Im Gespräch: Tricky

Am 28. Mai erschien Trickys zehntes Studioalbum „False Idols“ (Label: „False Idols“ in Kooperation mit !K7 records). curt hatte die Gelegenheit, mit dem Trip-Hop-Pionier zu reden.

Gibt man „Trip Hop“ bei Wikipedia ein, landet man schnurstracks in Bristol. Achtgrößte Stadt Englands, einst Verkehrsknotenpunkt der Tempelritter, Heimathafen des britischen Downbeats. Ende der 80er – Hasselhoffs „Looking for freedom“ ist gerade erst vor der Berliner Mauer verhallt – findet sich hier das Künstlerkollektiv The Wild Bunch zusammen, schreibt ohne viel Trara, wie die Briten eben sind, ein paar Zeilen Musikgeschichte. Massive Attack gehören dazu, ebenso Portishead, Smith & Mighty und ein gewisser Adrian Thaws – besser bekannt als Tricky.

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Wer sich in den 90ern für Musik jenseits von Roxette, Billy Joel oder den Pet Shop Boys interessiert hat, wird „Hell is around the corner“ noch im Ohr haben. Mit dem wahrscheinlich bekanntesten Trip-Hop-Song überhaupt wurde Tricky über Nacht bekannt, etablierte sich mit seinen Alben „Angels with dirty faces“, „Blowback“ und „Vulnerable“ zum Downtempo-Pionier, nahm Tracks mit Björk, Alanis Morisette, Anthony Kidies, PJ Harvey, Neneh Cherry und Alson Goldfrapp auf. „Mixed Race“, seine letzte Platte, erschien 2010.

2013 ist ois neu: neues Album, neues Label, neue Attitüde. Sein zehntes Studioalbum „False Idols“ erscheint am 28. Mai 2013 auf seinem eigenen gleichnamigen Label. Wir durften ein Öhrchen riskieren und finden: weniger brettlhart als erwartet, dafür gewohnt rastlos-fiebrig, in bester Art und Weise melancholisch und wunderschön produziert. Ein Zuckerl für Fans von Kid Koala, Kruder & Dorfmeister oder The Herbalizer. Aber: Was war denn da los in den letzten drei Jahren? Und warum der Labelwechsel? Wir haben nachgefragt.

Sowohl dein neues Album als auch dein eigenes frisch gegründetes Label heißen „False Idols“. Was steckt hinter dem Namen?
Es geht um die „Fake Idols“ überall. Der ganze Hype um Celebreties heute ist einfach krank. Dass die Leute Elvis Presley, den ersten Pop-Star der Welt, damals vergöttert haben – das kann ich noch nachvollziehen. Das ist so lange her und war damals etwas total Neues. Und ich glaube, dass es Elvis auch nicht nur darum ging, so viel Kohle wie möglich zu scheffeln. Heute sieht die Welt ganz anders aus: Das Musikbusiness setzt so viel um wie die Waffenindustrie oder die Drogenindustrie, und zwar mit austauschbaren gecasteten Künstlern. Und diese Abziehbildchen, diese falschen Artists – das sind für mich „Fake Idols“.

Denkst du dabei konkret an jemanden?
Künstler ohne Rückgrat, die ganzen Sternchen aus der Klatschpresse. Kanye West zum Beispiel mit seinen Gucci-Handtaschen, der rumposiert, als käme er gerade von irgendeinem Laufsteg. Und das Schlimmste ist: Der Typ glaubt sogar noch an den Hype um seine Person! Das ist einfach widerlich. Oder Rihanna – wenn ich eine kleine Tochter hätte, würde ich ihr verbieten, sich Rihanna anzuhören. Erstens schafft sie es kaum, ihre Klamotten anzubehalten, und zweitens glaube ich nicht, dass sie ihre Karriere selbst bestimmt. Am Ende ist sie einfach nur eine Marionette, ein Geldautomat für ihr Label oder wen auch immer. Tragische Geschichte. Im Endeffekt tut sie mir leid.

Die großen DJs heute sind aber auch nicht besser …
Richtig – auch so ein Ding, das ich nicht verstehe. Wieso kommt jemand, der nichts weiter macht, als die Musik von anderen Künstlern aufzulegen, zu einem Rockstarstatus? Und hält sich dabei selber auch noch für Jesus persönlich? Musik aufzulegen ist ein Grundrecht, kein Talent. Was ist daran verdammt noch mal so cool und trendy? Kapier ich nicht.

