28. April
Die Nerven im STROM

In Aufregung. „Lass alles los, gib alles frei, nichts bleibt!“, schreit er durch den Raum ehe tribaleske Drums einen nach 2:38 Minuten ohrenbetäubender Abfahrt wieder in die Freiheit entlassen. „Frei“ lautet auch der Titel des ersten Vorboten von „Fake“, dem nunmehr vierten Albums von Die Nerven.

Der Neuzugang in der Diskographie von Deutschlands derzeit wohl bemerkenswertester Band erscheint am 20. April  und “ist in Proberäumen, Studios und auf Theaterbühnen in Stuttgart, Leipzig und Berlin entstanden […] wurde zu guter Letzt von Tonmeister Ralv Milberg in der Toskana live aufgenommen.“ Und überhaupt meint man unheimlich viel über die deutsche Postpunk-Hoffnung aus Stuttgart zu wissen. Es handle sich bei Die Nerven laut ZEIT um „die am miesesten gelaunte Rockband, die dieses Land momentan zu bieten hat”, während der Wiener Standard mit „das vielleicht beste deutsche Trio seit Trio“ eher einen hinkenden Vergleich zieht. Die Nachbarn halt…

Sicher ist jedoch, dass es ich bei Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn um musikalische Grenzgänger und Serientäter handelt, wie sie umtriebiger nicht sein könnten. Die Nerven sind nicht nur eine Band im Spannungsfeld kritischer Musik-Connaisseure, die auf the next big thing aus Deutschland warten, sondern ein im Zeitgeist verwurzeltes Phänomen. Drei Männer, die sich aus dem Werkzeugkasten von Joy Division bis Sonic Youth und Rio Reiser bedienen, dabei jedoch das Genre des sogenannten Post-Punks in alle 360 Grade erkunden. Mittlerweile haben sie eine ganze Szene um sich herum erschaffen. Da dürfen auch ruhig mal in ewiger Anerkennung die Altmeister von Tocotronic im Video zu “Angst” das Schwabentrio mimen.

Mit seiner Band Karies ist Schlagzeuger Kevin Kuhn erst von einer ausgiebigen Tour zurückgekehrt und stand dieses Jahr schon mit seiner Formation Wolf Mountains erneut auf der Bühne. Max Rieger jonglierte zwischen den beiden Die Nerven-Werken „Out“ und „Fake“ seine Zweitband „All diese Gewalt“. Vor lauter Fluidum schob er zusammen mit Drangsal und Stella Sommer mit „die Mausis“ glatt noch eine EP hinterher. Und Julian Knoth? Der macht als Peter Muffin und der Platte „Ich und meine 1000 Freunde« von sich Reden.

Unter den Hirnrinden der drei Ausnahmemusiker brodelt es also teekesselgleich und unaufhörlich. Höchste Zeit also, dass dem kongenial auf Scheibe gebannten Live-Erlebnis „Live in Europa“ nun auch wieder die haptische Wurzelbehandlung zum neuen Album folgt. Mit „Fake“ rottet sich die Stuttgarter Melancholie-Schule für ein stattliches Bündel Shows erneut zusammen und präsentiert den Mix aus Genervtheit, Anspannung, Wut, Melancholie und leicht schimmernder Freude sowie latenter Lust an der Liebe. Am 28. April operieren Die Nerven schließlich wieder in München.

Live: Die Nerven >> Homepage // 28. April // STROM // Beginn 21 Uhr // VVK 19 EUR zzgl. Gebühren