Drama-Special – Teil 1

Auch der größte Optimist wird nach dem häufigen Regen der letzten Tage wohl zugeben müssen: Ja, der Sommer ist vorbei – nicht nur für Sonnenanbeter, Open-Air-Kino-Fans und Biergarteneinsiedler ein Grund melancholisch zu werden. Dabei gibt es viel schönere Anlässe, der eigenen Stimmung einen kleinen Dämpfer zu verpassen. Deshalb haben wir uns in unserem neuesten Filmspecial schlaugemacht, was derzeit der Dramenmarkt für alle Freunde bewegender Geschichten so zu bieten hat.

„3096 Tage“

Nicht einmal 9000 Einwohner, keine nennenswerten Einrichtungen oder eine besondere Geschichte: Strasshof an der Nordbahn ist eine der vielen kleinen Gemeinden, wie es sie in Österreich zuhauf gibt. Und doch war der Ort im Sommer 2006 quasi über Nacht zum Mittelpunkt Österreichs, vielleicht sogar ganz Europas geworden: Am 23. August war der 18-jährigen Natascha Kampusch die Flucht gelungen, nachdem sie achteinhalb Jahre von einem Entführer gefangen halten wurde – in einem kleinen unscheinbaren Haus in eben jenem Strasshof.

Diese Geschichte erzählt der Film „3096 Tage“ nach, von der Entführung, als Natascha gerade einmal zehn Jahre alt war bis zu ihrer Flucht als junger Frau. Zwangsweise hält sich die Spannung bei einer Entführung mit einem medial ausgeschlachteten Ende in Grenzen. Umso bemerkenswerter, dass hier nicht versucht wurde, Nataschas gleichnamige Autobiografie künstlich aufzubauschen. Wie der wenig reißerische Titel, so ist auch der Film selbst schnörkellos ausgefallen und lässt seine einzelnen Episoden lieber für sich sprechen. Die sind dank der tollen Schauspielleistungen auch richtig intensiv geworden; immer wieder verstört, mit welcher Selbstverständlichkeit und fast schon Naivität Entführer Wolfgang die Jugendliche zurechtformen will. Ebenso erschütternd sind die Versuche Nataschas, inmitten des Wahnsinns, die Normalität zu bewahren. Dass sich die einzelnen Szenen nicht zu einem roten Faden zusammenfinden, liegt in der Natur der Sache – 3096 Tage sind dann doch zu viel für zwei Stunden Film. Schade aber, dass auf internationale Schauspieler zurückgegriffen wurde, um die Vermarktungschancen im Ausland zu erhöhen.

Regie: Sherry Hormann; Darsteller: Antonia Campbell-Hughes, Thure Lindhardt; VÖ: 5. September 2013

„The Congress“

Die ewige Jugend, für viele eine Wunschvorstellung, für alle jene ein wirtschaftlicher Muss, deren Körper ihr Arbeitsinstrument ist. Prostituierte zum Beispiel. Oder Sportler. Oder auch Schauspieler. Robin Wright etwa erlangte in ihren 20ern durch „Forrest Gump“ weltweite Berühmtheit, ist mit Mitte 40 aber nicht mehr vermittelbar. Also entschließt sich Robin nach einigem Zögern, sich von einem Computer einscannen zu lassen, und überlässt ihrem digitalen und jüngeren Abbild die Bühne. Und genau dieses erlangt plötzlich als Actionheldin Weltruhm. Als Robin 20 Jahre später an einem futurologischen Kongress teilnimmt, lässt sie dabei die Realität hinter sich und mit ihr bald ein Großteil der Menschheit: Eine neue Droge erlaubt jedem, in einer animierten Welt genau das zu erleben, was er erleben will.

Drei Jahre arbeitete Ari Folman an seinem neuesten Film, aber der hohe Aufwand kann sich sehen lassen. Nicht nur dass er geschickt die tatsächliche und die fiktive Robin Wright vermischt, seine Geschichte findet außerdem auf mehreren Ebenen und in verschiedenen Darstellungen statt: Während die ersten 45 Minuten die reale Wright bis zum Scanprozess begleiten, wandelt sich „The Congress“ anschließend zu einem Animationsfilm, wo die unterschiedlichsten Zeichenstile zu einem wunderbar surrealen Traumgebilde kombiniert werden. Erklärungen sollte man jedoch besser keine erwarten, an einer plausiblen Alternativwelt ist Folman wenig gelegen. Vielmehr steht im Mittelpunkt, eingehüllt in eine originelle wie bissige Hollywoodkritik mit herrlich vielen Anspielungen, die alte philosophische Grundsatzfrage: Was ist besser, eine hässliche Realität oder eine schöne Lüge?

