Im Gespräch: Sofia Portanet

Goldfrapp meets Goethe

Sofia Portanet ist nicht aufzuhalten. Seit ihrem Debüt Album Freier Geist aus dem Lockdown-Jahrgang 2020 beweist die in Kiel geborene und in Frankreich aufgewachsene Wahl-Berlinerin in ihren Songs feinstes Fingerspitzengefühl zwischen Alison Goldfrapp und Hildegard Knef. In ihren Liedern, die gerne mal im Chanson-Format oder als mit 80er-Synthesizer unterlegte Indie-Perle aus den Boxen traumwandeln, besingt sie große Gefühle, aber auch das sich Zurechtfinden in schwierigen Zeiten. Ihr größtes Kapital ist jedoch ihre unverwechselbare Stimme, die mit souveräner Leichtigkeit mal auf Deutsch, mal auf Englisch aber auch auf Französisch die Ohren betört. Hinzu kommen Texte, für die sie gerne auch mal die großen Dichter und Denker zitiert. Und der Erfolg gibt ihr Recht: zahlreiche Liebesbekundungen im Feuilleton und nicht weniger prestigeträchtige Auftritte auf internationalen Festivalbühnen wie dem SXSW, dem Reeperbahn Festival oder beim Eurosonic, sowie diverse Preise u.a. als beste Newcomerin hat sie bereits in ihrer Vita stehen.

Am 23. November bringt Sofia Portanet endlich ihre längst überfällige Headline-Show auch in München auf die Bühne. Vorab trafen wir die von der BBC als Germany’s Next International Popstar geadelte Künstlerin zum Interview.

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https://www.youtube.com/watch?v=sdyPFUayGP0

 

Sofia, dich zeichnet vor allem ein bewegtes Leben aus. Du hast viel im Ausland gelebt, als Tochter eines spanischen Vaters bist du in Frankreich aufgewachsen und hast dort sogar im Kinderchor an der Pariser Nationaloper gesungen. Geboren bist du aber in Kiel und lebst jetzt in Berlin. Bist du in Berlin angekommen oder wo liegt dein Sehnsuchtsort?

Sofia Portanet: Berlin ist definitiv eine Base, aber mein Umzug von Paris nach Berlin war glaube ich ein wenig anders, als der vieler anderer, die nach Berlin kommen. In meinem Umfeld sind viele nach Berlin gezogen, um eine gute Zeit zu haben, viel Kulturelles, aber auch die Partys mitzunehmen. Bei mir war das aber nach dem Abi so, dass ich einfach aus Paris weg wollte und auch Familie in Berlin habe. Insofern hatte ich schon immer das Gefühl, dass Berlin mein zweites zuhause ist.

Du singst sehr viel auf Deutsch, aber auch auf Englisch und Französisch. Wenn man die Kommentare unter deinen YouTube-Videos ansieht, sind diese ebenfalls extrem international. Kannst du dir das erklären? Ist vor allem das Deutsche deiner Meinung nach für Menschen im Ausland reizvoll? Du wirst ja auch gerne mal mit Hildegard Knef verglichen.

Sofia Portanet: Ich finde das selbst interessant. Die erste Platte hat etwas sehr Nischiges und ich glaube Menschen, die auf so eine Art von Musik stehen, sind auch sehr offen dafür. Ganz egal wo sie leben. Aber gut beobachtet. Das habe ich selbst schon bemerkt. Ich müsste tatsächlich auch mal mehr im Ausland touren, um zu sehen, auf welche Songs die Leute da anspringen. Die Kommentare kommen aber echt von überall her. Das hat sicher auch was mit der Musik selbst zu tun, die an vergangene Musikstile andockt. Es freut mich auf jeden Fall sehr!

Bei deinem letzten Auftritt in München hast du noch auf der Newcomer Stage von Puls gespielt. Newcomer will man aber schon gar nicht mehr sagen, denn dein Debüt Freier Geist hast du ja schon 2020 veröffentlicht und machst auch schon länger Musik. Auch ansonsten sieht man dich auf vielen Festivals, Sessions und kürzlich auch im Planetarium in Berlin auftreten. Erst kürzlich hast du auch einen Song mit der Thrash Metal-Legende Kreator aufgenommen. Wie groß darf das Projekt Sofia Portanet für dich werden?

