Auf DVD: Winterschlaf

Schon im Sommer ist das Hotel in der abgeschiedenen Berglandschaft Zentralanatoliens nicht unbedingt von Menschen überlaufen, im Winter wirkt es so, als wäre die Zeit stehengeblieben. Für dessen Besitzer, der pensionierte Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer), bietet sich dadurch die Muße, über Gott und die Welt nachzudenken, aber auch über das erkaltete Verhältnis zu seiner Frau Nihal (Melisa Sözen). Aydins Schwester Necla (Demet Akbag) ist da schon weiter, will die Ruhe nutzen, um ihre Scheidung zu verarbeiten. Doch glücklich ist keiner der drei, von der Außenwelt isoliert brechen nach und nach lange unterdrückte Gefühle hervor, die Konflikte zwischen den drei werden immer zahlreicher und auch schärfer.

DVD Winterschlaf Rezension curt München

Enge und Isolation, das war für ein harmonisches Miteinander noch nie sonderlich förderlich. Welche fatalen Folgen es haben kann, in einem abgelegenen Hotel eingeschneit und zusammengepfercht zu sein, das hatte Kubrick seinerzeit bereits in dem Horrorklassiker „Shining“ bewiesen. Nuri Bilge Ceylan nutzte in „Winterschlaf“ nun ein ganz ähnliches Szenario, tilgte jedoch jeden Hinweis auf potenzielle übernatürliche Kräfte. Im Gegenteil: Aydin mokiert sich über jeden, der es auch nur wagt, an einen Gott zu glauben, der Alptraum, der ist hier von Menschen gemacht, über Jahre gewachsen, aus Unachtsamkeit, Überheblichkeit, Gleichgültigkeit.

Davon ist zunächst jedoch nur wenig zu spüren, vor allem Aydin wirkt am Anfang wie ein kultivierter, großzügiger Mann, der seinem Umfeld in fast allen Belangen weit überlegen ist. Erst mit der Zeit seziert Ceylan die nicht ganz so schöne Wahrheit heraus: Der vermeintliche Menschenfreund kann Menschen eigentlich nicht leiden, nutzt jede Gelegenheit, um seine Überlegenheit zu demonstrieren und anderen ihre Grenzen aufzuzeigen. Nach diesem Prinzip verfährt der türkische Regisseur während seines dreistündigen Epos dann auch bei seinen sonstigen Figuren: Die vermeintlich Guten weisen schlechte Eigenschaften auf, die Schlechten sind besser, als sie den Anschein haben.

Freiwillig zeigt aber keiner der Porträtierten seine unattraktiven Züge, erst durch Reibungen werden sie deutlicher, bis man irgendwann den Eindruck hat, bei einer Nachmittagstalkshow gelandet zu sein, so viel Gift steckt in jedem Satz, jedem Wort, jeder Silbe. Laut wird es dabei jedoch nie, „Winterschlaf“ bedient sich einer Ruhe, die jene der Berglandschaft widerspiegelt. Ein großes Publikum wird Ceylan damit nicht erreichen: Ein knapp 200 Minuten langer Film mit wenig Handlung und ohne größere Geschichte, das ist trotz der messerscharfen Dialoge mindestens eine Herausforderung, für so manchen sicher auch eine Zumutung.

Und doch ist es eine Zumutung, der es sich zu stellen lohnt, die einen mit wunderbaren Aufnahmen der Gegend, nachvollziehbaren und eindringlich gespielten Figuren und universellen Einblicken in die menschliche Natur verwöhnt. Wer also ein wenig Zeit und Geduld mitbringt und Gefallen findet an rein dialogbestimmten Filmen, darf in der fernen Berglandschaft ein sehr gutes Drama um zerstörte Beziehungen erleben, erloschene Gefühle und verlorene Träume, dessen Eiseskälte noch die des schneebedeckten Anatoliens übertrifft.

Fazit: Für ungeduldige Naturen ist „Winterschlaf“ ein Alptraum: Knapp 200 Minuten lang wird hier ausschließlich geredet, kaum gehandelt. Wer sich mit dem Gedanken anfreunden kann, wird mit einem sehr guten und nuancierten Drama belohnt, in dem es keinen Platz für gut oder böse gibt.

Wertung: 8 von 10


Regie: Nuri Bilge Ceylan; Darsteller: Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbağ; VÖ: 26. Juni 2015