Gehört: Lee Bannon – Alternate/Endings

Wie sagt man doch so schön: „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ Und das gilt natürlich auch für Musik. Wenn einem auf einer Party jemand sagt, er höre eigentlich alles, ist das meistens ein Zeichen dafür, dass sich ein Gespräch über dieses Thema nicht wirklich lohnt. Wie auch, wenn der andere weder Vorlieben, noch Abneigungen hat? Dabei macht es doch so viel Spaß, schlechte Musik und bestimmte Stile zu hassen! In meinem Fall Schlager. Oder theatralische Weltuntergangsschnulzen. Oder auch Hip-Hop. Wenn ich das musikalische Jahr damit beginne, ausgerechnet das Album eines Hip-Hoppers vorzustellen, ja mehr noch, es sogar ausdrücklich zu empfehlen, dann nur aus einem Grund: „Alternate/Endings“ von Lee Bannon ist verdammt cool.

Ursprünglich als Producer bekannt, lässt der Mann aus New York auf seinem eigenen Album seiner experimentellen Ader freien Lauf, kombiniert altehrwürdigen Jungle mit futuristischen Klängen und viel Stimmungsmusik. Das wirkt etwa so, als hätten sich die frühen Massive Attack mit Delerium zusammengetan – bevor Letztere entdeckten, dass man mit Pop und weiblichen Stimmen viel mehr Kohle machen kann als mit finsterem Ambient –, ihre Stile zusammengeschmissen und dabei The Prodigy gehört. Wie beim Opener „Resorectah“: Drum Machines in Endlosschleifen, ein Dauerfeuer aus Stimmen und Sprachfetzen, treibende Rhythmen. Aber zwischendurch eben auch ruhige Passagen, eine Verschnaufpause, in denen der Sound sich öffnet und den Blick freigibt auf weite Klanglandschaften .

Beim zweiten Lied „NW/WB“ kommen plötzlich Sirenen hinzu und spätestens bei Track Nummer drei „Prime/Decent“, wenn sich die Vocals in einem Echo verlieren, entfaltet „Alternate/Endings“ seine enorme Sogkraft: chillig, sphärisch, geradezu hypnotisch. Aber nicht harmlos. Alles, nur nicht harmlos. Selbst in den ruhigen Momenten haftet dem Album etwas Düsteres an, Bedrohliches. Wenn bei „Value 10“ die Beats später abgewürgt werden, dann hat das sicher nichts Beruhigendes an sich. Und die verzerrten Passagen von „Phoebe Cates“ hätten auch den Soundtrack für eine Neuauflage von „Twilight Zone“ liefern können.

Allgemein ist „Alternate/Endings“ mehr Stimmung, weniger eine Ansammlung von Liedern. Trotz des Variantenreichtums innerhalb der 13 Tracks wird man nur wenige davon gezielt anspielen, was sicher auch daran liegt, dass kaum gesungen wird, dann schon eher gesprochen. Als hätte man Ansprachen aus dem Radio hineinkopiert. Wenn doch Gesänge zu hören sind, dann sind sie meist wortlos und verschmelzen mit den Instrumenten zu einem Fluss. Besser funktioniert das Album daher, wenn man es in Gänze hört und sich von den treibenden Klängen mitreißen lässt. Klänge, wie sie eigentlich in Clubs gehören würden, wenn die Nacht die Zeit längst vergessen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lee Bannon dort gespielt wird, ist zwar recht gering, und auch Konzerte in München sind derzeit keine geplant. Immerhin darf man sich aber noch bis zum 13. Januar das Album HIER schon mal im Stream anhören.

Und wer dann noch nicht genug hat, darf auf die glückliche Hand unserer Gewinnspielfee hoffen. Denn zum Release verlosen wir 2 Exemplare des Albums. Schickt uns eine E-Mail mit Namen, Adresse und Betreff „Lee Bannon“ an willhaben@curt.de.

Das Gewinnspiel ist beendet, die CDs wurden versandt.

TEXT: Oliver Armknecht

 


About Mirjam Karasek

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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.