Im Gespräch: Isabel Monteiro
von Drugstore

20 Jahre Bandgeschichte, aber nur vier Alben – produktiv ist das nicht gerade. Und wenn dann auch noch eine Compilation hinterhergeschoben wird, riecht das schon sehr nach Geldmacherei. Oder schlimmer noch: Kreativbankrott. Dass „Best of Drugstore“ im Gegenteil eine wunderbare Gelegenheit ist, eine Band kennenzulernen, die es nie wirklich über Kultstatus hinausgeschafft hat, sollte spätestens nach unserer Rezension kürzlich klar sein. Warum sie sich entschieden hat, jetzt dieses Album zu veröffentlichen, das hat uns Drugstore-Frontfrau Isabel Monteiro im Interview verraten. Aber auch, was es heißt eine so lange Zeit in diesem Geschäft zu verbringen.

Wie kamt ihr dazu, zu diesem Zeitpunkt „Best of“-Album zu veröffentlichen?
Die Idee entstand vor etwa einem Jahr, als ich über einen lustigen Tweet von so einem 20-Jährigen gestolpert bin, der schrieb: „Ich höre mir gerade Musik von einer Band namens Drugstore an. Kennt die irgend jemand?“ Dadurch wurde mir klar, dass bei einem heute 20-Jährigen die Chance groß ist, dass er noch nie etwas von uns gehört hat. Das „Best of“-Album ist daher eine Möglichkeit für diese Leute, mehr über uns zu erfahren. Ungefähr zur selben Zeit kam auch das Label Cherry Red auf mich zu und irgendwie fühlte es sich nach dem richtigen Zeitpunkt für ein solches Album an.

Und nach welchen Kriterien wurden die Lieder für das Album dann ausgesucht? Meistens packt man dafür einfach alle Singles zusammen. Viele von denen fehlen aber hier.
Das war ziemlich lustig. Als wir unser erstes Treffen mit Iain McNay hatten, dem Präsident von Cherry Red, sagte er: „Lasst uns zusammensitzen und zusammen eine Trackliste erstellen.“ Aber als ich rausging, dachte ich nur noch: „Cool, ich mag diese Leute. Aber es gibt nur einen Menschen, der die Lieder aussuchen wird: ich!“ Ich wusste auch sofort, was für ein Album ich machen wollte: keine bloße Zusammenstellung, sondern eins, das für sich selbst stehen kann. Es ist ein wirkliches Privileg, deine eigene Musik veröffentlichen zu dürfen. Das nehme ich sehr ernst. Deswegen wollte ich sichergehen, dass wirklich Herzblut in dieses Projekt gesteckt wird.

Einige dieser Lieder sind inzwischen 20 Jahre alt, eure Debütsingle erschien schon 1993. Wie fühlt es sich an, diese alten Lieder heute zu spielen?
Bei Konzerten haben wir ja immer Lieder aus allen Alben kreuz und quer gespielt. Unsere Fans sind das also schon gewohnt. Ich hasse es, wenn Bands einfach nur ihr Album von Anfang bis zum Ende durchspielen. Ist es da nicht netter, wenn die Reihenfolge beim Konzert nicht durch eine Jahreszahl festgelegt wird, sondern durch das Gefühl, das ein Lied vermittelt? Durch seine Stimmung? Die Art, wie ich Lieder schreibe, hat sich bis heute kein bisschen geändert: sporadisch und spontan. Auf eine eigenartige Weise passt der Kram, den ich vor zehn Jahren geschrieben habe, deshalb wunderbar zu dem von heute. Außerdem sind manche unserer Lieder wie eine gute Flasche Bordeaux mit der Zeit noch gereift und die Zeit hat unseren Geschichten und Erzählungen noch eine weitere, tiefere Schicht verpasst.