Sofia Portanet: Also grenzenlos groß! (lacht) Nein, das ist auf jeden Fall mein Wunsch. Ich bin sehr getrieben und möchte damit nicht aufhören und immer weitermachen. Ich freue mich sehr, dass das in den letzten Jahren trotz Pandemie und allem seinen Platz gefunden hat. Erst jetzt war ich auch wieder auf dem Reeperbahn-Festival und das war auch wieder spannend. Das dritte Jahr!

Besonders gut gefallen mir deine Musikvideos, die du sehr oft mit dem Berliner Filmemacher Philipp Virus abgedreht hast. Vielen kennen ihn vermutlich noch aufgrund seiner Arbeit mit der Digital Hardcore Band Atari Teenage Riot. Wie kam denn diese Kollaboration zustande?

Sofia Portanet: Ja! Nach meinem allerersten Musikvideo zu Freier Geist habe ich einen Regisseur gesucht. Und ich muss zugeben, dass ich zu dieser Zeit kein Schwein in Berlin kannte. Ich hatte kein Label und auch kein Management, also niemanden. Ich habe dann einfach im Netz nach jemandem gesucht, der coole Musikvideos macht und bin dann auf ein Musikvideo von PABST gestoßen. Und dann war das Philipp Virus, dem ich dann auch sofort geschrieben habe. Auf jeden Fall haben wir uns dann kennengelernt, aber er hatte leider keine Zeit. Nachdem er aber nochmal mehr reingehört hatte, fand er es super. Zwar hat es nicht bei dem Video auf Anhieb geklappt, bei dem ich ihn gerne dabei gehabt hätte, aber dann beim nächsten Video.

Gerade mit Hinblick auf die kleineren Shows. Gibt es eine Reaktion, die du beim Publikum auslösen willst oder etwas, was du dir wünscht?

Sofia Portanet: Ich freue mich immer am allermeisten, wenn die Leute mitsingen. Gerade auf der ersten Platte sind es jetzt nicht die typischen Texte, die zum Mitsingen anregen. Von daher finde ich es absolut geil, wenn die Menschen mitsingen und das habe ich diesen Sommer glücklicherweise schon echt oft erlebt. Das macht mich sehr glücklich! Ansonsten freue ich mich, wenn die Leute Filmen und Tanzen. Wir waren erst kürzlich in Karlsruhe in einem relativ kleinen Club, im KOHI. Der war rappelvoll und die Leute sind total abgegangen und haben getanzt. Als Halb-Spanierin macht es mich aber auch glücklich, wenn geschrien wird oder es ganz laut wird. (lacht) Wenn da was im Publikum los ist, klasse! Da musste ich auch wirklich eine Zugabe nach der nächsten spielen.

Das habe ich mich heute bei so wenig Leuten natürlich nicht getraut …

Sofia Portanet: Ja, deswegen habe ich euch ja auch zum Brüllen animiert. Also punktuell. (lacht)

Dein erstes Album ist wahnsinnig gut produziert und sehr divers. Jetzt hast du mit Steffen Kahles auch einen wirklich guten Musiker in der Band. Wie kommt es von der ersten Demo zum fertigen Lied? Und wann steigen andere mit in den Schaffensprozess ein?

Sofia Portanet: Die erste Platte habe ich tatsächlich mit Steffen koproduziert. Wir kennen uns schon auch eine ganze Weile und die Platte ist ohne Produzenten oder Engineer entstanden. Zum Teil habe ich meinen Gesang selbst aufgenommen und editiere auch meine Stimme immer selber. Ich sitze aber auch am Computer und mache ein wenig Post-Production. In der Regel spiele ich Steffen einige Songs wie Wanderratte oder Planet Mars vor und dann hat er die eben instrumentiert bzw. wir haben sie zusammen fertig geschrieben. Da sitze ich dann auch daneben und nörgle viel rum oder rufe ganz laut: „Ja! Das! Das klingt gut so!“ (lacht) Ich bin wirklich bei jedem Schritt dabei und leider auch ein ziemlicher Control-Freak und muss jeden Ton begleiten. Da läuft nichts, ohne dass es mir nicht gefällt. Mir ist es wichtig da ganz nah dran zu sein. Es gibt nur wenige Songs, die ich von Null auf zusammen mit Steffen geschrieben habe, aber es ist durchaus mal so, dass er an der Gitarre sitzt und wir improvisieren wie bei Das Kind. Da habe ich den Text beispielsweise erst später geschrieben.

