Gehört: Drugstore –
„The Best of“

Erinnert sich noch jemand daran, wie es war, als das M in MTV für Musik stand, gute Musik sogar? Anfang bis Mitte der 90er war das, man sprach damals noch ausschließlich englisch, Kultmoderatoren wie Ray Cokes oder Paul King führten durchs Videoprogramm und ganze Sendungen widmeten sich neuen, unverbrauchten oder zumindest irgendwie anderen Bands. Sendungen wie „120 Minutes“, Bands wie Nirvana. Tatsächlich wurde „Smells Like Teen Spirit“ seinerzeit zum ersten Mal in besagter Show gezeigt, die sich ausschließlich Musik fernab vom Mainstream verschrieben hatte. Und damit auch Musik der englischen Indiegruppe Drugstore.

Drei Menschen auf der Bühne in einer Cocktailbar, an der Spitze eine kleine zierliche Frau mit langen, leicht auftoupierten Haaren. „I still got the knife that I used to get rid of that guy“, singt sie mit verrauchter, irgendwo lebensüberdrüssiger Stimme, als wäre sie selbst die beste Kundin dieser Bar. 1995 war das, „Nectarine“ hieß der Song. Die dritte Single aus dem schlicht „Drugstore“ genannten Album, aber das erste Lied, das ich je von ihnen hörte. So wie ich vorher noch nie etwas Vergleichbares gehört hatte. Klar, die Vergleiche zu Mazzy Star lagen auf der Hand: Eine Frontfrau mit hauchender Stimme singt leise verträumte Lieder. Passend dazu zeigte das Cover des Debüts einen Planeten, die Rückseite eine Rakete, die Tracks hatten Titel wie „Baby Astrolab“, „Superglider“ oder „Starcrossed“. Und wenn man die Augen schloss, konnte man sich auch wirklich problemlos vorstellen, sanft durch das Weltall und die Dunkelheit zu gleiten, begleitet nur von dieser Stimme.

Drugstore Isabel Monteiro by Katja Medic

Drugstore Isabel Monteiro by Katja Medic

Doch anders als Hope Sandoval hatte Isabel Monteiro, so der Name der Sängerin und gebürtigen Brasilianerin, eben immer dieses Messer dabei, ein Feuer in der Brust, wie man es von der feenhaften Kollegin nicht kannte.

„You either die or you keep on burning alive
And I’m burning“

„Alive“, die Debütsingle des Trios, gab nicht nur textlich die Marschrichtung vor, sondern war einer der Gründe, warum es „Drugstore“ immerhin unter die UK Top 40 schaffte, und wurde später sogar von Jeff Buckley gecovered.

Als 1998 der Nachfolger erschien, war der große Durchbruch eigentlich nur Formsache. Als Lead Single erreichte „El President“ die Top 20, sicher auch dank Thom Yorke, der mit ihr im Duett sang und das Jahr zuvor mit seiner Band Radiohead und „Ok Computer“ in den Musik-Olymp aufgestiegen war. Und doch konnte „White Magic for Lovers“ nicht an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen, obwohl die Musik diesmal deutlich abwechslungsreicher und flotter war: Neben der typisch traumhaften Ballade „Song for Pessoa“ durfte in „Mondo Cane“ richtig gerockt werden, eine Mariachiband hatte einen Gastauftritt und das herrlich gemeine „The Funeral“ sorgte für einen krönenden Abschluss, komplett mit Feuerwerken, roten Rosen und Fotzen aus Gold.

Geholfen hat es nichts, als drei Jahre später das dritte Album „Songs for the Jet Set“ erschien, war nicht nur „120 Minutes“ Geschichte, Drugstore waren es auch. Was folgte war ein Jahrzehnt ohne Spotlight, ohne große Bühne, dafür mit Depressionen, Armut, einem Leben in Sozialwohnungen. Als 2011 fast schon unerwartet und nach langem Kampf doch noch ein viertes Album erschien, waren die einstigen Fans in alle Winde zerstreut. Doch wer die lange Durststrecke durchgestanden hatte, wurde bei „Anatomy“ mit zehn Liedern belohnt, die trotz neuer Bandmitglieder die alten Qualitäten fortführten. Tatsächlich erinnerten die zurückhaltenden, melancholisch-düsteren Lieder sogar an das inzwischen 16 Jahre alte Debütwerk. Nur sang Isabel in den intimen Stücken eben nicht mehr von fernen Planeten, sondern von ihren Erlebnissen und ihrem Abstieg.

„The Best of Drugstore“ vereint nun 20 Lieder aus diesen vier Alben, irgendwo zwischen Dream Pop, Indie Rock, Folk und Alternative Country. Ein wirkliches „Greatest Hits“ wurde die Compilation nicht, dafür fehlen einfach zu viele Singles (neben „Nectarine“ unter anderem alle drei Auskopplungen aus dem dritten Album). Dafür finden langjährige Anhänger neben einer neuen Fassung von Fanfavorit „I Know I Could“ auch zwei seltene B-Seiten, darunter das mitreißende „The Night the Devil Came to Me“. Ein guter Rundumschlag, der wie schon „Anatomy“ durch das wehmütige „Clouds“ abgeschlossen wird:

„So I thought about nothing at all
Just drifting away in the sea
So, this is the end of the road, now I see“

Ein böses Omen für alle, die vielleicht doch noch auf ein fünftes Album hoffen? Zum Glück nicht, denn direkt dahinter, ungenannt auf der CD-Rückseite, versteckt sich als 21. Lied eine Neuaufnahme der Gute-Laune-Hymne „Say Hello“, auf dem sie nicht nur alle Junkies, Nutten und Freaks begrüßt, alle Verrückten, Einsamen und Schwärmer, sondern die ganze Welt gleich noch mit. Wer seine Sammlung komplettieren möchte, darf für die Neuaufnahmen und B-Seiten zugreifen. Wer Drugstore noch gar nicht kennt – und das werden viel zu viele sein –, sollte das sogar. Und sei es nur, um sich daran zu erinnern, warum für Musikverrückte das Fernsehen früher mal eine verdammt coole Sache war.

TEXT: Oliver Armknecht


About Mirjam Karasek

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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.

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