Im Gespräch: Biggi Veira und Högni Egilsson von GusGus

curt wurde in Berlin von Biggi Veira und Högni Egilsson von GusGus empfangen, um mit ihnen über ihr neues Album „Mexico“, ihre Art, mit Wort und Sprache umzugehen, und über die Tatsache, dass sich ihre Songs einfach alle so verdammt sexy anhören, zu sprechen.


Euer neues Album nennt sich „Mexico“. Nun ist Mexiko ein Land, das sich durch heiße Temperaturen, politisch prekäre Verhältnisse, korrupte Polizei und signifikant hohe Kriminalität charakterisiert. Auf der anderen Seite eure Heimat Island. Ein nordisches Land mit entsprechendem Klima, das bekannt ist durch sympathische Polizei, eine offene Gesellschaft und wenig bis verschwindend geringer Kriminalität. Ist Island das Gegenteil von Mexiko und wie lassen sie sich verbinden?

Högni: Das ist ein guter Punkt. Ich habe noch nie so genau über dieses Wort nachgedacht, aber du hast vielleicht recht. Vielleicht ist Mexiko tatsächlich dieses verrückte Land voller Kriminalität und Drogen. Ich weiß es nicht. Ich war noch nie in Mexiko. Aber ich denke, Mexiko befindet sich definitiv in einem anderen Spektrum von sozialem Verständnis, ja.

Biggi: Als wir anfangs über den Titel sprachen, war ich zuerst skeptisch. Aber dann dachte ich darüber nach, weil Mexico ein sehr starkes Wort ist, das natürlich sehr kontrovers ist. Es ist sehr schwierig, das zu definieren, aber es geht primär um die Assoziationen, die man mit dem Wort verbindet. Es geht um das Gefühl, die Emotion, die man spürt, bevor man darüber nachdenkt, was es bedeutet.

Interview GusGus curt München

Biggi Veira

War der Titel dein Vorschlag, Biggi?

Biggi: Nein, die Idee kam von Daniel.

Högni: Für mich repräsentiert der Titel genauso dieses vorrangige Gefühl, wenn man das Wort hört und nicht die Definition. Es hat diese Konnotation mit dem Drang des Menschen, sich nach Westen zu bewegen. Die Menschen ziehen stets in den Westen. Die Cowboys zogen Richtung Westen und wir Isländer auch. Einer der Punkte, zu dem es uns zieht, wenn wir nach Westen aufbrechen, ist eben Mexiko.

Man kann Mexiko also als Symbol für diesen transformativen Prozess verstehen?

Högni: Ja, genau.

Ihr seid Isländer, singt aber ausschließlich auf Englisch. Woran liegt das?

Biggi: Als isländischer Musiker muss man diese Entscheidung treffen, ob man in Englisch oder Isländisch schreibt und singt. Der Markt in Island ist sehr klein und wir hatten das Gefühl, dass es so besser wäre.

Högni: Für meine andere Band schreibe ich auch auf Isländisch. Für GusGus schreibe ich Englisch und singe Englisch. Aber wir sind Isländer. Es fühlt sich schon etwas blöd an …

Biggi: Aber wir sind ja für die ganze Welt! Wir sind verbunden mit der ganzen Welt! Fuck you!

Högni: Die Sprachen sind sehr verschieden, da ist eine Art Schlüssel, der schwer zu beschreiben ist. Für mich persönlich fühlt es sich sehr leicht und bequem an, ich schreibe gern in Englisch.

Biggi: Trotzdem schreiben die meisten isländischen Musiker Isländisch.

Högni: Ja, aber für mich hat es einen Vorteil, wenn ich auf Englisch schreibe. Ich kann die Sprache so einsetzen, dass sie meinen Wünschen entspricht.

Biggi: Aber Isländisch ist Teil deiner Herkunft!

