Im Gespräch: Nico Sommer

Eine Frau Ende vierzig, die nach einer langjährigen Ehe ihr neues Glück sucht – als wir euch die Woche den Film „Silvi“ vorgestellt haben, wird sich sicher manch einer gefragt haben: Was hat das denn auf curt zu suchen? Doch wer den Film gesehen hat, weiß dass es hier nicht um ein Generationenporträt geht, sondern um die Orientierungslosigkeit nach einer gescheiterten Beziehung und die teils grotesken Erfahrungen, die man bei der Partnersuche sammelt. Und das gilt mit zwanzig genau wie mit fünfzig. Dennoch ist die Frage spannend, wie ein 28-Jähriger auf die Idee kommt, ausgerechnet den Stoff für seinen Debütfilm zu verwenden. Und genau die aber auch viele andere stellten wir kürzlich Nachwuchsregisseur Nico Sommer.

Oft sind Debütfilme ja stark autobiografisch gefärbt. Was in deinem Fall aber eher unwahrscheinlich ist, wenn ein Endzwanziger von einer Frau erzählt, deren Ehe nach 25 Jahren scheitert. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Dieses Leben, wie es verfilmt wurde, existiert auch in der Wirklichkeit. Natürlich nicht en detail, weil es ja ein fiktionaler Film ist und im Zuge der Drehbucharbeit haben wir auch einiges verdichtet und verändert. Die Improvisation am Set gemeinsam mit den wunderbaren Schauspielern rundet das dann ab. Im Grunde hat mich das Gefühl dahinter interessiert: Was bringt so eine Frau dazu, sich immer wieder mit Männern zu treffen? Wieso stürzt man sich nach einer Ehe in die Männersuche so rein? Dieses Gefühl, das diese Frau hat, sich noch einmal auszuprobieren, noch mal das Glück zu suchen, sich noch mal auszuleben – da konnte ich dramaturgisch sehr gut anknüpfen.

Ist diese Sehnsucht und diese Suche dann auch das, was dich an der Geschichte fasziniert hat?
Genau. Das war dann auch ein ganz wichtiger Punkt, den es galt einzufangen. Letztendlich liegt die Schwierigkeit darin, das in dem Improvisationsrahmen auch beizubehalten, der mir beim Drehen wichtig ist. Aber da wussten auch alle Beteiligten Bescheid und man hat auch viel diskutiert, wie man das am besten macht. Das ist dann schon ein starkes Gemeinschaftswerk, bei dem auch jeder sich künstlerisch einbringen konnte. Vor allem Lina Wendel, die die Hauptrolle spielt. Aber natürlich hatten auch die männlichen Kollegen ihren Spaß!

Wie bist du denn auf Lina Wendel gekommen?
Lina Wendel war von Anfang an für mich die erste und einzige Wahl. Wir haben uns während meines Studiums kennengelernt. Ich habe gleich gemerkt, dass in ihr viel Potenzial steckt. Da dachte ich: Mit der Frau möchte ich noch einmal einen längeren Film drehen. Dann gab es diesen Stoff und es war relativ klar, dass wir da zusammenkommen.

Und sie war dann gleich dafür zu haben oder musstest du erst Überzeugungsarbeit leisten?
Überzeugungsarbeit nicht, aber natürlich muss man über Sexszenen und das alles reden. Gepeitscht wie dort wird schließlich nicht jeden Tag! Da herrschen auf beiden Seiten Ängste. Es waren ja nicht nur Linas erste Sexszenen sondern auch meine. Aber am Ende war es dann doch ganz unkompliziert. Aber klar muss diskutiert werden: Was will man zeigen? Was ist notwendig für den Film? Wo wollen wir erzählerisch hin? Was ist lustig? Was ist tragisch?

Silvi Kinofilm

Nicos Wunschkandidatin Lina Wendel musste während des Drehs viel Haut zeigen – ungewöhnlich für eine Frau im mittleren Alter.