Einige deiner Songs hast du sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch eingesungen. Wie entscheidest du, wann ein Song eine weitere Version spendiert bekommt? Je nachdem verstehe ich dann tatsächlich den Hildegard Knef Vergleich, auch wenn mich gerade ein Song wie Menschen und Mächte auf Englisch sehr an Goldfrapp erinnert.

Sofia Portanet: Ach cool! Wenn ich Original-Text schreibe, denke ich da nicht viel drüber nach. Bei der ersten Platte habe ich aber sehr viel mit Gedichtauszügen gearbeitet und die Songs dann eben auch auf Deutsch geschrieben. Danach haben wir manchmal mit dem Label entschieden, dass wir noch eine englische Version machen. Ich war beispielsweise 2019 beim SXSW eingeladen und da war es natürlich cool etwas zu haben, was die Leute auch verstehen. Da wir gesehen haben, dass es auch auf Englisch gut funktioniert, habe ich angefangen auch Wanderrate zu übersetzen. Planet Mars habe ich aber beispielsweise auf Französisch geschrieben, weil die Geschichte dort verankert ist. Es kommt also auch immer darauf an, wo die Idee herkommt. Ist es an eine Geschichte, ein Erlebnis oder an einen Menschen gekoppelt? Die Sprache wähle ich dann.

Du hast schon erzählt wie viel du im Studio selbst machst. Aber worin bist du noch richtig schlecht, was Musik anbelangt?

Sofia Portanet: Also ich bin nicht gut darin ein Instrument voll und ganz zu beherrschen. Ich kann auf der Gitarre oder auf dem Klavier zwar einen Song schreiben, aber ich wollte einfach nie wirklich ein Instrument perfekt spielen. Und insofern gelingt es mir auch nicht. Ansonsten will ich es gerne mal ausprobieren, mir einen Song so gut drauf zu schaffen, dass ich ihn auch alleine live spielen kann.

Mit Steffen hast du da ja schonmal einen guten Lehrer an der Hand. Womit hast du dich aber richtig damit überrascht, wie du gut es kannst? Was hättest du dir früher nicht zugetraut?

Sofia Portanet: Also eigentlich mit allem hier! (lacht) Die Musik ist ja doch immer nur ein ganz kleiner Bestandteil letztendlich. Es ist zwar das Wichtigste aber eben nur ein kleiner Teil. Überrascht habe ich mich damit, meine eigene Stimme so zu finden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich danach suche wie meine Stimme klingen soll. Ich kenne meine Stimme und bin da sehr stolz drauf.

Im November dürfen wir dich endlich auf deinen Headline-Shows sehen. Eine davon führt dich auch wieder zu uns nach München. Was kann man bis dahin noch von dir erwarten? Da du von der „ersten Platte“ sprachst, ist sicherlich eine zweite schon längst in der Mache?

Sofia Portanet: Ganz genau! Ihr werdet aber bis dahin auf jeden Fall noch eine oder zwei neue Singles bekommen. Ihr werdet mich auch noch auf ein paar Festivals sehen. Auf der Tour werden wir auch viele neue Songs spielen, die wir noch nicht veröffentlicht haben. Das ist natürlich spannend! Vor allem, wenn man Fan ist und schon ein wenig vorab hören darf. Ich freu mich sehr!

Sofia Portanet wird am 23. November die Tour zu ihrem Debütalbum Freier Geist nachholen und spielt am 23. November 2022 live in München in der Milla. Hin da!


Im Gespräch: Sofia Portanet > Homepage // 23. November 2022 // Milla // Beginn 20 Uhr // VVK 19,80 EUR zzgl. Gebühren