Im Gespräch:
Boris Kunz und
Nicholas Reinke

Verträumter Theaterautor trifft auf willensstarke Umweltaktivistin – am 25. Juli läuft die Münchner Liebeskomödie „Drei Stunden“ im Kino an. Im Mittelpunkt stehen dort die beiden Freunde Martin und Isabel, die sich erst dann ihre wahren Gefühle füreinander gestehen, als es eigentlich schon zu spät ist. Nächste Woche erzählen wir euch ein bisschen mehr über den Film, doch vorab dürfte ihr schon von den Leuten dahinter mehr erfahren, denn curt hat sich mit Regisseur Boris Kunz und Hauptdarsteller Nicholas Reinke getroffen.

Boris, du hast ja schon mehrere Kurzfilme gedreht. „Drei Stunden“ ist nun dein erster Langfilm. Kannst du uns etwas über seine Entstehungsgeschichte erzählen?
Boris: Ganz ursprünglich war das eine Kurzgeschichte, die ich so um die Abizeit geschrieben habe. Die habe ich lange Zeit mit mir rumgetragen und mir da schon relativ früh vorgestellt, das wäre doch vielleicht ein Abschlussfilmthema. Dann habe ich eine erste Drehbuchfassung geschrieben, die sehr lang war. Und ungefähr zu diesem Zeitpunkt hatte ich meinen Kurzfilm fertig, „Daniels Asche“ hieß der. Der lief dann ganz gut und hat ein paar Preise gewonnen. Und dann war der Gedanke von Khaled Kaissar, dem Produzenten des Kurzfilms, er würde gerne einen Langfilm mit mir machen. Er würde aber auch gerne sehr schnell drehen wollen. Und dann hab ich gesagt, dass es im Moment nur einen Stoff von mir gibt, der so weit ist, dass man bis zum kommenden Sommer eine Drehfassung hinkriegt. Und das war „Drei Stunden“.

Drei Stunden

Regisseur Boris Kunz

Als du die Kurzgeschichte seinerzeit geschrieben hast, war die dann auch biografisch geprägt? Das ist bei Liebesgeschichten ja immer naheliegend.
Boris: Ja, es gab einen autobiografischen Anlass, aber mir ist das selber jetzt nicht so passiert. Ich hab mich nur an einer Stelle gefragt: Was wäre, wenn ich jetzt jemandem zum Flughafen hinterhergefahren wäre? Was hätte dann passieren können? Ich meine, ist es nicht albern, dass das in Romantic Comedies immer so funktioniert? Man fährt ihr hinterher und sagt: „Ich liebe dich. Geh nicht!“ Und dann steigt sie wieder aus dem Flugzeug und sagt: „Okay, alles klar.“ Ich hab mir überlegt, was müsste passieren, damit das wirklich funktionieren könnte. Der Rest ist erfunden. Es stecken in den Details, gerade in der Persönlichkeit von Martin, aber noch viele persönliche Vorlieben von mir drin und persönliche Charakterzüge.

Der dann ja von Nicholas gespielt wird. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?
Nicholas: Ich glaube, dass es das Spannende an der Figur ist oder überhaupt an dem Film, dass es das Bild einer Generation ist, der alles offensteht und die sich entscheiden muss. Und ich glaube, das geht ganz vielen so. Leuten, die ich kenne, die ewig in so einem luftleeren Raum schweben und nicht wissen: Wofür soll ich jetzt kämpfen? Wo soll ich meine Energie reinstecken? Wo und wie findet man zum Beispiel ein Modell für die Liebe? Das ist ja auch ein schönes Modell, das wir da in „Drei Stunden“ gefunden haben: eine Liebe, die sich leben lässt, die auch diese Freiheiten erlaubt.

Ich denke, dass viele unserer Leser das ganz gut nachvollziehen können: Jetzt hat das Leben angefangen und was mach ich eigentlich damit? Was wären denn eure persönlichen Tipps für Leute in dieser Situation?
Nicholas: Nicht denken, machen! Das ist jetzt tatsächlich ernst gemeint. Ich versuche das auch immer zu beherzigen. Weil dieses Grüblerische, dieses zu viele Nachdenken, das führt zu nichts. Du bleibst dann in deinem Kämmerlein und die Frau wird nie von dir erfahren, wenn du nicht auf sie zugehst und sie auf dich aufmerksam machst.
Boris: Ich hab da jetzt gar nichts Kluges hinzuzufügen.
Nicholas: Ach, komm schon Boris, du bist viel klüger als ich.
Boris: Man könnte natürlich den Rat geben: Glaube an deinen Traum, bleib dabei, halte daran fest. Das kann ja auch funktionieren. Bei mir ist das ja ähnlich wie bei Martin: Man ist nicht mehr in seinen 20ern, wenn man seinen ersten Langspielfilm macht. Wenn man zu früh aufgegeben hätte, dann hätte man es gar nicht geschafft. Auf der anderen Seite glaube ich aber auch, man kann sich verrennen, wenn man zu sehr, zu strikt an einem bestimmten Weg festhält und man meint, links und rechts gibt es nichts Anderes. Deswegen sage ich, man sollte seine Träume schon ernst nehmen, man sollte aber auch nicht aus den Augen verlieren, was sich so ergibt.