Sexszenen bzw. Liebesfilme allgemein, bei denen es um Menschen um die fünfzig geht, sind ja nicht alltäglich. Hast du keine Angst, damit ein jüngeres Publikum zu vergraulen?
Diese Ahnung hatte ich von Anfang an, dass die Geschichte bei jungem Publikum nicht funktioniert. Und dann wurde ich tatsächlich während dieser drei Vorführungen, die man während der Berlinale hat, eines Besseren belehrt. Da kamen junge Mädchen Anfang zwanzig, Männer zwischen zwanzig und 25 und haben zu mir gesagt: ganz toller Film! Das ist natürlich ein ganz toller Moment, wenn man merkt, das funktioniert auch bei denen.

Und obwohl du den Zuspruch von Jüngeren nicht erwartet hast, hast du trotzdem als Debütfilm so ein schwieriges Thema genommen?
Ja, absolut. Weil mich hat das gereizt. Ich hatte zwar Angst, dass ich das nicht treffen könnte, weil ich einfach auch noch nicht die Erfahrung habe. Aber der Reiz war genauso groß und auch die Leidenschaft, das durchzuziehen. Mir haben auch die Recherchegespräche mit anderen Frauen viel Kraft gegeben, dass Silvis Erfahrungen kein Einzelschicksal sind. Wir wissen das alle, dass Ehen kein Leben lang mehr halten. Und unter diesem Aspekt dachte ich, dass das eine Geschichte ist, die interessant werden kann.

Ist die Suche nach der ewigen Liebe denn vergeblich?
Das ist ne gute Frage. Ich glaube auf jeden Fall, dass man immer weitersuchen sollte. Aber man muss aufpassen mit den eigenen Ansprüchen, weil die dazu führen, dass man immer wieder in Frage stellt, was man nicht in Frage stellen sollte. Später ist so eine Beziehung in erster Linie Arbeit. Man muss hart daran arbeiten, dass eine Beziehung auch wirklich klappt. Und die Tendenz läuft ja eher dazu, dass wir auch da zu einer Wegwerfgesellschaft werden. Die Beziehung funktioniert nicht mehr? „Dann trennen wir uns eben und jeder sucht sich einen neuen.“ Ob das aber der Weg zum Glück ist, da bin ich mir nicht sicher.

Nicht nur der Film auch die Musik ist ungewöhnlich. Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet Lieder von Gitte zu verwenden?
Als wir dieses Treatment geschrieben haben, wollte ich von Anfang an, dass in dem Film Schlagermusik auftaucht, weil sie mit den Sehnsüchten korrespondiert, die diese Frau hat. Hängen geblieben bin ich bei meinen Recherchen dann bei Gitte. Deren Lieder waren so unglaublich auf den Punkt für diese Figur, dass wir an diesen Songs nicht mehr vorbeigekommen sind. Dadurch wird so ein Low-Budget-Film natürlich ein bisschen teurer als vorhergesehen.

„Silvi“ hatte ja auch deshalb wenig Budget, weil du ohne Filmförderung gedreht hast, was ungewöhnlich bei Debütfilmen ist. Macht man es sich ohne Förderung nicht unnötig schwer?
Man macht es sich unnötig schwer, definitiv. Aber es ist nicht leichter, mit Filmförderung zu drehen. Das ist das Interessante dabei. Die Lösung liegt eigentlich nicht im Budget, das Problem verlagert sich nur. Je weniger Geld du von anderen annimmst, umso mehr Freiheiten hast du sogar. Und das ist gerade bei einem Film wie „Silvi“ wichtig. Wenn du sagst, du drehst einen Improfilm, weiß die Förderung nicht, was das am Ende wird. Und da gibt es verständlicherweise Ängste und rechtliche Verpflichtungen.

Würdest du dir denn allgemein mehr Mut wünschen im deutschen Film?
Ja, natürlich. Das ist ein ganz großes Thema für mich und da wünschte ich mir schon, dass da mal einer auf die Kacke haut. Aber nur auf die Kacke hauen reicht nicht – der Film muss gut sein und möglichst dem Publikum gefallen! Danach kann man versuchen etwas zu ändern und eine Diskussion in Gang zu bringen.

Danke, Nico Sommer, für das Gespräch.
Das Interview führte Oliver Armknecht.