Gehört: Tess Parks – Blood Hot

Es gab eine Zeit Mitte bis Ende der 90er, als gefühlt jeden Tag eine neue junge Dame mit Gitarre in der Hand in den Himmel gelobt wurde. Kaum war der Hype vorbei, sind die meisten aber wieder in der Versenkung verschwunden, was in manchen Fällen schade ist und in anderen … weniger. Selbst die ganz großen Namen aus dieser Phase – Alanis Morissette, Jewel oder Sarah McLachlan – gehören heute zu der Kategorie „ferner liefen“. Wenn in diesem Umfeld neue Künstlerinnen noch auf sich aufmerksam machen wollen, dann sollten sie schon besser etwas wirklich Neues zu bieten haben.

Die gebürtige Kanadierin Tess Parks hat das auf ihrem Debüt nicht. Im Gegenteil: Recht offensichtlich orientiert sie sich an diversen großen Namen von einst. Opener und erste Single „Somedays“ weckt schon Erinnerungen an Liz Phair. Die junge wohlgemerkt, bevor die den Popgloss für sich entdeckte. Zurückhaltende Stimme, leicht nölend, ein langsames Tempo, das später vor allem durch das Schlagzeug an Kraft gewinnt. Dass im dazugehörigen Video abgegriffene Bücher, ein alter Röhrenfernseher und eine Schreibmaschine zu sehen sind, passt wie die Faust aufs Auge.

Im Verlauf der weiteren zehn Lieder verschiebt sich die Musik jedoch etwas, hin zu Mazzy Star, wenn nicht sogar Velvet Underground und Nico. Das heißt im Klartext viel psychedelischer Rock und Shoegazing, was sich mal nach Garage, dann wieder nach Westernbar anhört, in der sich spät nachts noch ein paar Besoffene zusammengefunden haben. Gitarren und Schlagzeug, mehr Instrumente kommen hier eigentlich nicht vor. Außer man zählt die Stimme dazu, denn die ist zwar kräftiger und rauer als bei Hope Sandoval, bleibt aber tendenziell im Hintergrund.

Das sorgt zwar für eine Menge Atmosphäre, führt aber auch dazu, dass die Musik auf „Blood Hot“ schon zu sehr aus einem Guss wirkt. Tempowechsel, mehr Variation beim Singen, andere Stimmungen, vielleicht auch mal andere Instrumente – all das hätte dem Album schon gut getan. Größtes Problem ist aber, dass einem bis auf „Somedays“ nur wenige Melodien nach dem Hören zurückbleiben. Ausfälle nach unten gibt es zwar keine, aber eben auch keine Ausbrecher nach oben, echte Höhepunkte, die irgendwie hervorstechen.

Ein stimmungsvolles Debüt ist Tess Parks dennoch gelungen, Talent zeigt die Wahllondonerin immer wieder. Wer sich also mal wieder gepflegt und auf etwas anderen Sphären in die Nacht verabschieden möchte, kann sich hier gut treiben lassen, so wie im vorletzten Track „Life Is but a Dream“.

„In a row boat sailing on the sand

I pretend to see the sky and I can

humming slowly to myself

life is but a dream“

Für ein eventuelles zweites Album bleibt aber zu hoffen, dass dort die einzelnen Lieder stärker für sich selbst stehen können.

TEXT: OLIVER ARMKNECHT


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