Im Gespräch: Hundreds

Mitte März erschien nach vierjähriger Wartezeit endlich das neue Album des Hamburger Duos Hundreds. Was euch auf „Aftermath“ erwartet, haben wir euch schon in unserer Review erzählt. Aber warum hat es eigentlich so lange gedauert? Und wie ist das überhaupt, als Geschwister zusammen die Indieszene aufzumischen? Um das zu erfahren, haben wir uns vor ihrem Münchner Konzert kürzlich mit Sängerin Eva Milner getroffen.

Für unsere Leser, die euch vielleicht noch nicht kennen: Könntest du uns ein bisschen was über eure Entstehungsgeschichte erzählen? So ganz alltäglich ist es ja nicht, wenn zwei Geschwister zusammen eine Band gründen.

Uns gibt es als Band seit 2008. Wir haben aber schon viel früher zusammen Musik gemacht, weil wir zu Hause alle sehr musisch sind. Philipp ist dann ausgezogen, da war ich so zwölf und hat angefangen Musik zu studieren. Ich habe ihn dann irgendwann in Weimar besucht, als er sein erstes kleines Studio hatte, und wir haben ein Lied zusammen produziert. Philipp hatte vorher schon mit vielen anderen Sängern und Sängerinnen gearbeitet, dann aber festgestellt, dass die Resonanzen auf die Sachen, die er mit mir gemacht hat, am positivsten waren. Und er wollte dann immer gern ein Projekt mit mir starten. Ich hab dann aber ewig gebraucht, um mich dazu durchzuringen, weil ich mir das auch nicht zugetraut habe. Und irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich dachte, wenn ich es jetzt nicht ausprobiere, dann ärgere ich mich. Also haben wir eine EP mit fünf, sechs Liedern aufgenommen. Und danach ging es los.

Wie seid ihr dann auf den Namen Hundreds gekommen?
Das war eine komische Geschichte. Wir waren damals auf der Suche nach einem Bandnamen und ich wollte unbedingt etwas aus der griechischen Mythologie verwenden, weil ich mich damit gerade beschäftigt hatte: Iokaste. Ich fand das damals tierisch gut, Philipp war das aber zu hochgestochen. Ich hab dann diesen Traum gehabt. In dem Traum sind Philipp und ich auf einer Wiese im Wald bei unserem Elternhaus und spielen ein Spiel. Irgendwann haben wir angefangen, uns zu vervielfachen und die Wiese war plötzlich voll mit lauter Philipps und lauter Evas. Und davon habe ich ihm erzählt und gesagt, wir waren Hunderte. Eine halbe Stunde später rief er wieder an und meinte nur: Hundreds!

Du hast ja gemeint, dass die Resonanz auf eure gemeinsamen Projekte besonders positiv war. Ist es denn leichter oder schwieriger, mit Geschwistern Musik zu machen?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich hab bislang ja nur mit Philipp solche Projekte gemacht. Vorher hatte ich ja nie eine Band. Doch, halt, mit 17. Aber das zählt nicht. Ich glaube schon, dass es als Geschwister einfacher ist, weil man sich anders aneinander abarbeiten kann und die Basis viel stabiler ist als bei Leuten, die nur befreundet sind. Wenn es nämlich Verschiebungen gibt, die Band wird größer oder es geht irgendwie ums Geld, wird es schnell problematisch. Und da muss man sich schon dicke sein oder auch eine dicke Haut haben.

Dein Bruder ist ja deutlich älter. Kommt es dann nicht vor, dass er sich auch wie ein solcher verhält? Traut man sich als kleine Schwester, ihm dann überhaupt zu widersprechen?
Das klingt jetzt immer so harmonisch, aber Philipp ist ja schon lang Berufsmusiker und ich hab von seinen Erfahrungen wahnsinnig profitiert. Am Anfang, aber auch jetzt. Ich denke schon, dass wir eine Freundschaft auf Augenhöhe haben. In manchen Dingen bin ich bestimmend, wenn es um organisatorische Dinge geht. Und bei musikalischen Dingen hat er einen besseren Blick und ich vertraue ihm da völlig. Deswegen ist das so ein Geben und Nehmen.