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In einem anderen Interview hast du kürzlich gesagt, dass es bei„false idols“ darum ging, dich selbst wiederzufinden. Inwiefern hast du dich überhaupt verloren?
Das hatte mit meinem damaligen Vertrag mit Domino zu tun (Anm. d. Red.: Domino Records, das Londoner Label, auf dem Trickys letzten beiden Alben erschienen sind). Laurence, der Labelboss, hat mich dazu gedrängt, mit den falschen Leuten zu arbeiten. Ohne Namen zu nennen – es gab da diesen Typ, zufälligerweise auch ein DJ, der mich bei der Produktion meiner letzten Platte unterstützen sollte, ein schrecklicher Wichtigtuer, ein fucking Vampir. Ich fragte Laurence, „Wie soll der da mich denn bitte bei meiner Arbeit unterstützen?“, und der Kerl schaute mich an und meinte nur: „Ich hab eine Plattensammlung mit über 20.000 Scheiben.“ In dem Moment hab ich jeglichen Respekt vor Laurence verloren. Blöderweise hatte ich zu dem Zeitpunkt den Deal mit Domino schon unterschrieben, ich schuldete ihnen also zwei Alben. Also ging es die nächsten zwei Jahre so weiter. Anderes Ärgernis: Wir hatten einen Remix produzieren lassen. Ich fand ihn unglaublich schlecht, Domino wollte ihn trotzdem veröffentlichen – mit dem Argument, der Typ, der ihn gemacht hat, wäre „hot right now“.

Klingt nach einer madigen Situation.
Zwischen mir und Laurence war sehr schnell dicke Luft, er hat einfach keine Ahnung. Zum Beispiel war er nicht damit einverstanden, dass man bei einem meiner Tracks nicht jedes einzelne Wort verstehen kann. Ich hab Chris Blackwell (Anm. d. Red.: Labelchef, Freund von Tricky, Produzenten-Legende) gebeten, sich mit ihm zu unterhalten. Chris hat ihm erklärt, dass er selber damals, als er Bob Marley produziert hat, manche Wörter nicht verstanden hat. Aber nicht mal das hat Laurence überzeugt. Alles in allem hat mich diese Zeit echt fertig gemacht. Ich hab langsam, aber sicher angefangen, den Laden zu hassen. Keine Freude mehr an der Sache, keine Chance, meinen kreativen Instinkten zu folgen. Zum Glück hat sich das mit „False Idols“ alles zum Guten gewandt.

Dann hat sich ja eine ganze Menge verändert. Trotzdem hast du dich ausgerechnet für „Nothing’s changed“ als Vorveröffentlichung entschieden.
„Nothing’s changed“ war genau so wie „Does it“ nie als Single gedacht. Nach dem Motto „erst das Album fertig machen, dann die Singles“ arbeite ich heute gar nicht mehr. Da ist nichts in Stein gemeißelt. Wenn sich ein Track zu einer Single entwickelt, passiert das einfach als Teil des Arbeitsprozesses. Ich versuche gar nicht erst, das zu kontrollieren, das bringt nichts.

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Nneka?
Verschiedene Leute haben mich auf sie aufmerksam gemacht, also hab ich sie mir bei youtube angeschaut und war beeindruckt – nicht nur von ihrer Stimme, sondern auch von ihren Texten und ihrer Persönlichkeit. Für mich ist sie das Gegenteil von jemandem wie Mariah Carey oder J.Lo – sie zieht sich nicht für irgendwelche Zeitschriften aus, um erfolgreich zu sein, das hat sie nicht nötig. Ihre Stimme spricht für sich selbst.

Mit wem würdest du gerne zusammenarbeiten?
Kate Bush, Rakim, Kurt Cobain, Lemmy von Motörhead … kann auch jemand sein, der noch völlig unbekannt ist. Ich nutze meine Zeit in Berlin auch gerade, um nach deutschen Sängern Ausschau zu halten; ich würde gerne mal einen Track in deutscher Sprache produzieren.

Das Interview führte Julia Fell.


About Julia Fell

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Exilsaarländerin, in jungen Jahren nach England verpflanzt, über einen Zwischenstopp im beschaulichen Passau in München gelandet, um irgendwas mit Medien zu studieren. Will entweder für immer hier bleiben oder doch noch nach Amsterdam ziehen. Mag Reggae, Rap, spleenige Menschen, große Männer mit schönen Augenbrauen und großer Schnauze, Gruselstreifen, Stinkekäse, Biografien und flache Witze. Mag nicht, dass ihr ständig jemand eine Berufsunfähigkeitsversicherung andrehen will. Im 9-to-5-Leben Fotoredakteurin.