwei Jahren angefangen, die Songs zu schreiben, und haben diese nun allmählich und endlich aufgenommen.

Tito: Wir haben alle Songs zusammen geschrieben. Lola schreibt tatsächlich schon Songs, seitdem sie ein kleines Mädchen ist, und damals gab es schon wirklich gute Stücke. Sie war nur so klein, also hab ich sie von ihr geklaut. (lacht) Nein, zusammen mit Steven Hufsteter, unserem alten Gitarristen ,haben wir ein paar davon umgeschrieben.

Seit „Back Into the Darkness“ ist wirklich Zeit vergangen. In der Zwischenzeit konnten wir uns über ein paar Outtakes aus der „Tarantism“-Zeit freuen. Habt ihr euch bewusst Zeit gelassen?
Lola: Der Prozess des Aufnehmens war wirklich fix, aber diesmal haben wir uns Zeit gelassen, die Songs zu schreiben und an ihnen zu feilen. Auf das, was dabei herausgekommen ist, sind wir jetzt sehr stolz.

Tito: Es hat sich auch einiges in El Paso geändert. Wie gesagt, mein Vater ist verstorben, Lolas Großvater. Während wir da waren. Das hat einiges verändert, die Bedeutung des Ganzen hat sich verändert. Als wir nach Hause kamen mit den Tracks, haben aber auch wir uns verändert. Das war ein langer Prozess, aber wir sind glücklich mit dem Ergebnis.

Lola: Wir haben tatsächlich schon viel früher versucht, ein Album zu machen. Während der letzten Tourneen sogar, aber es ging sich einfach nicht aus. Aus vielen Gründen. Wir haben es gemacht, aber wir haben das Ziel aus den Augen verloren, wie auch Bandmitglieder. Nichts Böses, aber manche haben geheiratet, manche haben ein Restaurant eröffnet.

Tito & Tarantula habe ich vorranging als positive Band abgespeichert, doch inwieweit helfen euch negative Gefühle musikalisch weiter?
Tito: Musik ist vermutlich die beste Art und Weise, um mit negativen Gefühlen umzugehen. Ich stelle mir immer ein paar Höhlenmenschen vor, ganz zu Beginn der Menschheit, die den Mond anbrüllen. Vielleicht tun sie das aus Traurigkeit, aber es hat auch etwas Musikalisches. In New Orleans zelebrieren sie ja auch den Tod eines Menschen. Das ist eine religiöse Erfahrung, ein Ritual sogar. Wie bereits erwähnt, hat sich nach dem Tod meines Vaters die gesamte Energie verändert. Das hatte aber durchaus auch etwas Schönes. Es war schwierig, aber auch ein sehr interessanter Ort für die eigene Kreativität.

Lola: Ich denke dabei immer an eine Art Heilung. Die Zeiten in Amerika sind ja momentan nicht sehr rosig, ohne jetzt allzu politisch zu werden. Doch auch in El Paso passierte so viel. Dort sind auch die Camps, in denen sie die Menschen festhalten und Familien auseinanderreißen. Insofern ist das Album auch eine Art Heilung, ohne dass wir mit diesem Ziel ins Studio gegangen sind. Für uns war es eine sehr wohltuende Erfahrung.

Tito: All das ist selbstredend in die Musik eingeflossen. Die Menschen scheinen sich oft so schwer zu tun mit der Komplexität ihrer Gefühle, sodass Musik der einzige Weg zu sein scheint, damit umzugehen.

Dieses Jahr haben auch einige Menschen in deiner alten Heimat auf grausame Weise geliebte Menschen verloren. Was macht das mit dir und wie gehst du damit als Musiker um?
Tito: Es lässt dich realisieren, dass allein eine einzige Person bereits die Welt verändern kann. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich denke, dass es sehr gefährlich wird. Man könnte mich tatsächlich nach dieser kurzen Tour zurück nach Mexiko schicken. Das kann mir blühen. Das wäre kein Problem für mich persönlich, aber wenn dein ganzes Leben in den Staaten stattfindet …

Lola: Wenn wir in Europa sind, gewinne ich immer wieder den Eindruck, dass es durchaus möglich ist, dass sich die Regierung um ihre Leute kümmert. Ich weiß, dass es auch hier Probleme gibt, aber in den Staaten herrscht diese Propaganda von der Schuld an den eigenen Lebensumständen. Vergleichsweise scheinen sich hier die Leute mehr umeinander zu kümmern. Und ich finde, dass ein jeder das verdient haben sollte. Von der Krankenversicherung ganz zu schweigen … (lacht)