Kommen wir zum zweiten Album. Es hat ja jetzt doch eine ganze Weile gedauert, bis es rausgekommen ist.
Ja, das sagen alle. Wir waren erstmal zwei Jahre auf Tour. Und damit hatten wir einfach nicht gerechnet, dass wir so lange auf Tour sein würden. Dadurch haben wir ein bisschen aus dem Auge verloren, dass man ja eigentlich schon ans nächste Album denken sollte. Wir mussten dann eigentlich wieder von vorne angefangen und tief graben, um wieder an unsere Ressourcen und das Kreative-Schöpferische ranzukommen. Und deswegen hat es so lange gedauert. Wir haben uns aber auch viel Zeit gelassen und 18 Monate an dem Album gearbeitet. Wir sind also vielleicht insgesamt auch ein bisschen langsam.

Hattet ihr denn keine Angst, so lange zu warten? Gerade nach dem Debütalbum heißt es ja, dass man möglichst schnell das zweite hinterherschieben sollte.
Das ist Quatsch, wirklich. Ich hab das jetzt so oft gehört. Diese Angst vorm zweiten Album zu schüren, die finde ich aber ganz fatal. Ich würde jeder Band raten: Nehmt euch die Zeit. Wenn wir ein Jahr später direkt nachgeschoben hätten, hätte es glaube ich auch viel zu ähnlich geklungen. Da wäre überhaupt keine Fortentwicklung zu hören im Vergleich zum ersten Album. Deshalb war das gut mit der Pause, denn jetzt gibt es auch wirklich eine Entwicklung zu hören. Das finde ich so viel spannender.

Wie unterscheidet sich denn für dich das zweite Album vom ersten?
Wir haben uns vorher so einen kleinen Plan gemacht, wo es vom Sound her hingehen soll. Aber es ist dann total anders geworden. Es ist viel organischer und aufgeräumter geworden. Zumindest die erste Hälfte ist viel klarer irgendwie. Und das hat uns selber am Anfang auch überrascht. Wo kommt auf einmal das Organische her? Das klingt ja fast wie Folk! Was machen wir jetzt damit? Wir haben dann versucht, sie zu elektronifizieren, aber die Songs wollten bleiben, wie sie sind.

Und wie seid ihr dann auf den Titel des Albums gekommen, als es fertig war? Worauf bezieht sich „Aftermath“?
Aftermath heißt ja Nachhall, Nachwehen und das kann man positiv oder negativ deuten. Für mich ist es etwas Positives. Es ist viel passiert, es ist Großes passiert und wir werten jetzt die Ergebnisse aus. Und daraus bauen wir uns was Neues, eine eigene Welt. Das Titellied habe ich geschrieben über eine Kindheitsfreundschaft von mir. Da meint Aftermath in dem Zusammenhang, dass man als Erwachsener nicht mehr den Zugriff hat auf diese fantastischen Welten, die man als Kind noch im Kopf hat. Und ich habe versucht, durch den Song dieses Kindheits-Ich wieder aufzurufen und diese Welt von damals auf das Jetzt zu beziehen.

Ist das dann mit einem Bedauern, weil du nicht mehr zurück kannst? Oder geht es um das, was noch geblieben ist?
Was geblieben ist. Ich sage aber auch: Ich sehe die Schatten unserer kleinen Selbste von damals durch den Wald laufen. Was ich hier sehe und empfinde, kann ich nicht mehr in Worte fassen, weil ich erwachsen geworden bin. Ich habe das Gefühl noch, kann es aber nicht mehr richtig erklären. Und damals musstest du es nicht erklären. Denn es war ja nur ein Spiel, eine Welt, in der man gemeinsam gelebt hat. Diese Welt wollte ich wieder zurückholen.

Herzlichen Dank, Eva, für das Gespräch.
Das Interview führte Oliver Armknecht.