Gehört: The Big Yellow Taxi

Es gibt dieses Gerücht, dass Gourmetköche am liebsten Currywurst oder Burger essen. Weil es sie erdet, ihnen zeigt, was auf der Zunge wirklich zählt, und sie zurückführt zu ihrem Motiv, weshalb sie das tun, was sie eben tun: den Gaumen verwöhnen und den Hunger stillen. Für Musiker gilt im Grunde genau das Gleiche: die Burger in Form der Rolling Stones und die Currywurst in Form der Beatles. Fünf passionierte Jazzer aus München und Umgebung haben sich jetzt der Currywurst angenommen – auf ihre ganz eigene Art und unter dem Namen Big Yellow Taxi.

Zugegeben, ein bisschen bin ich seit einigen Jahren verliebt in Lisa Wahlandt. Was die Sängerin mit der zarten, gehauchten Stimme musikalisch anfasst, wird für mich zu einem Stück Geborgenheit in vielen meiner Playlists. Die Gelassenheit, mit der sie der Musik entgegentritt, nimmt dem Zuhörer jegliche Angst, womit sie Meisterwerke der Musikgeschichte immer wieder aufs Neue auf Augenhöhe mit ihrem Publikum bringt, ohne dabei jedoch das Niveau der Stücke herunterzuschrauben. Die Musik wird greif-, spür- und erlebbar – ganz egal, ob sie mit ihrem Projekt „Marlene“ Songs von Marlene Dietrich in Drum ’n’ Bass verpackt, Green Day und TLC unplugged miteinander tanzen lässt oder angestaubte Weihnachtslieder frisch vor sich hin swingen lässt.

Gemeinsam mit dem Münchner Bassgestein Thorsten Soos, Schlagzeuger Stephan Staudt, Keyboarder Helmut Sinz und Saitengott Kurt Härtl an der Gitarre hat sich Lisa Wahlandt jetzt die Beatles und die – trotz unzähliger Coverversionen in der breiten Bevölkerung immer noch viel zu unbekannte – Sängerin Joni Mitchell vorgenommen. Deren einstiger Hit „Big Yellow Taxi“ dient daher auch als Band- und Albennamen sowie als Inspiration für die einzige Eigenkomposition des Albums, einer wunderschönen R ’n’ B-/Acid-Jazz-Nummer, die der allzu beatverwöhnte Durchschnittshörer aber wahrscheinlich als Fahrstuhlmusik abtun könnte.

Die Beatles dagegen fasst die Band zwar mit mindestens ebenso viel Respekt, dafür jedoch ohne Scham an: „Eleanor Rigby“ (vom vielleicht besten Beatles-Album Revolver) wird zum Tango, der „Norwegian Wood“ ist endlich so verträumt, wie man ihn sich immer vorgestellt hat, „Get Back“ rutscht tief in den Südstaaten-Country und „Come Together“ groovt zum ersten Mal seit sicherlich drei Jahrzehnten wieder zeitgemäß, ohne dabei anbiedernd zu wirken. Und ja, sogar das unsägliche „Yellow Submarine“ verliert in einer beinahe überstrapaziert gelassenen Jazzversion seinen Wiesnhit-Charme – bis plötzlich ein Volksmusik-Intermezzo unmissverständlich darauf hinweist, dass auch die größten Komponisten der Welt nicht vor dem Missbrauch ihrer Werke sicher sein können.

Eine winzig kleine Portion musikalischer Offenheit braucht man sicherlich für dieses Album – die Anmut eines Musiker-Projekts bekommt die Band (glücklicherweise) nicht los. Die Gefahr, dass man sich genauso in Lisa Wahlandts Stimme verliebt, wie ich das bereits vor langer Zeit getan habe, ist jedoch durchaus gegeben. Aber das ist auch gut so.

Big Yellow Taxi – Big Yellow Taxi // VÖ: 14. Februar 2012 // Label: Nasswetter Music Group

TEXT: Sebastian Klug


About Melanie Castillo

view all posts

curt München Art Direktion, Redaktionsleitung & Master of Self-Exploitation.