Apropos Träume, du lässt Martin in „Drei Stunden“ immer wieder in seiner Vorstellung Gespräche mit Gott führen. Wie bist du darauf gekommen?
Boris: In einer ziemlich frühen Drehbuchfassung war Martin nicht nur Theaterregisseur und Autor, sondern hat auch Kleinkunst-Cabaret-Comedy-Sachen gemacht. Der Film wäre dann mit einer Nummer losgegangen, wo er ein fiktives Gespräch mit Gott führt. Deswegen hatte mal jemand die Idee, ob es nicht spannender wäre, Gott zu dem Erzähler der gesamten Geschichte zu machen. Dann habe ich eine Zeit lang mit diesem Gedanken gespielt, fand es aber interessanter zu sagen, Gott wird wie eine Projektion von Martin behandelt. Wenn der mit seinem Schicksal hadert und denkt, warum muss mir das jetzt passieren, dann kommt die andere Stimme und sagt: Mein lieber Freund, eigentlich bist du das, der jetzt was machen muss, und du kannst nicht immer alles aufs Schicksal schieben.

Drei Stunden

Hauptdarsteller Nicholas Reinke alias Martin spricht mit Gott.

Das passt dann jetzt auch zu der Lebenseinstellung: Jetzt mach mal!
Nicholas: Stimmt, das habe ich auch gerade gedacht. Loslegen, loslegen! Es gibt immer so viele Gründe, an sich zu halten. Man kann so viel falsch machen und wird dann vielleicht sogar dafür bestraft von der Presse oder von Freunden, sogenannten. Es birgt ja auch eine Gefahr in sich, rauszugehen in die Welt, weil man dann womöglich etwas von sich preisgibt, was nicht allen gefällt. Aber diese Reibungen, das Leben, das ist Lust, oder? Das lohnt sich total immer wieder, wenn man eins auf die Schnauze kriegt.

Und wo lässt du dir als nächstes eins auf die Schnauze geben? Gibt es noch weitere gemeinsame Projekte?
Nicholas: Wir schreiben tatsächlich gerade ein Buch zusammen. Wir wollen ehrgeizigerweise Ende Juli unsere erste Drehbuchfassung fertig haben. Das ist total schön, dass die Zusammenarbeit weitergeht. Dieses Mal bin ich auf Boris zugegangen mit einer Idee und er konnte sich dafür begeistern. Danach konnten wir auch den Produzenten Khaled Kaissar begeistern, der auch diesen Film gemacht hat. Und jetzt wird es langsam ernst. Wir arbeiten jetzt schon wieder seit einem Dreivierteljahr daran.

Worum soll es denn diesmal gehen?
Nicholas: Erklär du das, das kannst du besser.
Boris: Darf man das denn schon verraten?

Ihr müsst ja nicht mit dem Ende anfangen …
Boris: Es ist eigentlich wieder eine Liebeskomödie, eine Ensemblekomödie. Und es ist der Versuch, eine Working Class Comedy und eine Romantic Comedy miteinander zu verschmelzen. Es geht ganz grob um einen Manager, der abstürzt und sich in der Küche von einem Fast-Food-Restaurant durchschlagen muss, aber dort jemanden kennenlernt.
Nicholas: Diesmal liegen die biografischen Wurzeln bei mir, denn ich habe anderthalb Jahre bei einer bekannten Fast-Food-Kette gearbeitet, um meine Reise nach Brasilien zu finanzieren nach dem Abi. Und daher habe ich viele Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen. Und ich fand es einen idealen Ort, um die verschiedensten Figuren aus den verschiedensten Kulturkreisen zusammenzuführen. Man braucht nicht in ein anderes Land zu gehen, um einen Kulturschock zu bekommen. Da reicht es, in einem Fast-Food-Laden zu arbeiten.
Boris: Das war auch der Moment, in dem er mich überzeugt hat, als er die Leute beschrieben hat, die da so arbeiten, und ich merkte, das wird ein ziemlich witziges Ensemble.

Und wann soll das fertig werden?
Nicholas: Lieber früher als später. Zum Glück haben wir in Khaled Kaissar einen besonders ungeduldigen Produzenten, der lieber gestern als heute dreht. Das wäre mir auch am liebsten, aber Boris ist ein seriöser Filmemacher und er möchte, dass ein guter Film dabei rauskommt.
Boris: Kommt immer darauf an, ob man die Möglichkeit hat, sich ein paar Wochen richtig aufs Schreiben zu konzentrieren. Im Moment ist es so, dass wir viel mit den Vorbereitungen des Kinostarts von „Drei Stunden“ zu tun haben und die Zeit daher knapp ist.
Nicholas: Wir müssten jetzt eigentlich sitzen und schreiben.

Ich lass euch ja auch bald gehen.
Boris: Also ich würde sagen, es ist realistisch, einen Drehstart für 2014 anzupeilen. Das ist sportlich, aber machbar.

Hört sich gut an. Und wenn ihr fertig seid, treffen wir uns wieder hier für das nächste Doppelinterview.
Nicholas: So machen wir das!

Das Interview führte Oliver Armknecht.
Fotos: Arvid Uhlig Photography