Gehört: Hope Sandoval and the Warm Inventions – Until the Hunter

Nein eilig, sollte man es bei Hope Sandoval grundsätzlich nicht haben. Aus mehreren Gründen. 1. Es vergehen oft Jahre, bevor was Neues kommt. Bei ihrer Hauptband hieß es 17 (!) Jahre warten, bis Longplayer Nummer vier kam, bei ihrer Zweitbeschäftigung mit den Warm Inventions waren es immerhin noch 7 Jahre. 2. Ihre Lieder sind oft so langsam, dass man das eigene Leben am inneren Auge vorbeirauschen sieht. 3. Es braucht viel Geduld, um die vielen Feinheiten in sich aufnehmen zu können, die sich in den Klangteppich hineinschleichen.

Nehmen wir einmal „Into the Trees“, mit dem Sandoval und ihr Bandkollege Colm Ó Cíosóig – hauptberuflich Drummer bei My Bloody Valentine – ihr drittes Album beginnen. Ganze neun Minuten ist es lang. Nicht weil es so lang sein muss, sondern weil es so lang sein will. Wie ein Nebel zieht die Stimme der Kalifornierin durch die düsteren Wälder, mysteriös, unheimlich, hypnotisch, wiederholt ständig „I Miss You“. Dazu gibt es fremde Töne aus einer anderen Zeit, oder besser aus einer zeitfreien Zone, in der Orgelklänge und Naturgeister sich die Hand geben. Nein, der Jäger aus dem Titel ist keiner, der durch das Dickicht rennt. Er ist das Dickicht.

Manchmal aber auch eine Sirene: Besonders bei „Salt of the Sea“ oder dem mehr gesprochenen denn gesungenen „A Wonderful Seed“ fällt es nicht schwer, sich die Sängerin vorzustellen, wie sie sich auf einem Felsen räkelt und mit ihrer lasziv-verführerischen Stimme die Männer gleich dutzendweise ins Unglück lockt. Dabei ist „Until the Hunter“, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, alles andere als finster. Vielmehr lädt das Duo zu countryähnlichen Stücken erneut zum Träumen ein, dazu die Vorhänge zuzuziehen, die Welt da draußen erst einmal zu vergessen. Das wunderschöne „Let Me Get There“ beispielsweise, ein Duett mit Kurt Vile, schenkt uns die letzten warmen Sonnenstrahlen, wenn längst keine Sonne mehr da ist. Und auch „The Peasant“ sowie besonders „Treasure“, das dem eigenen Titel alle Ehre erweist, sind tröstliche Erinnerungen daran, dass das Leben immer weiter geht, fernab vom hektischen Alltag. Wenn nicht hier, dann an einem anderen Ort, der nur in uns existiert, nur uns selbst gehört.

Das ist tendenziell natürlich eher gleichförmig, allein schon weil das Tempo der Lieder zwischen gemächlich, langsam und nicht existent herumschleicht. Das soll nicht bedeuten, dass „Until the Hunter“ langweilig wäre, denn innerhalb dieses Rahmens experimentiert das Duo durchaus. Die eigenartigen Geräusche zum Ende in „The Hiking Song“ etwa oder die Klatschpassagen im mitreißenden „I Took a Slip“, das sicher nicht zufällig an das großartige „Paradise Circus“ erinnert, welches Sandoval vor einigen Jahren mit Massive Attack aufgenommen hat. Einen vergleichbaren Ausnahmetitel wird man hier bei den elf Tracks eher nicht finden, da The Warm Inventions über weite Strecken auf eindeutig identifizierbare Melodien verzichten. Von Ohrwürmern ganz zu schweigen. Das Album wird man deshalb auch kaum rauskramen, um sich einzelne Lieder anzuhören. Vielmehr ist es ein ruhiger wie ungewöhnlicher Begleiter, dem man sich im Ganzen annähern und – langsam natürlich – in seinen vielen Details immer besser kennen- und schätzen lernen sollte.

Hope Sandoval & the Warm Inventions „Until the Hunter“// Tendril Tales/Rough Trade//VÖ: 3. November 2016
> Homepage