Tito: Die Leute sind dumm. Es ist aber nicht Dummheit, sondern Ignoranz. Die Leute lassen sich schnell umprogrammieren, weil ihnen die Informationen fehlen. Es ist traurig, doch diese Menschen glauben nur an das, womit man sie täglich füttert. Doch wie erzieht man diese Leute? Wie erklärt man ihnen, dass Immigranten mehr zur Gesellschaft beitragen, als sie nehmen? Sie weigern sich, das zu glauben. An dem Tag, als Trump gewählt wurde, habe ich draußen vor meinem Haus einen Zaun repariert. Ein Kerl fuhr mit seinem Truck vorbei und schrie: „Go back to fucking Mexiko!“ Das ist mir bisher noch nie passiert. Das war das erste Mal. Fünf Minuten später kamen zwei Biker vorbei und beleidigten mich als Bohnenfresser und mehr. Einen Tag nach Trump. Das Witzige jedoch ist, dass diese zwei Jungs vermutlich meine Alben im Regal stehen haben.

Zumindest haben sie sicherlich einmal zu „After Dark“ in einer ranzigen Disco getanzt. Doch wenn wir schon darüber sprechen: Es tut mir leid, das Thema wieder aus der Schublade zu ziehen, aber du hast vor langer Zeit in einem Film mitgespielt. In „From Dusk Till Dawn“ warst du als Vampir zu sehen. Gibt es eine Anekdote, die du bisher noch nicht erzählt hast?
Tito: Ich habe vermutlich jede Story erzählt, doch eine gibt es vielleicht. Lolita war vier Jahre alt und Harvey Keitels Tochter hat einen blutigen Vampirfinger aus Plastik gefunden. Lolita trug goldene Ohrringe, die sie gegen den Vampirfinger tauschte. Meine Frau war natürlich nicht sehr begeistert.

Lolita: Den Finger habe ich übrigens immer noch. (lacht)

Der Film ist ja inzwischen zu einer Netflix-Serie adaptiert worden und das Interesse wächst erneut. Konntest du zur Sendung etwas beitragen?
Tito: Tatsächlich nur wenig. Nur den Song natürlich, den ich auf Spanisch umschrieb. Als Robert mich fragte, riet ich ihm, nur den Song neu aufzunehmen, was wir dann mit Del Castillo auch taten. Ich denke, es ist eine wunderbare, mehr traditionelle Neuinterpretation geworden.

Es ist quasi, wie Robert Rodriguez so gerne sagt, die „chingonized“ Version deines Songs. Doch erzähl mal: Taranteln sind nicht jedermanns Liebling. Wofür steht die Spinne?
Tito: Mein Vater benutzte das Wort immer gerne als Symbol, wenn er eigentlich Vagina meinte. Mein Vater war ein witziger Mann. (lacht) Nein, wir spielten jahrelang als „Tito & Friends“ und ein Freund von mir meinte, dass wir einen richtigen Namen bräuchten. Wie „Tito & Tarantula“ etwa. Das ist der wahre Grund. Charlie Midnight sei hier gedankt und ich mochte die Idee. Ich mochte aber auch die Witze meines Vaters und das Buch von Bob Dylan „Tarantula“.

Aber auch der Titel des neuen Albums spielt mit den Spinnen?
Tito: Du meinst eher „8 Legs to Grab you“? (lacht) Der Name stammt eigentlich aus dem alten Beatles-Film „8 Arms to Hold You“. Sie änderten den Titel, aber die Eröffnungsszene zeigt eine Skulptur einer Frau mit acht Armen. Daher der Titel, den ich schon seit meiner Kindheit kenne. Wir hatten eine Liste mit Namen, aber der kam mir immer wieder in den Sinn. Und er passt gut zur heutigen Zeit, weißt du. Quasi eine Gruppe von Leuten, die sich halten. Der Titel hat einen guten Vibe, hat aber vielleicht auch was Gruseliges.