Regie: Ari Folman; Darsteller: Robin Wright, Harvey Keitel; Kinostart: 12. September 2013

„Detachment“

„Detachment“, auf Deutsch Distanziertheit oder Loslösung, lautet nicht nur der Titel des Films, sondern auch das Lebensmotto von Henry Barthes. Wobei in seinem Fall die Frage nach Ursache und Folge nicht eindeutig zu beantworten ist. Verweigert er sich jeglicher Nähe zu anderen Menschen, weil er als Aushilfslehrer ohnehin keine längerfristige Beziehung aufbauen kann? Oder wählte er den Beruf, weil er nach dem frühen Tod seiner Mutter keine emotionalen Bindungen mehr will? Und so lebt der Gefühlskrüppel von einem Tag zum nächsten, von einem Job zum nächsten. Bis ihn sein neuester Auftrag mitten in den sozialen Brennpunkt einer High School in New York verschlägt, in der Schüler wie Lehrer jegliche Perspektive verloren haben.

Und so schüttet das Schuldrama ein Kaleidoskop des Schmerzes über dem Zuschauer aus. Starke Szenen gibt es bei diesem Sammelsurium aus gescheiterten Existenzen natürlich zuhauf, zumal die Schauspieler überzeugen können. Es fehlt „Detachment“ jedoch an der letzten Konsequenz. Das fängt schon bei der formalen Umsetzung an. Die Idee, Henrys einmonatigen Aufenthalt in einem Dokumentationsstil zu erzählen, ist sicher legitim, wird aber immer wieder durchbrochen. Während die eingeworfenen Animationseinlagen rührend sind, stören die gelegentlichen Ticks der Kamera – schnelle Kamerafahrten, plötzliche Nahaufnahmen – den Fluss. Schlimmer noch ist, dass durch den mangelnden Fokus auch inhaltlich wenig zurückbleibt. Wenn es Kaye letztendlich nur darum ging, das verrottete amerikanische Schulsystem zu zeigen, ist die Rechnung aufgegangen, denn bis auf wenige Szenen ist „Detachment“ ungemein trostlos geworden.

Regie: Tony Kaye; Darsteller: Adrien Brody, Louis Zorich, Betty Kaye, Christina Hendricks, Sami Gayle; VÖ: 30. August 2013

„Third Star“

Dem hiesigen Publikum ist Benedict Cumberbatch vor allem durch seine Verkörperung von Sherlock Holmes in der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“ bekannt, eventuell auch durch seine Rolle im letzten „Star Trek“. Bevor er Ende des Jahres im zweiten „Hobbit“-Film zu sehen – oder besser zu hören – sein wird, dürfen sich Fans des britischen Schauspielers aber noch einmal davon überzeugen, dass er auch in traurigen Rollen brillieren kann. In sehr traurigen sogar.

„Meine Eltern machen gute Mine, aber wer will schon seine Kinder überleben?“

Viel Zeit bleibt dem 29-Jährigen nicht mehr, ein paar Monate höchstens. Krebs. Endstadium. Doch ein letztes Mal will James mit seinen Jugendfreunden Davy, Miles und Bill an die Küste, ein letztes Mal gemeinsam Spaß haben und in Erinnerungen schwelgen. Doch bei ihrer Reise über Stock und Stein müssen die vier feststellen, dass sich in den letzten Jahren viel angestaut hat, Dinge, über die nie gesprochen wurde, Verletzungen, Kränkungen. Was als launiger Urlaub geplant war, wird so schnell zu einer Konfrontation der eigenen Verfehlungen und der späten Beichten. Und auch James trägt etwas in seinem Herzen, das er den anderen vorher nicht sagen wollte.

Dass ein gemeinsamer Ausflug in die Vergangenheit nicht nur Schönes hervorbringt, kommt nicht wirklich überraschend. Überraschend bei „Third Star“ ist jedoch, mit welcher Permanenz immer neue Geständnisse oder scharfe Auseinandersetzungen das Beisammensein auseinanderreißen. Das ist manchmal schon arg übertrieben und mindert durch die Häufigkeit auch die Wirkung der dramatischen Szenen. Im Gegensatz dazu sind die kleineren, unspektakulären Momente schön authentisch geworden, die Aufnahmen der englischen Küste sehr sehenswert so wie die Bilder und die Kameraführung mit vielen Detailansichten allgemein gelungen. Und gut gespielt ist das Ganze ohnehin, was gerade beim schmerzhaften Ende wichtig ist.

Regie: Hattie Dalton; Darsteller: Benedict Cumberbatch, Tom Burke, J.J. Field, Adam Robertson; VÖ: 13. September 2013

Insgesamt bieten die vier Titel genügend Stoff, um bei den traurigen Schicksalen nach Herzenslust mitzuleiden. Bevor wir euch im zweiten Teil vier weitere Filme vorstellen, haben wir aber auch eine gute Nachricht für euch: curt verlost 3 DVDs des Entführungsdramas „3096 Tage“. Schickt uns dafür einfach eine E-Mail mit Namen, Adresse und Stichwort „3096 Tage“ an willhaben@curt.de.

Die Verlosung ist beendet, die DVDs wurden verschickt!

TEXT: Oliver Armknecht