Högni: Ja, Isländisch ist tatsächlich Teil meiner Herkunft, aber ich habe eine englische Schule besucht und bin somit quasi zweisprachig aufgewachsen. Für mich als Schreiber ist es sehr wichtig, über Dinge zu schreiben, die ein Gefühl oder eine Erfahrung repräsentieren. Außerdem ist es ein Vorteil, sich über die Sprache anders zu positionieren zu können, sich selbst und seine Identität zur Seite zur nehmen und so eine Art Distanz zu schaffen. Das ist vielleicht der Grund, weshalb es mir gefällt, in beiden Sprachen schreiben zu können. Ich genieße es, beide Sprachen verwenden und dadurch etwas Neues, Innovatives erschaffen zu können. Ich glaube, es ist so ähnlich wie bei Jules Verne, der die abenteuerlichste Prosa von einem kleinen, geschlossenen Zimmer aus schrieb. Ich denke, das ist die Idee dahinter.

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Högni Egilsson

Eure Songs sind sehr sexy. Gab es schon einmal die Situation, dass ihr zusammen an Songs gearbeitet habt und euch dachtet: „Da muss noch mehr Sex rein?“

Biggi: Music ist ein Fest für mich. Für mich hat Musik sexy zu sein. Das ist ein wichtiger Teil von Musik.

Högni: Das ist ja eine nette Frage, eine außergewöhnliche Frage … Das ist einfach das freudsche Prinzip der Entstehung der Wörter. Die Wörter werden unterstützt, sind aber doch getrennt von der Idee der Sexualität. Wir haben diesen einen Song, der definitiv Sex thematisiert, nämlich „Obnoxiously sexual“. Dieser Song repräsentiert das, was du meinst – diese Art, wie Sexualität forciert und manipuliert wird, bis es in Aggression endet. Aber dennoch ist es auf jeden Fall ein sehr sexy Song, ja.

Biggi: Für mich ist es wichtig, eine körperliche Verbindung zu schaffen. Es muss einen durchfließen. Für mich ist das stark mit dem Tanz verbunden. Ich will, dass Musik mich bewegt, und diese Art, Musik zu machen, ist der einfachste Weg, physikalisch zu bewegen. Das ist der Tanz, die Musik, man fühlt die Erotik während des Tanzens, das gehört für mich zusammen. Unsexy Musik ist für mich keine Tanzmusik.

Das Video zu „Crossfade“ spielt zum Teil in einem Hallenbad. Passt eure Musik an öffentliche Orte? Wie würde es sich anfühlen, wenn eure Songs in einem Hallenbad gespielt werden würden?

Högni: In einem Hallenbad?

Ja, mit diesem netten Schwefelgeruch.

Högni: Ich mag diesen Schwefelgeruch.

Biggi: Man schafft eine Atmosphäre. Beispielsweise ist eine Stadt überfüllt von Musik und Kunst und dem allem. Und dann kommt einfach ein Künstler und hat in Downtown auf einer Straßenkreuzung Gras ausgelegt, Turntables und ein echt gutes Soundsystem aufgebaut. Er hat eine völlig neue Situation geschaffen und die Party war perfekt: Alle tanzten auf diesem Gras auf dieser Straßenkreuzung. Du kannst jede Situation nehmen und daraus ein Erlebnis machen.

GusGus weist erstaunlich viele Schnittpunkte zur Filmkunst auf. Der Name GusGus hat seinen Ursprung in einen Film, Daniels Name erinnert stark an einen deutschen Schauspieler, die filmische Qualitat z.B. von dem Video zu „Crossfade“ ist beeindruckend und er könnte genauso als Arthouse-Kunstfilm vorgestellt werden. Woher kommt dieser starke Bezug?

Biggi: Es hat mit diesem Film angefangen, ja. Aber diese starke Verbindung haben wir hauptsächlich durch President Bongo. Er ist Fotograf und arbeitete auch viel an Filmen und Videos. Das ist für ihn ein sehr wichtiger Punkt. Die Handlung des Songs „Crossfade“ ist sehr persönlich und direkt, das Video sollte dem entsprechen. Bei diesem anderen Song, „Mexico“, geht es viel um unsere Energie und unseren Lebensstil, das fließt da mit ein und sollte auch im Video erkennbar sein.

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Lieben Dank, Biggi und Högni, für das Gespräch.

Interview und Fotos: Julia Fromm