Vier Leute, die dich festhalten? Nicht immer angenehm. Aber wann hattest du das letzte Mal Angst?
Tito: Öfter, doch eine gute Geschichte ist tatsächlich die, nachdem wir „After Dark“ aufgenommen hatten. Zusammen mit Steven Hufsteter war ich House-Sitten. Ich hatte gerade den „After Dark“-Riff geschrieben und musste aufs Klo. Als ich so an der Toilette stand, dachte ich plötzlich, Stevie wäre mir gefolgt. Ich spürte, dass etwas hinter mir war, und mir war so, als hätte ich einen Typen in Blue Jeans gesehen. Als ich wieder runterging und ihn danach fragte, meinte er nur, dass er die ganze Zeit hier gewesen sei und wir schleunigst verschwinden sollten. Wir rannten zum Auto und er erzählte mir von einem homosexuellen Pärchen, dass sich in diesem Haus umgebracht haben soll. Und einer der beiden war für seine Blue Jeans bekannt. Tja, so haben wir „After Dark“ dann im Auto zu Ende geschrieben.

Das ist eine ziemlich gute Geschichte. Du solltest ein paar davon aufschreiben.
Tito: Das war auch der erste Song, den ich zusammen mit Stevie geschrieben haben.

Lass uns wieder auf Positive zurückkommen. Eure Lieblings-Horrorfilme.
Lola: „The Last Circus“. Das ist einer aus Spanien, ziemlich heftig. „Lesbian Vampires“ ist auch nicht schlecht. (lacht)

Tito: Als Kind mochte ich Vincent Price und sah all seine Filme. „The Pit and the Pendulum“ war einer der gruseligsten, als ich jung war. Ich hab versucht, alles Mögliche zu sehen. „Flesheaters“ aus den 50ern fällt mir noch ein, oder eben „Shining“. Natürlich mag ich auch „Dracula“ oder „Frankenstein“, aber heute gucke ich gar nicht mehr viel. Ich habe genug selbst in verrückten Filmen mitgespielt.

Dann gerne noch eine Geschichte.
Tito: Okay. Da gab es einen Film, in dem das Alien-Kostüm viel zu eng war. Das war alles andere als spaßig, aber das war mit Tim Roth. Wir spielten Aliens, die zur Erde kommen, aber eigentlich auf einem Tischtennisball auf einer Tischtennisplatte landen. Wir sind mikroskopisch klein und laufen tagelang auf diesem weißen Planeten umher. Tim Roth und seine Frau streiten sich ständig, aber sein Sohn ist ein Genie und findet einen Weg, Krebs zu heilen, indem er Moleküle aus kleinen Fusseln baut. Jeder auf dem Ball spielt aber auch eine Person aus dem Haus, also eine Doppelrolle. Tim Roth war der Hausbesitzer und ich der Gärtner. Wir kommen am Ende zu dem Schluss, dass die Erde keinen Nutzen hat, also platzieren wir überall Sprengstoff und leiten einen Countdown ein. Wir heben vom Tischtennisball ab und der Film endet mit dieser winzigen „Pfft“-Explosion. Einem kleinen Funken …

Lola: Oh Gott, davon hast du noch nie erzählt.

Tito: Sorry für den Spoiler. (lacht)

Kommen wir zur letzten Frage und damit wieder zurück zur Musik. Bricht nun eine neue Phase für die Band an?
Tito: Jeder, den du in diese Familie bringst, hat einen Einfluss, egal wer. Als wir das Album aufnahmen, wollte ich junge Leute mit verschiedenen Energien bündeln. Es muss nicht präzise sein, es geht um die Persönlichkeit. Es war schwieriger als gedacht, aber es hat funktioniert. Der Puls bin ich, aber die Energie drum herum ist eine ganz besondere.

Lola: Ich finde, dass die Songs wesentlich persönlicher sind. Nicht alle Songs meines Vaters sind autobiografisch, ein paar, aber nicht alle. Diesmal sind es aber viele Geschichten über das Innere.

Tito: Das war nicht das Ziel, aber wir werden sehen, wie es ankommt, wenn wir zurück in Deutschland sind. Ich denke, wir werden viel vom neuen Album spielen, aber erst mal müssen wir noch etwas proben.

Danke euch beiden für eure Zeit. Es war schön, euch wiederzusehen!

Unsere Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden informiert.


Live: Tito & Tarantula > Homepage // 22. Oktober 2019 // Backstage, Halle // Beginn 20 Uhr // VVK 33,20 EUR zzgl. Gebühren

Interview: Tim Brügmann > Homepage