25. Januar
Friska Viljor @ Neue Theaterfabrik

Daniel Johansson und Joakim Sveningson. Bei so vielen -sons in den Namen beider Frontmänner soll ihre Herkunft kein Geheimnis bleiben. Eben diesen einst verloren geglaubten Seelen und tonnenweise Liebeskummer haben wir heutige Ohrwürmer wie „Shotgun Sister“ oder „Old Man“ zu verdanken. Alles begann im Tumult des Stockholmer Nachtlebens …

Zwei Freunde, beide totally broken hearted und bierdurstig as hell, wanken von Bar zu Bar zu Bar und schließlich, umhüllt von Melancholie und noch mehr Alkoholdunst, ins Studio. Aus Promille und Herzschmerz und Gitarren und dem letzten Rest heiserer Stimme entstand die fröhliche Basis ihres Debütalbums „Bravo!“ – und mit ihr der Beschluss, fortan eine Band zu sein. Als Friska Viljor („Gesunder Wille“) wollte man all das (trinken, Songs schreiben, Instrumente klimpern, trinken, Lalalas einsingen und weitertrinken) gemeinsam mit vier weiteren Freunden künftig öfter machen. Im Januar 2005 war das – und seither ist viel passiert.

Die erste Single „Gold“ springt im nächsten Frühjahr straight auf Platz 11 der schwedischen Singlehitliste, das Album macht sich’s auf der 38 recht gemütlich. Folglich und zu recht breit gebrüstet, beschließt das Gründerduo, damit Deutschlands Straßen zu bespielen. Erster Stopp: Hamburg. Und was eignet sich besser, um einen ersten Eindruck von Stadt und ihren Bewohnern zu gewinnen, als abendliche Kneipentouren? Exactamente. Wenig ist’s. Also nix wie ab nach St. Pauli und rein in Clubs und Bars und rein mit Bier und Schnaps und allerhand. Aber auch so ein Partyleben wird auf Dauer a) langweilig und b) kostspielig. Mit einer Handvoll Platten trotteten die beiden also verkatert von einem Record Store zum nächsten, um eben diese loszuwerden. Wurden sie, bei Steve im Back Records zum Beispiel. Der fand den Sound der Schweden so dufte, dass er ihnen noch am selben Abend ein Konzert in seinem Shop ermöglichte. Und da war sie, die Euphorie, der Beginn einer Lovestory zwischen Friska Viljor und Hamburg, die so schnell nicht enden und vielleicht für immer sein sollte. Der Plan, nach der Hansestadt auf ähnliche Weise auch Berlin zu erkunden, war jedenfalls schnell dahin. Zu wohl fühlte man sich, zu viele Locations, die es zu erspielen galt, gefüllt mit zu vielen, ihren Sound derbe feiernden Menschen. Mit „Wohlwillstraße“ (jener, in der mit der Plattenladen-Show alles begann) widmeten sie der Stadt flugs einen eigenen Song.

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https://www.youtube.com/watch?v=WinQfosyOB8

Doch das liebe Heimweh macht auch vor bärtigen Schweden keine Ausnahme und zog das Duo schließlich zurück in den Noch-mehr-Norden, wo Festival- und Clubkonzerte folgten. Eine gemeinsame Tour mit der amerikanischen Indie-Folkband Eagle*Seagull führte sie bald schon, jep, zurück nach Hamburg. Die anschließende Headliner-Tour brachte noch mehr Euphorie und noch mehr Menschen vor noch größeren Bühnen und dazu noch mehr Bier.

Auch textlich dreht sich vieles um Rausch und all seine Konsequenzen: Sinnsuche, Hoffnung, Euphorie, Liebe und anschließender Schmerz, der Vorsatz eines Lebenswandels und schließlich dessen Scheitern, jeweils begleitet von ein wenig Rock’n’Roll. Uuuund Repeat. Unterlegt mit den verrücktesten Instrumenten, klingt das Ergebnis schwer nach „Kindermusik mit erwachsenen Texten“ (Joakim). Soll heißen: unbeschwert und eingängig, fröhlich, poppig, feeld-good-fördernd.

Doch weil sich vor dem Älter- und zwangsläufig auch irgendwie Reiferwerden niemand so recht drücken kann, beschlossen eines Tages beide, sich darauf einlassen zu wollen. Das volle Programm sollte es werden, mit Frau und Kind und vielleicht einem zweiten, weit weg von Ruhm und Kreischegirls und allen Bühnen dieser Welt und nix wie ab an Kinderbetten, deren Inhalte es allabendlich in bunteste Träumchen zu singen, lesen, sonst was gilt. Das Family-first-Argument ließ diese „Pause auf unbestimmte Zeit“ verzeihen. Läuft bei denen, könnte man meinen.

Aber irgendwann kommt immer der böse Wolf und frisst die Oma, Geislein oder macht sonstwie alles kaputt. Schnappt sich flink die Stecknadel und rammt sie wuchtig mitten rein in die pudergezuckerte Märchenweltblase. Im Falle der Schweden kam er in Gestalt von Absturz (dem richtigen, nicht bloß dem allabendlichen, zu-tief-ins-Glas-geguckt-geschuldeten). Der Verlust von Frau und Kindern hinterließ einen gebrochenen Joakim, der sich schwor, niemals mehr Musik machen zu wollen. Was haben wir ein Glück, dass Kollege Daniel ihn überreden konnte, das „niemals mehr“ auf zwei Jahre zu begrenzen und die beschworene Endgültigkeit anschließend nochmals zu hinterfragen. Die dann so: Nö, macht ma´ ruhig weiter. Und wir alle so: YEAH!

Die Fanbase von alledem lange unwissend und Joakim wie Daniel noch immer vor Gitterbettchen schmachten vermutend, war ganz aus dem Häuschen, als im September im Rahmen des wunderbaren Reeperbahnfestivals (Hamburg!) eine mysteriöse Truppe namens „Shotgun Sisters“ angekündigt und als „alte Bekannte aus dem hohen Norden“ bezeichnet wurde. Überrascht war also kaum jemand, also da plötzlich das Friska Viljor Duo die Bühne betrat, erfreut umso mehr. Niemand wusste so ganz, was in den kommenden 45 Minuten so passieren würde und wie Joakims Ansage zu Konzertbeginn gemeint war: „This is not going to be a party. This is going to be a funeral.“ Manch einer hatte es noch immer nicht gerafft und lachte verlegen, doch tatsächlich herrschte zentnerschwere Melancholie und noch mehr Ernsthaftigkeit. Statt Partylaune und Singalongs präsentierten die beiden eine exklusive Auswahl neuer, größtenteils noch unfertiger Songs mit teils dramatischen, abgründigen Texten. An der Aussage Daniels, die letzten Jahre seien die schlimmsten seines Lebens gewesen, zweifelte in diesem Moment wohl kaum mehr einer. Am Ende dann doch noch ein wenig HURRA: Die Friskas kündigten eine Tour für Frühjahr 2019 an. Dann mit fertigen Songs und besser gestimmt, for sure.


Friska Viljor > www.friskaviljor.net // 25. Januar // Einlass: 19 Uhr, Beginn: 20 Uhr // Neue Theaterfabrik // VVK 25 Euro zzgl. Gebühren

Foto: Dennis Dirksen