Gehört: Bob Dylan – Tempest

Folget dem Meister! Zugegeben, als Kritiker das neue Album des 71-jährigen Bob Dylan mit dem Titel eines seiner frühen Hits „Forever young“ zu bezeichnen, klingt schon sehr banal. Nur: Es stimmt halt.

Da kehrt ein durch alle Stürme der Folk- und Rockmusik des 20. und 21. Jahrhunderts gesteuerter Haudegen in seinen musikalischen Heimathafen zurück. „Tempest“, Sturm, heißt das neue Dylan-Werk, und darauf präsentiert sich His Bobness musikalisch so uramerikanisch, als würde er einen Tanztee für die Mitglieder der erzkonservativen Tea Party bespaßen. Walzer, Country Swing, Folk, Muddy-Waters-Anklänge: Dylan hat auf „Tempest“ das Repertoire seiner musikalischen Mensch- und Künstlerwerdung an Bord.

Aber, großes Aber: Bob Dylan ist halt vor allem der große Geschichtenerzähler. Und so taucht er auf „Tempest“ in die dunkle, oft lichtlose Tiefsee des Menschseins ab. Tod, Reue, Verlust, unwiederbringlich verpasste Chancen – die ganzen Enttäuschungen eines Lebens besingt er mit seiner verlebten, abgeschabten Stimme, und das mit so viel Gelassenheit und Milde und zärtlicher Distanz …

Das Zentrum, um das das Album kreist, ist der Titelsong „Tempest“ – ein fast 14 Minuten langer Walzer über den Untergang der Titanic. Da trifft er den ganz, ganz großen Ton: Hier tanzt einer am Abgrund des Lebens, wohl auch seines eigenen. Groß und episch auch „Roll on John“, eine epische, warmherzige Hommage an John Lennon. Oder das düster-prophetische „Scarlet Town“, das die allgegenwärtigen Dylanologen mal mit Shakespeare, mal mit einer Ballade aus dem 18. Jahrhundert und mal mit dem Klassiker der amerikanischen Literatur Nathaniel Hawthorne in Verbindung bringen.

Fakt ist: Das gesamte Album ist gespickt mit literarischen, musikalischen, historischen Zitaten, die sich durch Bob Dylans Genie und Altersgelassenheit in einen bewegenden, nachdenklichen, mitreißenden Sturm verwandeln. Durchtränkt von Zartheit, Mitgefühl, Demut.

„Ich wollte ein religiöses Album machen“, sagt Dylan. Er besingt auf „Tempest“ seine eigene Religion. Trust him. Follow him. He knows.

Bob Dylan: Tempest // Label: Columbia/Sony // VÖ: 10. September

TEXT: ROBERT PFAFFENZELLER