Epic Fail Night
Im Gespräch mit Sabine Sikorski

„Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Besser als Samuel Beckett kann man es eigentlich nicht ausdrücken: Manchmal müssen wir scheitern, um erfolgreich zu sein. Inzwischen ist das Scheitern auch nichts mehr, wofür wir uns schämen müssen. Denn es kann und wird jedem von uns einmal passieren. Warum also nicht öffentlich darüber sprechen? Das dachten sich auch die Organisatoren der Epic Fail Night. Seit knapp zwei Jahren rufen sie regelmäßig dazu auf, gemeinsam das Scheitern zu thematisieren.

Die Idee zur Epic Fail Night kam Sabine Sikorski, eine der Organisatorinnen, nachdem sie von den sogenannten Fuck Up Nights gelesen hatte. „Ich fand die Idee toll und vor allem wichtig, nicht immer nur über unsere Erfolge zu sprechen, sondern auch mal über das Scheitern. Davon lernt man viel mehr. Als ich die Fuck Up Nights entdeckt habe, habe ich einfach mal getwittert: ,Wann gibt es so etwas in München?‘ Ziemlich schnell kamen sehr viele Antworten à la ,Ich hätte etwas zu erzählen!’”. Just zu diesem Zeitpunkt war Sabine selbst an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angelangt – auf Jobsuche und in einer Phase der Neuorientierung. Eigentlich hatte sie gar keine Zeit, sich um ein neues Event zu kümmern. Am Ende tat sie es doch. Was ursprünglich als einmalige Sache gedacht war, gibt es inzwischen seit über zwei Jahren. Von Aufhören ist längst keine Rede mehr.

Das Prinzip ist einfach: Drei Menschen stellen sich pro Abend dem Publikum und erzählen darüber, wie sie gescheitert sind – das Thema ist dabei ganz egal. Ob es nun beruflich ist, ob das Herzensprojekt gescheitert ist oder die Datinghölle den Sinn für Romantik getötet hat – versagen kann man in vielen Bereichen. Darüber zu sprechen, kann hart sein – aber es hilft auch. Und der Zuhörer hat ebenfalls etwas davon: Jeder erkennt sich vermutlich in einer Geschichte wieder und stellt fest, dass er nicht alleine ist mit seinen geplatzten Träumen. Gemeinsam scheitern – das Prinzip funktioniert. Schon die erste Ausgabe der Epic Fail Night war alles andere als ein Fail: Die Leute standen bei eisigen Temperaturen Schlange vor der Tür!

Erfolg haben und darüber sprechen – einfach! Scheitern, dazu stehen und darüber vor vielen Menschen berichten – schon schwieriger. „Durch die sozialen Medien haben wir wahnsinnig viele Möglichkeiten, uns positiv und in gutem Licht darzustellen. Oft ist diese Darstellung sehr einseitig: Jeder zeigt nur das, was die anderen sehen sollen. Die wenigsten Menschen schreiben: ,Mir geht es gerade richtig schlecht.‘ Mir ist es auch schon passiert, dass Bekannte mich angeschrieben haben und dachten, mein Leben würde super laufen, obwohl es gar nicht stimmte“, erzählt Sabine.

Sabine Sikorski

Bei der letzten Epic Fail Night erzählte beispielsweise Jonas, wie er als junger Filmemacher zunächst scheiterte. Zu Anfang wurde er nicht an der HFF (Hochschule für Fernsehen und Film) angenommen, dann verpasste sein Film knapp die Qualifikation in einem Filmwettbewerb. Kurz: Es ging so einiges schief. Aber wie das so ist, wenn man etwas mit Leidenschaft macht: Das Scheitern hielt Jonas nicht auf. Inzwischen ist sein erster Film fertig und wird auf verschiedenen Filmfestspielen gezeigt. Der Erfolg kam – doch dazu musste Jonas eben erst einmal ganz unten ankommen. Zwischen den jeweiligen Vortragenden gibt es immer ein bis zwei sogenannte „Quickies“: Geschichten von berühmten und erfolgreichen Menschen, die ebenfalls einmal gescheitert sind. Niemand ist davor sicher, auf der Nase zu landen – und das zu sehen, ist irgendwie beruhigend.

Bei der Epic Fail Night kann jeder mitmachen. Die Akquirierung ist dabei für die Organisatoren eine so vielfältige Sache wie ihre Thematik: Sie schöpfen aus ihren Netzwerken, werden angesprochen und rufen natürlich auch dazu auf, dass potenzielle Speaker sich melden. „Wenn jemand davon erzählen will, dass er jeden Morgen daran scheitert, pünktlich aus dem Bett zu kommen und zehnmal snoozt, dann geben wir ihm auch eine Bühne!“ Aber nicht jeder möchte über das Scheitern auch reden, denn gerade denen, die noch nicht wieder aus ihrem Loch herausgekommen sind, fällt eben das oftmals schwer. Aber auch solche Redner gab es schon – eine für alle Beteiligten besonders emotionale Situation. Es kostet Überwindung, einen solchen Seelenstriptease hinzulegen. Aber erfahrungsgemäß geht es danach besser.

Jede Geschichte des Scheiterns ist spannend, aber natürlich gibt es Highlights, die Sabine besonders im Gedächtnis geblieben sind. Ihre liebste Geschichte? Ein Mann, der insolvent ging, bei dem gleichzeitig ein schwerer, nicht heilbarer Herzfehler diagnostiziert wurde und dessen Ehe auch noch in die Brüche ging. Mehr Scheitern geht fast nicht. Er bekam von einer Bekannten den Tipp: „Lach doch mal wieder.“ Anstatt sich über den scheinbar dummen Kommentar aufzuregen, nahm er den Rat an und besuchte Lachseminare. Nicht nur tat ihm das gut – er ist jetzt selbst erfolgreicher Lachtrainer. Durch die Macht des Lachens heilte er sogar seinen Herzfehler. Und bei seinem Auftritt bei der Epic Fail Night teilte er sein Wissen. Innerhalb weniger Minuten lag das Publikum lachend auf dem Boden. Solche Geschichten zeigen, warum diese Abende so wichtig sind.


Über das Scheitern zu reden, scheint langsam ein Trend zu werden. Und natürlich gibt es auch den Gegentrend, der sagt: Glorifiziert das Versagen nicht so. Da ist durchaus etwas dran, meint Sabine: „Man muss aufpassen, dass man sich nicht zu sehr in seinem Scheitern vergräbt und am Boden bleibt. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Aber bei uns soll ja vor allem auch erzählt werden, wie Menschen aus ihrer ausweglosen Situation herausgekommen sind. Denn gerade diese Tipps kann das Publikum mitnehmen und auf das eigene Leben anwenden. Die Botschaft, die wir vermitteln wollen: Nichts ist wirklich das Ende der Fahnenstange, es geht immer weiter!“

Epic Fail Night > Infos und Termine siehe Facebook


Das Interview ist in unserer Ausgabe curt #87 erschienen.


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