Im Kino: Grigris’ Glück

Wer den gehbehinderten Grisgris (Soulémane Démé) durch die Straßen von N’Djamena schlurfen sieht, würde kaum glauben, welch begnadeter Tänzer der 25-Jährige ist. Doch Geld macht er damit kaum, zumindest nicht genug, um die Krankenhauskosten seines Stiefvaters bezahlen zu können. Als seine Versuche scheitern, mit ehrlicher Arbeit Behandlung und Medikamente zu finanzieren, beginnt er, für den örtlichen Gangster-Boss Moussa (Cyril Guei) Benzin zu schmuggeln. Das geht anfangs gut, bis sich Grisgris entschließt, Moussa zu betrügen, womit er nicht nur sich, sondern auch die Prostituierte Mimi (Anaïs Monory) in Gefahr bringt, mit der er sein ganz persönliches Glück sucht.

Glück? Wer basierend auf dem Titel in dem französisch-tschadischen Film danach sucht, der muss sehr lange warten. Immer wieder wird es angedeutet, nur um dann doch wieder in unschöner Regelmäßigkeit diese Erwartung zu kassieren. So sehen wir anfangs, wie Grigris über die Tanzfläche wirbelt, fast schon wie ein Star wirkt. Doch der traurige Alltag, der wird danach gezeigt: Keiner will den Mann mit dem lahmen Bein einstellen, der Krüppel ist ein Außenseiter der Gesellschaft. Und das gilt dann auch für Mimi, die schöne junge Frau, die nachts für andere die Beine breit macht und dafür gleichzeitig begehrt und verachtet wird.

Auch darin deutet sich das Glück an, zwei einsame Menschen, die zueinander finden. Ein seltenes wäre das natürlich nicht, vergleichbare Konstellationen haben wir schon oft genug in Filmen gesehen. Das mag man nun gut oder schlecht finden. Loben, dass Regisseur und Drehbuchautor Mahamat-Saleh Haroun universelle Charaktere geschaffen hat, die auf der ganzen Welt verstanden werden und dem Leben in Afrika eine Allgemeingültigkeit über Länderklischees hinaus verleihen. Aber eben auch schade finden, dass „Grigris’ Glück“ recht wenig Eigenfarbe besitzt und die Besonderheiten von Tschad so nie herausgearbeitet werden.

Unabhängig von dieser Frage ist „Grigris’ Glück“ aber durchaus ein sehenswertes Drama geworden, welches zeigt, wie weit Menschen aus Verzweiflung gehen. Der Film selbst handelt diese Frage völlig unspektakulär ab, geradezu spröde, verzichtet etwa auf theatralische Musik oder große Gefühlsausbrüche. Auch die Behinderung, sonst gerne als Anlass für Hardcorekitsch genutzt, ist hier eher eine Nebensache. Stattdessen konzentriert sich Haroun völlig auf seine Figuren, lässt sie ihre täglichen Kämpfe ausfechten, ohne sie dabei über Gebühr zu glorifizieren.

Das wiederum, in Zusammenarbeit mit der überzeugenden Leistung von Nachwuchsdarsteller Souleymane Démé, gibt dem Film die Authentizität, die er braucht. Bekannte Situation hin, diverse Klischees her – man nimmt „Grigris’ Glück“ tatsächlich die Geschichte ab, von zwei Menschen, die auf der Suche nach Glück zu Verlierern wurden. Das ist jetzt weniger Stoff für die Menschen, die im Kino Unterhaltung oder Aufmunterung suchen. Aber auch wer sich bei Filmen gern die Augen aus dem Leib weint, wird hier nicht sein Glück finden. Vielmehr hält sich Haroun irgendwo im riesigen grauen Bereich dazwischen auf, der das Leben zu dem macht, was es ist.

Fazit: Ein Behinderter verliebt sich in eine Prostituierte, das ist der Stoff, aus dem Sozialkitsch gemacht wird. „Grigris’ Glück“ verweigert sich dem jedoch, nimmt die bekannten Figuren, um auf eine ruhige, unspektakuläre Weise die universale Geschichte zweier Menschen zu erzählen, die auf der Suche nach dem Glück zu Verlierern wurden.

Wertung: 7 von 10

Regie: Mahamat-Saleh Haroun // Darsteller: Souleymane Démé, Anaïs Monory, Cyril Gueï // Kinostart: 9. April 2015