Im Gespräch: Emre Akal

Die freie Szene stellt sich vor #3

In dieser Interviewreihe stellt Mandana Mansouri exklusiv regelmäßig Künstler*innen der Freien Szene in München vor. Das Ziel der Reihe ist es Licht ins Dunkel zu bringen und natürlich am Ende des Tages immer der Weltfrieden. Für curt Leser*innen, die gerne gespoilert werden, gibt es auch eine Website


Emre Akal lebt als Autor und Regisseur in München. Seine Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle von Choreografie, Installation und Bildkomposition. Seine Stücke waren im Stadttheater Bakirköy in Istanbul, an den Münchner Kammerspielen, am Maxim Gorki Theater in Berlin und der freien Szene in München, Stuttgart und Wien zu sehen.

KOPFKINO ist eine Podcast-Reihe von Henriette Fridoline Schmidt und Benno Heisel in Koproduktion mit HochX Theater und Live Art. Texte junger Münchner Autor*innen laden zu einem literarischen Spaziergang durch München ein. Einfach Kopfhörer aufsetzen und losspazieren!

Was bedeutet es für dich ein Teil der freien Szene in München zu sein?
Für mich ist es immer wichtig gewesen zu hinterfragen was Freiheit bedeutet im Kontext einer Kunst, die abhängig ist von der Entscheidung von Kurator:innen. Für mich gibt es die eine Freie Szene nicht, wenn dann gibt es viele Freie Szenen, oder sagen wir Akteur:innen einer Kunstproduktion, die nicht an Institutionen gebunden ist. Für mich persönlich hat das sogenannte freie Arbeiten bedeutet, mich auszuprobieren und in Ruhe scheitern zu können, vor allem aber mich verbinden zu können mit Menschen, die sich einsetzen für bessere Bedingungen und Möglichkeiten in der Kunst, wie das Team des Hoch X München, zum Beispiel. Ich begreife mich als ein Hybrid zwischen Institution und „Freier Szene“ und so sehe ich auch meine Arbeiten an. Ich entziehe mich Labels und Zugehörigkeiten ganz bewusst, da ich der Meinung bin, dass man immer wieder alles hinterfragen muss, auch und vor allem sich selbst und die Kunst.

Du arbeitest als Autor und Regisseur, machst Kunst mit deinem Zwillingsbruder. Wie fing alles an?
Alles fing als Zuschauer an, schon als Kind. Zuschauen beim Leben anderer, Zuschauen und Zuhören. In die Abgründe und Täler der Menschen um mich herum hineinblicken. In der Schule z.B. gab es diesen einen Moment, den ich nicht vergessen kann: Ich sah, dass die Lehrerin ihre Lippen bewegte, vermutlich sprach sie, bei mir kam aber in Zeitlupe eine Melodie an, aus ihrem Mund. Ich sah mich um, bemerkte, in Zeitlupe, wie die anderen, wunderschönen, Kinder sich ganz perfekt meldeten. Ich sah wieder zur Lehrerin und erkannte, dass sie mich meinte, und ich fragte mich was sie meinen könnte, ich hatte ja keinen Inhalt verstanden. Ich machte das, was ein schlauer Mensch, der zu dem Punkt noch nicht wusste, dass er es ist, eben tun musste: ich sang zurück, eine eigene Melodie, und alle lachten. Das war die Stunde der Geburt vom Künstler Emre Akal, einer der zu schlecht war in der Schule, um ein „normales“ Leben zu führen, oder vielleicht auch andersrum, wer weiß.

Welche Herausforderung hast du dabei gemeistert?
Ich kann sagen, ich bin durch viele Täler gewandert und habe fast alles ausprobiert, was man ausprobieren kann. Die gesamte Skala des Klassismus rauf und runter gerannt. Dabei dachte ich oft die Hindernisse lägen im Außen, was sie teilweise in Systemen, die geprägt sind von strukturellem Rassismus, oft tun. Irgendwann aber habe ich bemerkt, dass die größte Herausforderung nicht im Außen sondern im Innen liegt. Also das man am Ende halt immer noch man selbst ist, daran kann man sich ewig abarbeiten.

Gibt es weitere Kunstformen, die dich interessieren? 
Die bildende Kunst ist für mich ein:e sehr wichtige Inspirationsgeber:in. In Bildern unterschiedlichster Arten kann ich Stimmungen herausfiltern, Emotionen. Das gleiche gilt für die Musik. Oft lasse ich beim Arbeiten Stimmen anderer Künstler:innen (z.B. aus Interviews mit ihnen) oder Musiken im Raum klingen und verbinde mich damit. Da passiert ganz oft eine spannende Symbiose, als sei man in einem gemeinsamen Raum, als könne man voneinander lernen.

Wenn du dir etwas wünschen könntest, wen würdest du gerne unter den Zuhörer*innen wissen?
Meine Eltern. Sie gehören zu einer Generation von Menschen in diesem Land, die zu einer sehr großen prozentualen Wahrscheinlichkeit nicht an so einem Format teilnehmen werden bzw. es können. Das sind Fragen, die mich beschäftigen, schon immer, und auch jetzt. Wie wird Kunst zu etwas, das nicht exklusiv ist, das mehr Menschen meint, als ein gewohntes Publikum.


ONLINE STREAM
Hier gehts zum Kopfkino Podcast 

Eigentlich war eine erste Live-Version am 08./09./10.04 geplant. Da diese durch Covid nicht stattfinden wird, gibt es nun alternativ 08./09./10. April 2021 : KOPFKINO-PODCAST me BACK.

Das Stadtporträt wird erweitert und die Hörer *innen sind einladen, die Folge vor Ort zu hören und ihre Beobachtungen mit den Macher*innen zu teilen. Am 08./09./10. April 2021 wird ein altes gelbes Postrad an die gelben Briefkästen am Odeonsplatz. Dort findet man im Fahrradkorb vorn eine Box mit zwei Möglichkeiten:

POSTCARD ME BACK: Postkarten, die beschrieben werden können und in die Box gesteckt werden sollen. Eine Anleitung dafür findet man ebenfalls an dem gelben Rad.

PODCAST ME BACK: eine Telefonnummer kann angerufen werden, die man ebenfalls an dem gelben Rad findet. Dort wird ein Anrufbeantworter rangehen. Nach dem Piep hat jeder ca. 30 Sekunden Zeit, um seine Beobachtung oder/und Stimmung mitzuteilen.


 

TICKETS
Die Künstler*innen freuen sich über eure freiwilligen Beiträge. Diese stellen die Gage der Künstler*innen dar, da sie momentan kein Einkommen aus Liveauftritten generieren können. Henriette Schmidt / DE69 5003 3300 2746 7046 00 / Santanderbank oder via Paypal an henriette-schmidt@web.de

Bitte beachten: Es handelt sich nicht um eine gemeinnützige Organisation, die Erteilung einer Spendenquittung ist daher nicht möglich.

Foto: © Jean-Marc Turmes