Gehört: Jay Brannan – Always, Then & Now

Die Welt ist groß, verwirrend und manchmal auch echt gemein – zumindest drängt sich der Eindruck auf, wer das neue Album von Jay Brannan hört. „Always, Then, & Now“, der vierte Longplayer des Folkbarden, ist zwar ausschließlich als Download erhältlich, musikalisch ist aber alles beim alten geblieben. Noch immer orientiert sich der Texaner weniger an Cowboy und Rodeo, sondern am sensiblen Singer-Songwritertum meist weiblicher Prägung. Das heißt, hier wird es oft traurig oder wütend, ohne dabei jedoch allzu laut zu werden.

Dabei fängt „Always, Then, & Now“ gar nicht mal so negativ an. Das Titellied präsentiert Jay Brannan zwar in einer schmachtenden Stimmung, zeitgleich hat der Opener aber auch etwas Tröstliches an sich.

„I’ll put the coffee on, you just rest
You’ve got healing to do
And when the pain is gone we’ll get you dressed
In something much less blue“

Und auch bei „Changed“, dem letzten der zwölf Tracks, hat sich die Stimmung schon wieder deutlich aufgehellt. So schlimm kann das Leben gar nicht sein, dass nicht das Lächeln eines Fremden alles wieder gut macht, wenn es nach Brannan geht.

Zwischendurch heißt es jedoch, den einen oder anderen Dämon zu vertreiben. Mit „After All This“ und dem Kneipenschunkler „Uncle Auntie Socialite“ finden sich gleich zwei bittere persönliche Abrechnungen auf dem Album, „Burn Into the Son“ ist ein klassisches Anti-Kriegs-Lied, bei „Square One“ prangert er die Wegwerfgesellschaft an, die heutige Tendenz, den Neuanfang zu glorifizieren und an nichts mehr festhalten zu wollen, nirgends mehr etwas von sich selbst zu investieren. Und auf „My Last Day on Earth“ wird es dann vollends finster, wenn sich der 32-Jährige kopfüber in seine eigenen Abgründe stürzt und Erlösung in der Dunkelheit sucht, in der Auflösung.

„There’s something dark, ugly but beautiful
Crawling underneath my skin“

Genretypisch wird dieser Seelenstriptease hauptsächlich von akustischer Gitarre begleitet, manchmal auch von Klavier, das Tempo ist meist im mittleren bis unteren Bereich. Hin und wieder durchbricht Brannan das Schema und zeigt, dass er bei aller Tendenz zur betonten Ernsthaftigkeit und Weltverbesserambitionen auch eine humorvolle Seite hat: „Takeoff“ ist eine bewusst unsinnige Vertonung eines Countdowns, beim Novelty-Song „No Ship“ verzichtet er auf die übliche Instrumentierung, begleitet sich nur mit einer Rassel und legt dabei auch einen Zahn zu.

Dennoch sollte man schon etwas für die typischen Singer-Songwriter-Sensibilitäten übrig haben und nicht mit allzu viel Zynismus an die Sache gehen, sonst droht hier viel Ungemach. Wer jedoch Alben von Tracy Chapamn oder Joni Mitchell sein eigen nennt – zwei der erklärten Inspirationen Brennans – findet hier oft ausgesprochen schönen Nachschub, der bei Liedern wie „Square One“ sogar richtig eingängig wird. Gelegenheit, diese intime Wohnzimmeratmosphäre mit anderen zu teilen, bietet sich übrigens am 5. Oktober, wenn der Sänger im Rahmen seiner Europatournee auch München einen Besuch abstattet und im Strom auftritt.


Jay Brannan „Always, Then, & Now“ // Download only

Jay Brannan // 5. Oktober 2014 // Einlass 20.30 Uhr, Beginn 21.30 Uhr  // Strom // VVK 16 Euro zzgl. Gebühren