Gehört: Dub Thompson – 9 Songs

Auf nichts kann man sich aber auch mehr verlassen bei den jungen Leuten.

Da nennen Sänger/Gitarist Matt Pulos und Drummer Evan Laffer ihr Debütalbum schon „9 Songs“ – was jetzt nicht unbedingt der Gipfel der Kreativität darstellt – und dann stimmt das nicht einmal. Gerade mal acht Lieder sind hier zu finden, kein Hidden Track vollendet die neun. Auch sonst haben die beiden 19-Jährigen aus einem Vorort von Los Angeles kein großes Bedürfnis danach, irgendwelchen Erwartungen zu entsprechend. Frei nach dem Motto „Genres sind überbewertet“ wird hier alles zusammengeschmissen, was nicht zusammengehört. Sollen doch andere das Chaos hinterher aufräumen.

Beim Opener „Hayward“ könnte man zum Beispiel noch meinen, es mit Nachwuchs aus dem Garage Rock das Vergnügen zu haben, wenn jaulende Gitarren und die krachendes Drum wie ein Gewitter durch die Gehörgänge jagen, dazu irgendwo am Ende des Gangs ein Stimmenecho ziellos umher hallt. „Dograces“ lässt dreckige Gitarrenriffs, Gedudel aus Weihnachtscartoons und ein bedrohliches Rauschen aufeinandertreffen. Und bei der brillanten Single „No Time“ wiederum wirkt es die ersten 30 Sekunden so, als hätten wir auf dem Dachboden ein verlorenes Lied von Massive Attack gefunden, bevor die Trip-Hop-Anleihen durch nicht minder hypnotischen Psychedelic Rock ersetzt werden.


Dub Thompson – „No Time“ (Official Video) von scdistribution

Auch „Mono“ erinnert an die seligen 60er, als rosafarbene Elefanten noch ungestört durch den Himmel fliegen durften und ein Bewusstsein dafür da war, es zu erweitern. Und das geschieht hier durch computergestützten New Wave aus den 80ern. Ein bisschen so wie bei The KVB, nur härter und mit noch weniger Melodien.

Auf letztere muss man allgemein bei „9 Songs“ größtenteils verzichten, an Mitsingnummern haben Matt und Evan nur wenig Interesse. Selbst der eigene Gesang steht hier im Hintergrund – wortwörtlich. Zwar dürfen wir, abgesehen vom instrumentalen Titellied, immer die Stimme des Frontmanns hören, sie wurde aber unter den Soundexperimenten begraben, oft auch verzerrt. Das ist sehr spannend, zumal zusätzlich das Tempo immer wieder gewechselt wird, mitunter auch während des Liedes selbst. Wenn nach nicht einmal 30 Minuten der CD-Player wieder schweigt, kann man als Fazit gar nicht so genau sagen, was man da eigentlich gehört hat.

Gleichzeitig ist der kurze Longplayer aber auch irgendwo anstrengend, eben weil er es einem so schwer macht, sich irgendwo festzuhalten, an Lyrics, der Stimme oder immerhin einem Stil. All das klappt nicht, die liebgwonnenen Gewohnheiten führen ins Leere, immer wieder brechen die Lieder krachend auseinander. Für das stille Kämmerlein ist das Ergebnis deswegen vielleicht weniger gut geeignet, Dub Thompsons Musik ist zum Erleben da. Gerade „Epicondyles“ schreit danach, auf Festivals gespielt zu werden, in dunklen Clubs, überall dort, wo es sich gut mitreißen lässt. Vielleicht beehren uns die beiden Debütanten dann ja auch mal mit einem Konzert, statt nur in den USA zu touren. Interessant wäre es, was sie in einem anderen Kontext aus den Nummern so rausholen. Doch bis es so weit ist, darf man in der Zwischenzeit mit den deutlich retrogefärbten Studioversionen schon mal seinen Spaß haben. Und dabei feststellen: Unzuverlässigkeit ist manchmal gar nicht so verkehrt.
TEXT: Oliver Armknecht