Während dieses Reifungsprozesses ist das Musikgeschäft aber nicht stehengeblieben. Passt Drugstore heute überhaupt noch da rein?
Das ist der Fluch unserer Band: Wir haben damals nicht reingepasst, und heute tun wir’s genauso wenig. Wir haben immer in diesem Niemandsland gelebt und werden dort auch immer hingehören. Das gibt auch ziemlich gut wieder, wie ich mich selbst in dieser Welt fühle: unbeholfen und besoffen, irgendwo in einer dunklen Ecke.

Wenn du von Anfang an deine Schwierigkeiten mit dem Geschäft hattest, gibt es da Dinge, die du im Nachhinein anders machen würdest? Dinge, die du bereust?
Holy Plastic Mary! Wie viel Zeit hast du noch fürs Interview? Im Ernst, die Leute wären überrascht, unter was für einem irrsinnigen Druck selbst so eine kleine Indieband wie Drugstore immer stand. Da gab es immer Leute, die dir gesagt haben, was du tun sollst oder was du nicht tun sollst. Es war immer ein fortwährender Kampf, einfach nur mit deiner Musik weiterzumachen, ohne dass dir jemand reinredet. Das sind Erfahrungen, wie sie wohl die meisten Bands sammeln. Ich glaube aber, dass unsere Musik im Großen und Ganzen irgendwo ihre Ehrlichkeit bewahrt hat, trotz des Mistes in der Größe des Everests, der von außen kam, manchmal aber auch von innen. Und was das Bedauern angeht, lass mich dir sagen: I’ve had a few.

Dann lass uns doch zur Gegenwart zurückkommen. Welche Musik hörst du selbst so derzeit?
Ich bin nach wie vor ein großer Musikfan. Nichts baut mich mehr auf, als im Radio einen tollen neuen Song zu hören und mehr über neue Bands herauszufinden. Ich höre den ganzen Tag Radio von Indieshows bis zu Jazz. Natürlich reift mit der Zeit aber auch dein Musikgeschmack und du konzentrierst dich starker auf bestimmte Musikrichtungen. Ich steh zum Beispiel immer noch total auf Americana und große Songwriter – Leute wie Bill Calahan und Mark Lanegan.

Du hast ja auch immer gern mit anderen zusammen Musik aufgenommen. Eines eurer berühmtesten Lieder war damals „El President“, dein Duett mit Thom Yorke von Radiohead. Wenn du dir komplett frei aussuchen könntest, mit wem du mal Musik machst, wer wäre das?
Wie soll man Thom Yorke bitte schön noch schlagen können? Das müsste dann schon ein Duett mit Johnny Cash sein, der direkt von der Hölle auf die Erde gebeamt wird. Doch, dafür wäre ich zu haben.

Wäre bestimmt auch interessant geworden, aber leider wohl wenig wahrscheinlich. Was können wir denn sonst von dir demnächst erwarten? Vielleicht auch wieder neue Lieder?
Ein paar neue Lieder habe ich tatsächlich schon, die ich im Winter aufnehmen will. Das ist immer die beste Zeit, um dein Portastudio rauszukramen und die Rollläden runterzulassen. Ich hab jetzt eine so tolle Band zusammen, eine von der ich glaube, dass sie mir helfen wird, ein richtig schönes Album auf die Beine zu stellen. Ich hoffe, dass ich das dann Ende nächsten Jahres auf den Markt bringen kann.

Wirst du dann auch mal wieder für eine Tour zu uns kommen?
Das sollten wir wirklich mal machen. Unser letztes Album „Anatomy“ von 2011 hat viele gute Kritiken in Deutschland bekommen und wurde auch im Radio gespielt. Offensichtlich gibt es also immer noch Leute, die sich an uns erinnern. Und ich habe wirklich eine Menge tolle Erinnerungen an unsere Touren dort. München, klar, aber auch Köln oder Berlin. Das waren einige unserer besten Konzerte. Du hast recht, wir müssen dorthin zurück!

Herzlichen Dank, Isabel Monteiro, für das nette Gespräch!
Das Interview führte Oliver Armknecht.